Letztes Update am Mi, 20.06.2018 09:05

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Südsudan

Hilfe an der Frontlinie der Zeitgeschichte

Der Tiroler Psychologe Raimund Alber (37) sucht sich keine ruhigen Arbeitsplätze aus. Nach Jordanien und Bangladesch hat er einen Einsatz für Ärzte ohne Grenzen im Südsudan angenommen.

Das Lager von Malakal, in dem 25.000 Schutzsuchende leben.

© MSFDas Lager von Malakal, in dem 25.000 Schutzsuchende leben.



Von Matthias Christler

Die Meldungen, die in den vergangenen Wochen aus dem Südsudan in die sicheren Oasen Europas durchdringen, lassen einen erschaudern. Manche sind tragisch: „Zu Beginn der Sommermonate sind bis zu sieben Millionen Menschen vom Hunger bedroht.“ Andere erschütternd: „Innerhalb weniger Tage behandelten Helfer mehr als 40 Überlebende sexueller Gewalttaten.“ Einige haben zumindest ein gutes Ende: „Mehr als 200 Kindersoldaten freigekommen.“ Oder: „Zehn entführte humanitäre Helfer wieder frei.“

In diesem Umfeld arbeitet der 37-jährige Psychologe Raimund Alber. Von Februar bis zum 7. Juli ist der Tiroler für Ärzte ohne Grenzen der Leiter der psychologischen Aktivitäten von zwei Krankenhäusern, eines in der Stadt Malakal und das zweite in einem Camp, wo knapp 25.000 Schutzsuchende (über)leben. „Seit ich hier bin, habe ich mit 22 Menschen gearbeitet, die sich das Leben nehmen wollten.“ Der Südsudan ist seit 2011 unabhängig, seit 2013 herrscht Bürgerkrieg. Während die x-te Schreckensnachricht nur eine von vielen sein mag, bekommt das Leid durch Albers Erzählungen ein Gesicht. In einem Blog-Beitrag, der auf der Homepage von Ärzte ohne Grenzen veröffentlicht wurde, erzählt er von einem Patienten – er nennt ihn Thomas – und beschreibt, warum dieser sich das Leben nehmen wollte. Und er berichtet, wie er diesem 19-Jährigen das erste Mal gegenübersaß, der in seiner Hoffnungslosigkeit gepaart mit Einsamkeit glaubte, keinen anderen Weg mehr gehen zu können. Sie schwiegen sich an. Es fühlte sich wie Stunden an, doch dann sah Thomas vom Boden auf und den Tiroler Psychologen an.

In der Regenzeit sind die Zustände schwierig.
In der Regenzeit sind die Zustände schwierig.
- MSF

Wenig Worte, viel Körpersprache

Jetzt, Wochen später, sitzt Alber, der aus St. Jakob am Arlberg stammt, in seinem Büro im Krankenhaus und telefoniert per Skype mit daheim, er erklärt das Schwierigste an seiner Arbeit. „Die Sprache ist mein Werkzeug, aber ich bin auf den Übersetzer angewiesen und deshalb wähle ich meine Worte sehr bewusst, sehr klar und in kurzen Sätzen.“ Vieles hänge von der Körpersprache ab.

Der Tiroler Psychologe Raimund Alber arbeitet in diesem Umfeld.
Der Tiroler Psychologe Raimund Alber arbeitet in diesem Umfeld.
- MSF

Bei Thomas habe er intuitiv entschieden, zu schweigen und den 19-Jährigen den ersten Schritt machen zu lassen. So begann das Gespräch und es folgten weitere, in denen sie gemeinsam herausfinden sollten, was einen Menschen unter diesen Zuständen wie im Südsudan am Leben hält.

Alber erinnert sich, er hält inne, um beim Telefonat die richtigen Worte zu finden: „Selbstmord ist ein Symptom der Lebenssituation dort, in einem Land, in dem das Leben subjektiv gesehen nicht mehr viel Wert hat.“ Diese düstere Ansicht versucht der Psychologe aus den Köpfen seiner Patienten zu bekommen. Ähnliches tat er von November 2016 bis September 2017 in Jordanien und von November 2017 bis Jänner 2018 in Bangladesch.

Viele sehen wenig Hoffnung.
Viele sehen wenig Hoffnung.
- MSF

Was aber bewegt einen Psychologen, Mitte 30, dazu, statt Burnout-geplagte Tiroler zu behandeln, lieber in die schlimmsten Kriegsgebiete der Welt zu gehen?

Für Alber waren die Anschläge in Paris 2015 ein Auslöser. Anstatt mit Angst auf Terror zu reagieren, wollte er etwas gegen die Frustration in den ärmsten Regionen der Welt tun. In Jordanien behandelte er Flüchtlinge aus dem Syrien-Krieg, in Bangladesch vertriebene Rohingya. Es sind die Frontlinien der Zeitgeschichte, wie es ein Freund Albers formulierte. „In Krisengebieten haben die Menschen keine Zeit, das Erlebte zu verarbeiten. Im Südsudan sind sie mittendrin, in Jordanien hört man ständig Bomben und in Bangladesch hat man direkt über die Grenze zu den Orten des Leids geschaut. Da kann man noch nicht von Traumatherapie reden, hier geht es darum, die Leute zu stabilisieren, damit sie im Moment funktionieren können“, erklärt der Psychologe, der den Blick in die Zukunft richtet.

Seine Arbeit wird im Juli im Südsudan zwar zu Ende sein, aber psychologische Hilfe werden die Menschen noch Jahre benötigen. Denn, wenn die Krise zu Ende gehe, meint Alber, werde es erst „richtig zach“. Sobald der Mensch zur Ruhe kommt, entwickelt sich das Trauma. Nach solchen Krisen haben die Betroffenen viel Ballast mit sich zu tragen.

Warten auf das nächste Ziel

Doch Alber glaubt ans Gute: „Der Mensch ist unglaublich stark. Wenn dem nicht so wäre, müsste die halbe Bevölkerung Europas nach dem Zweiten Weltkrieg psychisch gestört gewesen sein. Das Umfeld kann sich selbst heilen. Es muss aber ein gesundes Umfeld sein“, hofft er, dass sich die Lage in dem Land bessert.

Einen kleinen Teil dazu hat er im Südsudan an einer der Frontlinien der Zeitgeschichte beigetragen. Doch er denkt schon weiter: „Je näher man dran ist, desto weniger sieht man von anderen Problemen in der Welt.“ Deshalb wird er vorerst Urlaub in Südostasien machen, kurz daheim in St. Jakob bei seiner Familie sein, bei den Eltern, Geschwistern, Neffen und Nichten vorbeischauen – aber stets auf das nächste Einsatz-Mail von Ärzte ohne Grenzen ( www.aerzte-ohne-grenzen.at ) vorbereitet sein.

Info:

Menschen, die unter Depressionen leiden und Suizid­gedanken haben, finden u. a. Hilfe und Adressen bei der Telefonseelsorge online oder telefonisch und anonym unter der Hotline 142. Rund um die Uhr.