Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 19.07.2018


Kieferorthopädie

Offener Mund: Kleiner Kiefer, große Probleme

Viele Kinder haben wie Tommy einen zu schmalen Oberkiefer. Sie haben Atemprobleme, schnarchen und haben Ohrenentzündungen. Eine Gaumenspange verspricht schnelle Hilfe.

© TT/Julia HammerleTommy hat jetzt gut lachen. Der Kieferorthopäde Andreas Buchner hat sein Problem gelöst.Fotos: Hammerle



Von Theresa Mair

Innsbruck – Rrrrr – Pause-Rrrrrr – lange Pause – Rrrr ... Christiane Gappmaier aus Oberperfuss hat ihr Handy gezückt. „Diese Audiodatei habe ich dem Arzt vorgespielt, der hat mich gefragt: ,Was ist das? Ist das Ihr Mann?‘“, erzählt sie. Nein, es ist Tommy, ihr achtjähriger Sohn, den man aus dem Telefon so laut schnarchen hört. Zwischendrin setzt sein Atem aus.

Das war die Spitze des Eisbergs an Symptomen, die das Kind bereits angesammelt hatte: Schon als er zwei Jahre alt war, haben die Eltern bemerkt, dass Tommy oft mit offenem Mund dasaß, er wollte nicht gern essen, bekam keine Luft durch die Nase, hat schlecht geschlafen und war in der Früh entsprechend müde und grantig. Unvorstellbar, wenn man den aufgeweckten Buben heute sieht.

Sechs Jahre lang haben Ärzte und Eltern versucht herauszufinden, was Tommy fehlen könnte. „Das gibt sich, wenn der Schnuller weg ist, von alleine“, meinte die Kinderärztin. Die Entfernung der Polypen aus der Nase brachte nur kurzfristigen Erfolg. Logopäden – Tommy konnte kein „Sch“ aussprechen – konnten dem Bub vorerst nicht helfen. Zuletzt stand eine Allergie im Raum. Eine Zahnärztin steckte Gappmaier dann zufällig bei einer Kontrolle das Kärtchen der Innsbrucker Kieferorthopäden Andreas Buchner und Anna Schwarz zu. Es ging um einen Schneidezahn.

Ein Blick in Tommys Mund und die Frage nach der Nasenatmung des Schülers reichten Buchner, um dem jahrelangen Rätselraten ein Ende zu bereiten. Der Oberkiefer von Tommy ist zu schmal. Ruckzuck bekam das Kind eine „Gaumennahterweiterung mittels Kappenschiene“.

Das Gerät ist eine Gaumenspange und ist an den Backenzähnen befestigt. Mit einem kleinen Schlüssel musste Christiane Gappmaier zwei Wochen lang täglich die Spange stufenweise aufdrehen. Bereits nach zwei Tagen hörte das Schnarchen auf. „Wir haben ein neues Kind“, freut sich die Mutter. Nun ist es ihr ein Anliegen, anderen leidgeplagten Kindern und deren ratlosen Eltern mit ihrer Geschichte zu helfen. Zusammen mit den Medizinern Buchner und Schwarz ist sie gerade dabei, einen Informationsflyer zu erstellen.

Offener Mund

Symptome: Geschwollene Augen, trockene, rissige Lippen, Unterlippenbeißen, eine eingeschränkte Nasenatmung, häufige Infekte, Neigung zu Mittelohrentzündungen, Appetitlosigkeit, Schnarchen, Schlafapnoe, Müdigkeit, Konzentrationsstörungen und Leistungseinbrüche können in Verbindung mit der offenen Mundhaltung auftreten.

Die Folgen eines unbehandelten zu engen Oberkiefers sind vielfältig und reichen von Erkrankungen der Atemwege und Schlafstörungen über eine erhöhte Kariesanfälligkeit, Kieferfehlstellungen wie z. B. eine Unterkiefer-Rücklage oder ein skeletal offener Biss bis hin zu einer gestörten Sprachentwicklung und körperlichen Fehlhaltungen.

Denn Tommy ist nicht allein. „Eine Vielzahl von Kindern hat eine offene Mundhaltung“, sagt Schwarz. Die Symptomatik kann genetisch (z. B. Kreuzbiss) oder funktionell bedingt sein, etwa wenn das Kind durch die Nase nicht genug Luft bekommt. „Die Nasenatmung ist die physiologische Atmung. Dabei ist die Zungenruhelage am Gaumen. Die Zunge stabilisiert dabei die Breite des Oberkiefers und sichert eine ordnungsgemäße Entwicklung. Das ist nur bei geschlossener Mundhaltung möglich“, so Kieferorthopäde Buchner.

Mit der Gaumennahterweiterung schaffen die Kieferorthopäden wieder Platz im Oberkiefer: Ein bis zwei Wochen wird der Oberkiefer geweitet und damit die Nasenatmung deutlich verbessert. Sechs Monate braucht der Knochen dann Zeit, um sich in der neuen Position zu stabilisieren. „Das ist eine kieferorthopädische Standardbehandlung. Nach einem halben Jahr wird die Schiene wieder herausgenommen und nur noch nachts zur Stabilisierung weitergetragen“, erklärt Buchner.

Bei Tommy ist es im August so weit, bevor er in die dritte Klasse kommt. Ob er sich auf sein schienenloses Leben freut? Der Bub schüttelt bloß breit grinsend den Kopf. „Er findet die Schiene cool“, fügt seine Mama erklärend hinzu. Sie habe ihm auch keine Schmerzen beim Anpassen und Nachstellen bereitet.

Eltern und Ärzten, die bei Kindern Symptome wie bei Tommy beobachten, empfehlen die beiden Kieferorthopäden, so früh wie möglich auch eine kieferorthopädische Untersuchung durchführen zu lassen. Die Versorgung mit der Gaumenschiene, die von den Kassen unterschiedlich bezuschusst wird, könne ab etwa fünf Jahren erfolgen. „Es ist ein Irrglaube, dass kieferorthopädische Behandlungen erst mit den bleibenden Zähnen beginnen. Mit Frühbehandlungen lassen sich Kieferfehlstellungen sehr einfach beheben“, klärt Buchner auf.

Das optimale Alter sei zwischen fünf und neun Jahren. Bei manchen Kindern, bei denen die Kieferfehlstellung noch nicht so ausgeprägt ist wie bei Tommy, reiche schon eine herausnehmbare Spange. Bei Patienten, die bereits älter sind und wo die Gaumennaht bereits verknöchert ist, müsse man mit aufwändigeren Methoden langwieriger behandeln. So gesehen hat Tommy – auch wenn es lang gedauert hat – noch einmal Glück gehabt.