Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 02.08.2018


Gesundheit

HIV-Selbsttest mit Risiken

Seit drei Wochen kann man HIV-Heimtests in der Apotheke kaufen. Innsbrucker Experten begrüßen dieses Angebot – mit Einschränkungen. Sie erklären, was bei einem Selbsttest unbedingt zu beachten ist.

null

© Getty Images/iStockphoto



Von Theresa Mair

Innsbruck — Es ist nur ein kleiner Pikser in die Fingerkuppe, ein Tropfen Blut ins Teströhrchen, wo es mit verschiedenen Reagenzien vermischt wird. Binnen 15 Minuten ist das Ergebnis da. So einfach funktioniert ein HIV-Test. Seit knapp drei Wochen sind HIV-Heimtests in den Apotheken für knapp 30 Euro erhältlich. Vier Innsbrucker Experten — Fritz Aull (AIDS-Hilfe Tirol), Mario Sarcletti (HIV-Ambulanz, Uniklinik für Dermatologie) sowie die Wissenschafter Doris Wilflingseder und Wilfried Posch (beide Abteilung für Hygiene und Mikrobiologie an der Med-Uni Innsbruck) — beantworten die wichtigsten Fragen rund um HIV und den Test.

1. HIV-Tests kann jetzt jeder ganz alleine machen. Ist das sinnvoll?

Die AIDS-Hilfe „begrüßt es grundsätzlich, wenn das Test-Angebot niederschwellig ist", sagt Aull. Speziell für Menschen, die entlegener wohnen, könne der Heimtest eine Erweiterung dieses Angebots sein. Allerdings wolle man den HIV-Selbsttest nicht explizit empfehlen. „Es ist die Realität, dass es ihn nun einmal gibt. Eine Diagnose löst aber sehr viel aus. Das ist emotional gravierender als ein Cholesterin-Test. Wichtig ist deshalb, dass man sehr gut informiert ist und die Anleitungen Schritt für Schritt befolgt", betont Aull. Bedauerlich sei, dass bei einem der verschiedenen erhältlichen Produkte, dem Insti-Test, die Nummer der österreichweiten HIV-Selbsttest-Hotline nicht angeführt sei.

Sarcletti hält es für wichtig, dass Selbsttests „in geordnetem Rahmen zur Verfügung stehen." Der Mediziner würde es begrüßen, wenn HIV-Tests sogar anonym in Drogerien verkauft würden, so wie es in Deutschland geplant ist. Zum einen würden sich viele aus Scham schon nicht an einen Arzt wenden und sich dann auch nicht auf ein Beratungsgespräch einlassen, wie es in der Apotheke vorgesehen ist.

Zum anderen würden sich die Betroffenen ohnehin bereits Tests im Internet besorgen, die aber nicht immer sicher sind. „Wichtig ist, dass der Heimtest eine CE-Zulassung hat und somit den gültigen EU-Richtlinien entspricht."

Die Sorge, dass Betroffene mit einem positiven Resultat nicht umgehen könnten, teilt er nicht. Erfahrungen aus anderen Ländern hätten gezeigt, dass die Menschen sich in so einem Fall an einen Arzt wenden und keine Verzweiflungstat begehen würden.

2. Wie funktioniert der Selbsttest?

Bei den HIV-Heimtests handelt es sich um Antikörpersuchtests. „Es wird also nicht das HI-Virus direkt nachgewiesen, sondern die Reaktion des menschlichen Abwehrsystems auf die Virusinfektion", erläutern Wilflingseder und Posch. Bis der Körper eine Immunantwort bildet, dauere es allerdings eine gewisse Zeit. Antikörpersuchtests beim Arzt, die im Labor ausgewertet werden, liefern daher erst sechs Wochen, HIV-Heimtests erst zwölf Wochen nach einer möglichen Ansteckung ein zuverlässiges Ergebnis. Ein HIV-Selbsttest, der vor Verstreichen des diagnostischen Fensters von drei Monaten gemacht wird, ist daher absolut nicht aussagekräftig und sinnlos.

Neben den Antikörpersuchtests gibt es molekularbiologische Verfahren — so genannt­e PCR —, bei denen das Virus selbst nachgewiesen werden kann. „Bei Tests, die wir in der Klinik machen, wird das diagnostische Fenster wesentlich verringert. Da haben wir nach vier Wochen ein sicheres Ergebnis", sagt Sarcletti.

3. Wie sicher ist das Ergebnis des HIV-Heimtests?

„Die Tests, bei denen Blut verwendet wird, haben eine sehr hoh­e Zuverlässigkeit, sofern die Tests korrekt laut Anleitung durchgeführt werden", sagen die Forscher. Doch „natürlich" bestehe immer die Möglichkeit eines falsch-negativen oder falsch-positiven Ergebnisses. In jedem Fall eines positiven Testergebnisses — da sind sich alle Experten einig — sollte dringend ein Arzt aufgesucht werden. „Es bringt nichts, den Heimtest dann noch einmal zu wiederholen. Dann kennt man sich ja wieder nicht aus", sagt Sarcletti. Immer, auch wenn ein Labortest HIV-positiv anzeigt, ist ein spezieller Bestätigungstest notwendig, um die Diagnose zu sichern.

4. Welche Personengruppen sollen mit dem Test erreicht werden?

Die WHO möchte bis 2020 das 90-90-90 Ziel erreichen. Das heißt, dass 90 Prozent der Betroffenen ihren HIV-Status kennen, 90 Prozent von ihnen in Behandlung sind und bei 90 Prozent davon das Virus durch entsprechende Behandlung unter die Nachweisgrenze (derzeit 40 Viren pro Milliliter Blut) gedrückt wird. „Das Hauptproblem ist, die 90 Prozent der Betroffenen zu erreichen. In Österreich haben wir das bereits geschafft. Jetzt ist die Frage, wie wir zu den restlichen zehn Prozent kommen", sagt Sarcletti. Der HIV-Heimtest könne dazu einen kleinen Teil beitragen.

Das größte Risiko, sich mit HIV anzustecken, haben in Tirol junge homo- und bisexuelle Männer. Die Männergesundheit und die Prävention von sexuell übertragbaren Erkrankungen im Speziellen hätten noch nicht den Stellenwert, den sie benötigen. Drogengebrauch als Übertragungsweg sei dagegen dank politischer Intervention — Spritzentausch-Programme — völlig in den Hintergrund getreten.

5. Wie geht es nach einer HIV-Diagnose weiter?

„Je früher jemand seinen HIV-Status kennt, umso schneller kann mit einer antiretroviralen Therapie begonnen werden, was für den Betroffenen einen begünstigten Krankheitsverlauf darstellt und für andere Sexualpartner einen Schutz bietet", sagt Wilflingseder. Die Medikamente — eine Tablett­e pro Tag, die drei Wirkstoffe enthält — sind laut Sarcletti gut verträglich und auch bei einer Diagnose in fortgeschrittenem Stadium wirksam. Die Lebenserwartung mit HIV entspricht inzwischen nahezu jener von gesunden Menschen

Kontakt und Info:

HIV-Selbsttest-Hotline: Tel. 0800/252289 (Mo bis Fr, 10 bis 17 Uhr).

Die AIDS-Hilfe Tirol (Kaiser-Josef-Str. 13, Innsbruck) berät und informiert über die HIV-Heimtests. Darüber hinaus kann man sich dort in einem betreuten Umfeld kostenlos auf HIV testen lassen. (Tel. 0512/12563621)

Die Innsbrucker Hautklinik hat neben der HIV-Sprechstunde (Termin unter Tel. 05054/24847) eine Sprechstunde für sexuell übertragbare Erkrankungen eingerichtet.