Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 31.05.2018


Gesundheit

Bei der Therapie sitzen alle in einem Boot

Das für Patienten kostenlose Tiroler Pilotprojekt Gruppenpsychotherapie ist einzigartig. Eine Billig-Therapie ist die Gruppenarbeit aber nicht.

© iStockphotoGegen den Strom zu schwimmen, hilft nicht immer. In der Gruppentherapie merkt man: Ich bin nicht allein.Foto: iStock



Von Theresa Mair

Innsbruck – Der Mensch ist ein Herdentier. Das ist eine Binsenweisheit, die niemand gerne hört. Denn unsere Gesellschaft hat beschlossen, die Individualität zu feiern. Was zu zählen scheint, ist Selbstverwirklichung.

Die Wertschätzung der Gruppe scheint dadurch ins Hintertreffen geraten. Dabei ist der Alltag geprägt von Interaktionen mit anderen Menschen. Doch auch in der Psychotherapie war die Gruppentherapie lange out, wie Alexandra Sekerovic vom Tiroler Landesverband der Psychotherapeuten (TLP) sagt. 2016 hat der TLP daher entschieden, dass die Gruppenpsychotherapie wieder gestärkt und Vorurteile gegenüber psychischen Erkrankungen abgebaut werden müssen. Mit der Tiroler Gebietskrankenkasse (TGKK) fand er einen entgegenkommenden Kooperationspartner.

In der Folge startete 2017 ein bis dato in Österreich einzigartiges Pilotprojekt zur Gruppenpsychotherapie. Das heißt: TGKK-Versicherte, die sich über die TLP-Homepage für eine Gruppenpsychotherapie anmelden oder von einem Arzt zugewiesen werden, können nach einem Erstgespräch kostenlos an den Sitzungen teilnehmen.

„Die Gruppenpsychotherapie ist hochwirksam und auch kosteneffizient“, sagt Sekerovic. Darüber hinaus stehe sie auch Patienten mit leichten Störungen wie einer beginnenden Depression oder einer leichten Angsterkrankung offen und hat „keine schädlichen Nebenwirkungen“, wie ihre TLP-Kollegin Ines Gstrein betont. Von Menschen mit Flugangst über Patienten mit Essstörungen bis hin zu an schweren Persönlichkeitsstörungen Erkrankten sitzen alle im Sitzkreis zusammen. „Alle in einem Boot“, wie die Therapeutinnen sagen.

Ihre Botschaft lautet: Die Gefahr, dass eine psychische Krankheit chronifiziert, ist groß. Niemand soll so lange warten. „Sobald man einen Leidensdruck verspürt, zu Vermeidensverhalten, Schlafstörungen oder Selbstmedikation mit Alkohol neigt, sowie Stimmungsschwankungen hat, soll man Hilfe suchen“, sagt die TLP-Vorstandsvorsitzende Barbara Haid. Im Tiroler Modell für Einzelpsychotherapie bekämen hingegen nur Patienten mit einer schweren psychischen Störung die Kosten erstattet. Eine Kombination beider Therapieformen wäre ideal.

Als eine „billige Sammelstelle“ möchte Haid die Arbeit in und mit der Gruppe aber nicht verstanden wissen. Hohe Qualitätsansprüche werden gesetzt, wie etwa, dass jede Gruppe von zwei Therapeuten geführt wird. „Eine Gruppe zu leiten ist anspruchsvoll. In diesen eineinhalb Stunden passiert viel – in der Gruppe, zwischen den Therapeuten und Patienten und bei jedem Einzelnen. Jeder soll wieder gut heimkommen“, so Haid.

Der Austausch in der Gruppe bietet zwar eine Knautschzone, eine Komfortzone betritt man bei einer Psychotherapie aber nie. Wie im echten Leben passieren Kränkungen – allerdings könne man diese gemeinsam konstruktiv umwandeln. „Wenn jemand sich selbst überhöht, dann weist die Gruppe denjenigen irgendwann zurecht. Verhalten, mit dem man sowieso beschäftigt ist, wird sichtbar und kann bearbeitet werden“, nennt Sekerovic ein Beispiel. Man lernt voneinander, kann Emotionen ausleben und merkt: Ich bin nicht allein.

Derzeit laufen vier Kleingruppen in Osttirol, Innsbruck-Land, Landeck und Kitzbühel und drei große Gruppen in Innsbruck. Bis Februar 2019 ist das Projekt noch gesichert. Doch die Therapeutinnen sind zuversichtlich, dass die Zusammenarbeit mit der TGKK aufgrund positiver Evaluierungsergebnisse und Rückmeldungen weitergeführt und vielleicht sogar auf andere Kassen ausgeweitet werden kann.

Für alle Auskünfte rund um Psychotherapie hat der TLP eine Hotline eingerichtet: 0512/56 17 34 (jeden Donnerstag, 16 bis 17 Uhr).