Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 21.06.2018


Gesundheit

Eine Lobby für die Labormaus

Die Med-Uni Innsbruck soll weitgehend ohne Tierversuche forschen. Das ist das Ziel eines neuen Netzwerks, das sich um die Entwicklung von Alternativen zu Tiermodellen bemüht.

© iStockphoto(Symbolfoto)



Von Theresa Mair

Innsbruck – Es klingt wie eine Lesung aus einem Science-Fiction-Roman, wenn man Doris Wilflingseder und Judith Lechner zuhört. Die beiden Forscherinnen, die dem interdisziplinären Sprecherteam der neu an der Medizinischen Universität Innsbruck (MUI) gegründeten Forschungsinitiative „MUI animalFree Research Cluster“ angehören, schildern, woran Wissenschafter in den hiesigen Labors und andernorts forschen.

Die einen züchten menschliche Organe im Kleinformat – so genannte Organoide. Die anderen experimentieren mit Stammzellen und erstellen neue Zellkulturen. Wieder andere versuchen Gewebe mittels 3D-Drucker nachzubauen oder simulieren körperliche Vorgänge am Computer. Es wird noch fantastischer: Manche Forscher basteln an Organ-Chips. Sie verbinden mehrere winzige, nachgebaute Organe mit einem künstlichen Kreislauf auf einem Chip und stellen so Abläufe des menschlichen Organismus nach.

Alle diese Bemühungen haben etwas gemeinsam: „Sie sind zwar teuer und aufwändig in der Entwicklung. Doch sobald sie etabliert sind, werden Versuche damit billiger, schneller und besser durchgeführt werden können, als es mit manchen Tierversuchen möglich ist“, ist Wilflingseder überzeugt.

Die alles entscheidenden Fragen werden ihr zufolge sein: „Wie repräsentativ ist ein humanes Modell im Reagenzglas für den Menschen? Wie repräsentativ ist ein Tiermodell für den Menschen?“

Heute vor einer Woche haben Wissenschafter ihre Modelle für die tierversuchsfreie Forschung am Centrum für Chemie und Biomedizin vorgestellt. 80 bis 100 Zuhörer haben den Vorträgen bei der Auftaktveranstaltung des von Wilflingseder initiierten Clusters gelauscht.

„Es war eine erfolgreiche Veranstaltung und ein guter Anfang“, sagt sie erfreut. 30 Innsbrucker Forschungsgruppen von der Innsbrucker Med-Uni hätten im Vorfeld Zusammenfassungen für ihre Projekte eingereicht, die sich mit Alternativen zur tierexperimentellen Forschung beschäftigen. Mit so viel Andrang hätte das Sprecherteam nicht gerechnet. Unter den Vortragenden war auch Gerhard Gstraunthaler, der sich intensiv darum bemüht, fötales Kälberserum (FCS) aus dem Labor zu verbannen.

In der Zellkultur wird es aufgrund der enthaltenen Wachstumsfaktoren eingesetzt. „Gerhard Gstraunthaler arbeitet mit der Blutbank zusammen und hat tierproduktfreie Alternativen dazu entwickelt“, wie Lechner erklärt. Zurzeit sei FCS noch Standard, es gebe aber bereits andere Möglichkeiten.

Die Ziele des Clusters sind es, die Wissenschafter untereinander zu vernetzen, neue Ansätze für tierversuchsfreie Forschung zu entwickeln, voneinander zu lernen, junge Forscher in der Lehre für das Thema zu sensibilisieren und letztlich in Tirol beziehungsweise österreichweit „etwas zu bewegen“. Auch Forscher der Universität Innsbruck und der Fachhochschulen, alle, die aktiv sein wollen, sind eingeladen mitzumachen. „Es ist ein guter Zeitpunkt, weil in einzelnen Bereichen schon viel passiert“, sagt Wilflingseder. In der Kosmetikindustrie etwa dürfen gar keine Tierversuche mehr durchgeführt werden. „Auch im Austrian Drug Screening Institute in Innsbruck sind innovative Modelle menschlicher Zell- und Gewebeorgankulturen etabliert und können in großer Probenzahl analysiert werden“, so der Zellbiologe Lukas Huber, der wie Gstraunthaler ebenfalls dem Sprecherteam der Initiative angehört. Die Niederlande haben sich vorgenommen, ihre Affenversuche bis 2019 um 40 Prozent zu reduzieren und wollen regulatorische Tierversuche bis 2025 abschaffen.

Zuletzt hat sich die Innsbrucker Med-Uni 2018 als erste Universität Österreichs der Basler Deklaration angeschlossen und sich damit der konsequenten Umsetzung der 3R-Regelung (Refine, Reduce, Replace: Tierversuche verbessern, reduzieren, ersetzen) verpflichtet, wie Anja Beierfuß, leitende Tierärztin an der universitären Tierversuchsanstalt, erklärt.

Während sie sich in ihrer Funktion hauptsächlich für die stetige Verbesserung der Haltungsbedingungen der Mäuse, Ratten, Kaninchen und Schweine einsetzen kann, konzentriert sich Wilflingseder mit dem Cluster auf das Reduzieren und Ersetzen von Tierversuchen.

Bereits jetzt müssen alle geplanten Tierversuchsprojekte einen internen Tierethik-Beirat passieren, bevor sie endgültig im Ministerium bewilligt werden. Aus der Grundsatzerklärung der Med-Uni geht hervor: „In Übereinstimmung mit den europäischen und nationalen Rechtsvorschriften sowie der Deklaration von Basel werden Tierversuche nur dann durchgeführt, wenn Alternativen nicht zur Verfügung stehen.“

Für einzelne Gewebe gebe es bereits gute Testsysteme und Modelle, dank derer man Tierversuche „extrem reduzieren kann. Für die nächste Zukunft wird aber noch beides parallel laufen müssen“, sind sich Wilflingseder und Lechner einig. Bis die MUI also tatsächlich „animal free“ wird, kann es noch eine Zeitlang dauern. Der Anfang ist aber getan.




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