Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 29.06.2018


Kinder

Mama, ich will ins Heim!

Für Kinder ist es manchmal das Beste, wenn man sie ihren Eltern wegnimmt. Viele bleiben dann bis zur Volljährigkeit in Fremdbetreuung. Und was passiert dann?

© Getty Images/iStockphoto



Von Evelin Stark

Innsbruck — Die Eltern trinken, sind gewalttätig, haben psychische Probleme. Das Kind hat Angst, übernimmt die Elternrolle, ist überfordert. Wenn das Zuhause eine Bedrohung für das Wohlergehen eines Kindes oder Jugendlichen darstellt, ist der Schritt in die Fremdbetreuung oftmals die einzige Alternative. Der Schritt hinaus in die Selbstständigkeit ist für die jungen Erwachsenen, die aus dem Heim kommen, eine weitere große Hürde.

Im vergangenen Jahr waren 635 Kinder in Tirol in voller Erziehung außerhalb ihrer Familien. Das heißt: Sie waren bei Pflegefamilien oder in Einrichtungen untergebracht, die Wohngruppen oder betreutes Wohnen anbieten. „Wir haben Kinder ab drei Jahren bis zur Volljährigkeit bei uns", sagt Reinhard Halder, Geschäftsführer des Jugendlandes in Innsbruck.

Mit insgesamt 75 Plätzen gehört die Einrichtung zu einer der größten der insgesamt rund 20 Träger in Tirol, die den Kindern ein neues Zuhause bieten. Finanziert werden diese durch Tagessätze, die die jeweilige Bezirkshauptmannschaft übernimmt. „Wir bekommen pro Kind einen Tagessatz von 140,70 Euro, mit dem alles vom Wohnen über Therapien bis zur Freizeitgestaltung abgedeckt werden muss", so Halder.

Hubert Löffler, Dachverband österreichischer Kinder- und Jugendeinrichtungen.
- Löffler

Dieser Tagessatz hängt von der Größe und dem Angebot der Einrichtung ab. Aber auch vom Bundesland: „Die Tagessätze variieren zwischen den Bundesländern", sagt Hubert Löffler vom Dachverband österreichischer Kinder- und Jugendeinrichtungen. Weil es insgesamt große Unterschiede zwischen den Ländern gibt, kämpft Löffler mit einer großen Gruppe von Einrichtungen und Experten gegen die vor wenigen Tagen beschlossene „Verländerung" des Kinder- und Jugendhilfegesetzes.

Eine weitere Sorge stellen die jungen Erwachsenen dar: Ist nämlich einmal die Volljährigkeit erreicht, fallen diese aus dem System und sind auf sich selbst gestellt.


Diese so genannten „Careleaver" haben es oftmals schwer, den plötzlichen Start ins eigene Leben zu bewerkstelligen. „Es gibt Studien, die belegen, dass sozial schwach integrierte Menschen anfälliger für Krankheiten sind", sagt Halder. Offiziell haben die jungen Erwachsenen allerdings keinen Anspruch auf Verlängerung ihrer Begleitung.

Deshalb ist das Jugendland gemeinsam mit 18 weiteren Einrichtungen in Tirol, Wien, Kärnten und Vorarlberg als Teil des Projekts „Welcome to Life" darum bemüht, gruppenspezifische Unterstützung anzubieten. Careleaver erhalten hier individuelle Unterstützung: „Wir bieten unter anderem auch ein Berufstraining im handwerklichen und gastronomischen Bereich an. Das stärkt das Selbstbewusstsein", so Halder.

Infos: www.careleaver.tirol

Jean Paul ist Leiterin des internationalen Forschungsprojekts der Medizinischen Universität Innsbruck und der Ludwid Boltzmann Gesellschaft. (siehe Projektbeschreibung unten)
- David Bullock

Kindern von psychisch Kranken helfen

Innsbruck — Das Sprichwort „It takes a village to raise a child" (es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen) ist Leitmotiv eines internationalen Forschungsprojekts der Medizinischen Universität Innsbruck mit der Ludwig Boltzmann Gesellschaft. Gestern wurde es vorgestellt. Das Ziel von Projektleiterin Jean Paul: „Wir wollen eine Struktur in der Gesellschaft schaffen, in der es ähnlich einer gemeinschaftlichen Dorfstruktur verschiedene Möglichkeiten der Unterstützung für Kinder psychisch kranker Eltern gibt."

Die ersten Schritte des Projekts werden derzeit gemacht. „Zuallererst beschäftigen wir uns damit, wie das Unterstützungssystem in Tirol aussieht", so Paul. Die Kinder wolle man über die Ärzte der Eltern erreichen, um herauszufinden, was es braucht, um ihnen zu helfen. „Wichtig ist dabei, davon auszugehen, dass die Kinder gar keine Probleme haben", so die Linguistin. Vielen sei es nämlich vielleicht nur zu viel, selbst einkaufen und kochen zu müssen. (est)

5 Fragen an Hubert Löffler (Dachverband österreichischer Kinder- und Jugendeinrichtungen)

Die „Verländerung" ist Knackpunkt

Mit dem so genannten Kompetenzbereinigungsgesetz wird die Zuständigkeit über die Regelungen im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe in Zukunft unter die alleinige Zuständigkeit der neun Bundesländer fallen — der Bund klinkt sich aus.

1. Wie ist der Kinder- und Jugendschutz derzeit gesetzlich geregelt?
Vor fünf Jahren wurde das neue Kinder- und Jugendhilfegesetz des Bundes beschlossen. Darin sind Mindeststandards verankert, die eine gewisse Vorgabe bezüglich der Unterstützungsmaßnahmen für Kinder, Jugendliche und deren Familien geben.

2. Wie wird das Gesetz in den einzelnen Bundesländern befolgt?
Die Ausführungen sind sehr unterschiedlich. Zwischen zwei Bundesländern kann die Anzahl der Fremdunterbringungen zu 100 Prozent variieren. Dass zum Beispiel letztes Jahr in Kärnten doppelt so viele Kinder und Jugendliche in Fremdbetreuung waren als etwa in Tirol, ist schon erstaunlich.

3. Was wird sich nun ändern?
Der Bund verzichtet darauf, für Maßnahmen zum Schutz des Kindeswohls Mindeststandards vorzugeben. Nach Ansicht vieler Experten öffnen sich damit Tür und Tor für noch unterschiedlichere, eventuell auch geringere Maßnahmen zum Kinderschutz in den einzelnen Bundesländern. Damit droht große Gefahr.

4. Was ist dabei Ihre größte Sorge?
Dass massive Abstriche im Bereich des Kinderschutzes die Folge sind. Deshalb haben wir als Dachverband uns mit den meisten Experten aus dem Kinder- und Jugendhilfebereich zusammengeschlossen und ein Bündnis geformt, das für besseren Kinderschutz eintritt.

5. Was wünschen Sie sich?
Dass die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen ernst genommen werden und es eine bundesweit einheitliche Gesetzgebung gibt. Kinderschutz ist eine gesamtgesellschaftliche Angelegenheit. Der Bund darf sich nicht aus dieser Verantwortung ziehen!

Das Interview führte Evelin Stark