Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 28.06.2018


Gesundheit

Ein starkes Team fängt Patienten auf

Die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs oder Leberkrebs ist niederschmetternd für jeden Patienten. Umso wichtiger ist es, dass sich die Betroffenen gut aufgehoben fühlen. Dafür braucht es ein eingespieltes Klinik-Team.

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Von Theresa Mair

Innsbruck – Ist es ein gutes oder ein schlechtes Zeichen, wenn die Narbe nach der Entfernung des Tumors in der Bauchspeicheldrüse schmerzt? Darf ich nach der OP des Leberkrebses nie wieder Fettiges essen? Was sind das alles für Medikamente, die ich einnehmen muss? Nachts mache ich kein Auge zu. Die Visite wäre die Gelegenheit, den Arzt zu fragen. Doch alles kommt anders. Der Chirurg kommt zur Visite, kontrolliert die Wunde und ist oft zu schnell wieder weg.

„Als Arzt fokussiert man sich manchmal sehr auf die Wunde, die Nahrungsaufnahme und die Darmtätigkeit. Die Patienten trauen sich oft nicht, Probleme und Anliegen anzusprechen, manchmal sind sie wie erstarrt. Kaum ist man draußen, kommen die Fragen“, kennt Stefan Stättner, onkologischer Chirurg an der Universitätsklinik für Thorax-, Visceral- und Transplantationsmedizin in Innsbruck, solche und ähnliche Situationen zur Genüge. Sie sind für alle – Patienten, Ärzte und Pflegekräfte – unbefriedigend und sie bremsen die Genesung.

Am 29. Juni organisiert die Klinik ein Symposium in der Villa Blanka in Innsbruck. Rund 80 Teilnehmer aus dem deutschsprachigen Umkreis werden voneinander lernen und von den Referenten erfahren, wie sie Abläufe optimieren können. „Jeder kann sagen, wo der Schuh drückt. Man muss verstehen, was die anderen machen“, schildert Stättner.

Letztlich gehe es darum, den Patienten Ängste zu nehmen, ihre Lebensqualität zu verbessern und – „als Nebeneffekt, aber nicht als Ziel“ – durch eine optimale Mobilisierung und Genesung den Aufenthalt im Krankenhaus zum Wohle der Patienten zu verkürzen.

In der Versorgung von Patienten mit Bauchspeicheldrüsen- oder Leberkrebs soll dies das ERAS-Programm (Enhanced Recovery After Surgery) möglich machen. Das heißt so viel wie: verbesserte Genesung nach der Operation.

In Teilen wurde ERAS, das von dem dänischen Anästhesisten Henrik Kehlet ursprünglich für die Darmchirurgie konzipiert wurde, bereits seit 2002 an der Innsbrucker Chirurgie eingeführt. Stättner möchte den Prozess vollenden. In Innsbruck wäre dann eine der ersten Kliniken Österreichs, in der ERAS etabliert ist.

Dafür muss einiges optimiert werden. Stättner, selbst Spezialist für Leber- und Bauchspeicheldrüsenkrebs, möchte v. a. die Pflege mehr einbinden. „Ohne sie geht gar nichts, die Pflegepersonen sind den ganzen Tag beim Patienten.“ Neben dem Arztgespräch soll es daher auch die Möglichkeit geben, mit der Pflege zu sprechen. Banal klingende Dinge, die Patienten aber beschäftigen, wie Schnarchen, Duschen mit Wunde und Drainagen, Essen und wann man denn aus dem Bett aufstehen darf und soll, können dann schon vorher geklärt werden.

Bereits vor der Aufnahme wird über die Entlassung nachgedacht, damit fließende Übergänge z. B. in die Reha oder in die Kurzzeitpflege geschaffen werden können. Das spart Nerven und Wartezeiten. „Je mehr Information im Vorfeld fließt, desto mehr Angst kann genommen werden. Die Patienten wissen dann genau Bescheid, was auf sie zukommt“, schildert Stättner das ERAS-Herangehen.

Es geht aber auch darum, festgefahrene Glaubenssätze zu hinterfragen und Abläufe zu überdenken, z. B. was die nötigen, aber oft belastenden Untersuchungen für die Operationsfreigabe betrifft – und welche reduziert werden können. Oder: „Früher durften Patienten nach einer Operation im Bauchraum nicht einmal etwas trinken. Heute ist leichte Kost wie eine Suppe oder Joghurt sofort wieder erlaubt.“ Stättner weiß das. Doch bei vielen – auch bei Fachleuten – sei dies noch nicht angekommen. Sie gelte es zu erreichen.

Denn, wenn ERAS durchgezogen werde, könnte manchen Komplikationen nach einer OP, wie Lungenentzündung, Herzinfarkt oder Thrombose, schon entgegengewirkt werden.

Der nächste Schritt ist, über den Sommer die Info-Broschüren für Patienten fertigzustellen. Im Herbst erfährt Stättner, ob das Land Tirol die Initiative fördert. Mit finanzieller Unterstützung sollen z. B. Tablets angeschafft werden, mit denen Krebs-Patienten in der Ambulanz Info-Clips vorgeführt werden, sowie eine Handy-App, mit der sie ihren Zustand und ihre Fitness selber kontrollieren können.

Apropos Technologie: Die Zusammenarbeit der Chirurgen wird auch tirolweit gestärkt und eine Form der Telemedizin angeboten. Im Büro von Klinikdirektor Dietmar Öfner-Velano steht ein Bildschirm mit Kamera. Jeder Fall von Bauchspeicheldrüsen- oder Leberkrebs in Tirol kann so unter den Experten der Uniklinik und der Bezirkskrankenhäuser gemeinsam besprochen werden. Das verbessert den Austausch und die Therapie. Zusammen werde entschieden, wo der Patient am besten aufgehoben ist. Weiters liegt ein Antrag für die Gründung eines Qualitätsregisters für Bauchspeicheldrüsen- und Leberkrebs beim Land, wie Öfner-Velano schildert. Denn wenn das Leben von Patienten am seidenen Faden hängt, muss man jede Möglichkeit nutzen.




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