Letztes Update am So, 22.07.2018 06:40

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Gesundheit

Poröse Beißer: Zähne aus Kreide im Kindermund

Karies ist out, Kreidezähne sind in: Immer mehr Kinder leiden unter porösen Zähnen. Die Ursachen der Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation geben Zahnärzten auf der ganzen Welt derzeit noch Rätsel auf. Deshalb ist Schadensbekämpfung die Devise.

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Von Evelin Stark

Kinder und Zähne sind ein oftmals schmerzhaftes Thema. Während sich die ersten Zähnchen nach und nach durch das Zahnfleisch bohren, leiden die Kleinen oft nächtelang. Fallen die Milchzähne dann nach ein paar Jahren wieder aus, rücken die nächsten schmerzhaft nach. Dem süßen Kinderlächeln steht dann (fast) nichts mehr im Wege.

Die zweiten Zähne kommen ja vielleicht, um zu bleiben. Mit ihnen halten dann aber auch die ers­ten Probleme in der Mundhöhle Einzug: Fehlstellungen und Karies führen seit Langem die Hitlis­te im geplagten Kindermund an.

Zumindest bis vor Kurzem. Mittlerweile gibt den Zahnärzten ein ganz neues Krankheitsbild Grund zur Sorge: die Kreidezähne.

Neuer Feind im Mund

Der Fachausdruck Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (MIH) leitet sich zum einen ab von den Zähnen, die von dieser Erkrankung betroffen sind – die ersten Molaren (Backenzähne), die circa im sechsten Lebensjahr durchbrechen, und die Inzisiven (Schneidezähne). Zum anderen beschreibt er, dass es sich um eine Störung der Zusammensetzung des Zahnschmelzes handelt (Hypomineralisation).

Die Kinder empfinden häufig Trinken, Essen und das Putzen der Zähne als schmerzhaft. Am häufigsten betrifft MIH einen oder mehrere Sechsjahrmolaren.

Seltener tritt der poröse Schmelz auch bei Schneide- oder Milchzähnen auf. Um die Krankheit zu diagnostizieren, reicht ein geschulter Blick in den Mund. „Von der Ausdehnung her können einzelne Stellen oder auch die gesamte Kau- oder Glattfläche eines Zahnes betroffen sein“, sagt Dagmar Schnabl von der Universitätsklinik für Zahnersatz und Zahnerhaltung Innsbruck. „Der betroffene Schmelz ist wenig widerstandsfähig und bricht leicht ein“, so die Zahnärztin.

Laut einer aktuellen Studie kommt MIH weltweit bei 13 Prozent der Bevölkerung vor. „In Österreich sind elf Prozent betroffen“, so die Expertin. Obwohl die Zahl der Betroffenen wächst, wissen Mediziner allerdings nur wenig über die Krankheit. Wissenschaftlich beschrieben wurde sie erstmals 1987. In den letzten 15 Jahren habe sie zunehmend an Beachtung gewonnen.

Schnabl: „Die Ursachen von MIH sind bislang weitgehend ungeklärt und wahrscheinlich multifaktoriell.“ Die Schmelzbildung der ersten Molaren und der bleibenden Schneidezähne finde zwischen dem achten Schwangerschaftsmonat und dem vierten Lebensjahr statt. „Bei MIH muss daher die Störung der Zahnentwicklung in diesem Zeitraum stattgefunden haben.“

Die Ursachen

Als mögliche Ursachen gelten daher gesundheitliche Probleme während der Schwangerschaft, im Säuglings- und Kindesalter wie z.B. Atemwegs-, Magen-Darm-Erkrankungen und Infekte. Außerdem könnten Umweltfaktoren und toxische Einflüsse wie etwa das Rauchen der Mutter oder eine genetische Disposition eine Rolle spielen, erklärt Schnabl. Zu den möglichen toxischen Einflüssen zählt übrigens auch Bisphenol A. Der Weichmacher steckt als Zusatzstoff in Plastik und ist seit 2011 in Babyflaschen verboten.

Sobald die bleibenden Zähne im Kindermund durchgebrochen sind – das ist etwa im sechsten Lebensjahr –, kann die Diagnose gestellt werden. Die Zähne kommen nämlich bereits mit Schäden aus dem Kiefer in die Mundhöhle. Kreidezähne weisen weißlich-cremefarbige bis gelblich-braune Flecken auf: „Je dunkler gefärbt eine Stelle, desto weicher und poröser ist der Schmelz“, so Schnabl. Gelangt also ein Zahn gesund in die Mundhöhle, besteht auch keine Gefahr mehr.

„Ohne Prophylaxe und Behandlung kommt es in den folgenden Jahren zu Problemen wie Überempfindlichkeit, Substanzeinbruch und Karies“, erklärt sie. Bei Patienten mit MIH solle deshalb frühzeitig eine umfassende Betreuung mit engmaschigen Kontrollen eingeleitet werden. Als Therapiemöglichkeiten stünden die Applikation von antibakteriellen, remineralisierenden und desensibilisierenden Präparaten zur Verfügung.

Auch eine Infiltration des Zahnes mit dünnflüssigem Kunststoff sei ein neuer Therapieansatz. Anfällige Fissuren – das sind die Grübchen im Kauflächenrelief der Backenzähne – können mithilfe von Fissurenversiegelung geschützt werden. Substanzeinbrüche und kariöse Läsionen werden je nach Ausdehnung mit Füllungen oder Kronen versorgt. „Bei starker Zerstörung der Zahnsubstanz kann die Zahnextraktion die letzte Lösung sein“, sagt die Innsbrucker Medizinerin.

Um die Kreidezähne also vor dem ersten Feind, der Karies, zu schützen, rät die Expertin zur „Intensivprophylaxe mit regelmäßiger Zahnreinigung und Mundhygiene-Instruktion“.

Das gilt allerdings auch für Zähne, die nicht von MIH betroffen sind. Sodass dem lächelnden Kindermund auch wirklich nichts mehr im Wege steht.




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