Letztes Update am So, 13.05.2018 07:03

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Schlechte Laune tut uns gut

Heute mal wieder schlecht drauf? Glückwunsch! Die Übellaunigkeit hat nämlich durchaus ihren Sinn. Sie kann sogar zu Höchstleistungen anregen und Probleme besser lösen.

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Von Evelin Stark

Jeder kennt sie, keiner will sie: die schlechte Laune. Wer schlecht drauf ist, sieht alles durch die Miesepeter-Brille und auch vor schlecht gelaunten Kollegen oder Freunden hält man sich in der Regel lieber fern. Denn schon der englische Schriftsteller Charles Dickens wusste: „Nichts auf der Welt ist so wunderbar ansteckend wie schlechte Laune.“

Der Mensch ist aber nun einmal von Natur aus ein wechselstimmiges Wesen: „Es gibt keinen uniform gleichen Zustand“, sagt Josef Marksteiner, Leiter der Psychiatrie und Psychotherapie im Landeskrankenhaus Hall. Wenn jemand dauerhaft gut drauf sei, stimme etwas nicht mit ihm. Manchmal muss man also das ungute Gefühl ertragen, das alles um uns herum etwas dunkler erscheinen lässt als sonst.

Woher die schlechte Stimmung in uns kommt, erklärt der Experte so: „Das sind unbewusste Dinge, die in uns vorgehen und uns möglicherweise belasten. Die Laune kommt zu zwei Dritteln aus dem Unbewussten und ein Drittel wird bewusst beeinflusst.“ Man könne sich also nicht vornehmen, heute gut und morgen schlecht gelaunt zu sein. Dementsprechend solle man sich auch nicht dagegen wehren.

Das wäre auch kontraproduktiv, denn die schlechte Stimmung hat durchaus ihre guten Seiten. Menschen, die nicht gut aufgelegt sind, sind besser darin, analytisch zu denken: „Wenn ich mir vornehme, einen Marathon zu laufen und mir im Sinne des positiven Denkens immer wieder vorstelle, wie ich als Erster durchs Ziel laufe, ist das nur bescheiden wirksam. Besser ist es, wenn ich sage, ich kann mir vorstellen, das zu schaffen, aber ich weiß, welche Hindernisse und Probleme auf mich zukommen“, erklärt der Psychiater. Man könne also Situationen besser beurteilen und vor allem besser reagieren, wenn man nicht nur positiv sei.

Verschiedene Studien internationaler Psychologen und Verhaltensforscher sind zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Schlecht gelaunte Menschen sind zum Beispiel produktiver bei der Arbeit: Wer übel gelaunt ist, der macht demnach weniger Fehler, ist konzentrierter bei der Arbeit und kritischer in der Bewertung als jemand mit guter Laune. Außerdem gibt es Erkenntnisse, die schlechte Stimmung als Hilfsmittel des Menschen ansehen, sich den Umweltbedingungen besser anzupassen.

Wenn zum Beispiel die Aktien eines Anlegers überraschend im Kurs steigen, wird sich seine Laune verbessern. Seine Stimmung wird positiver und optimistischer und er wird eine Anlagestrategie verfolgen, die vielleicht riskant ist, aber zur aktuellen Lage der Börse passt.

Wenn der Kurs wieder fällt, sinkt auch seine Laune und er wird weniger risikofreudig handeln. Dieses Beispiel zur Launenhaftigkeit des Menschen könnte ein Hinweis darauf sein, dass die verschiedenen Launen dem Menschen im Laufe der Evolution geholfen haben, sich schneller auf Veränderungen einstellen zu können.

Es gilt also: Wer schlechte Laune hat, sollte sie ruhig zulassen. „Gute Stimmung geht nicht immer, und es ist gesund, auch einmal nicht so gut gelaunt zu sein“, sagt Marksteiner. Menschen, die es akzeptieren, hin und wieder auch einmal schlecht drauf zu sein, sind nämlich im Schnitt glücklicher als diejenigen, die versuchen, die negative Stimmung zu unterdrücken. Auch wenn also laut Dickens Ansteckungsgefahr herrscht, handelt es sich ganz und gar nicht um eine Krankheit.