Letztes Update am Fr, 10.08.2018 15:47

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


E-Zigarette

Dampfen statt Rauchen? Warum Mediziner warnen

250.000 Österreicher greifen zur E-Zigarette und inhalieren Dampf statt Rauch. Das soll gesünder sein. Das stimmt so nicht, sagen Mediziner und warnen vor neuen Formen der Abhängigkeit.

© iStock(Symbolfoto)



Von Andrea Wieser

Wer eine Tabaktrafik betritt, der hat seit ein paar Jahren ein größeres Sortiment vor sich. Zu den Rauchwaren haben sich Flüssigkeiten gesellt, die in E-Zigaretten gefüllt, elektrisch erhitzt und dann als Dampf (Aerosol) inhaliert werden können. Anstatt eines Feuerzeugs braucht es einen Akku, um die Zigarette in Schwung zu bringen. Tabak ist keiner enthalten, hingegen Nikotin, das den nötigen Kick für Abhängige liefert, schon. Die Dosis lässt sich variieren. Wer will, kann aber auch ohne Nikotin dampfen.

Für den Geschmack sorgen Aromen von Banane bis Menthol, herzhafter wird es mit Speck und Gurke. Noch Ausgefalleneres wird in Vape-Geschäften („vape“ Englisch für „dampfen“) angeboten, die auch Geschmäcker wie „Bubble Trouble“ oder „Drachenblut“ im Sortiment haben. Das Angebot wird angenommen. Laut dem Österreichischen Dampfer-Club liegen die Nutzerzahlen schon bei über 250.000.

Karriere macht die E-Zigarette, weil sie als gesündere Variante für Raucher gilt, als Ausstiegschance für jene, die eigentlich ganz vom Nikotin wegkommen wollen, und als neues Lifestyle-Produkt. Alles drei ist fragwürdig. „Das ist nur eine Problemverschiebung“, meint Judith Löffler-Ragg, Internistin mit Schwerpunkt Pneumologie am Landeskrankenhaus Natters. „Es gibt keine unschädlichen Zigaretten.“ Da werde nur eine neue Generation von Nikotinabhängigen mit verschiedenen Folgeerkrankungen herangezüchtet.

Wie gefährlich die neuen Dampfer tatsächlich sind, lässt sich noch nicht beantworten. „Es fehlen noch Langszeitstudien“, erklärt Ute Mons vom Deutschen Krebsforschungszentrum. Tatsächlich sei ein Problem mit der E-Zigarette nun aber vom Tisch, nämlich die Verbrennung. „Das Gefährliche ist der Rauch beziehungsweise die Verbrennungsstoffe, die der Tabak und das Papier freisetzten.“ Und genau mit diesem Argument hat die Industrie stark geworben.

Das ging so weit, dass der weltweite Tabakriese Philip Morris Anfang des Jahres in britischen Zeitungen mit dem Vorsatz annoncierte, man wolle England rauchfrei machen. Der Plan: Konsumenten auf die vermeintlich gesünderen E-Zigaretten umzustellen. Dass der Konzern auch diese Produkte anbietet, versteht sich von selbst.

Einstieg ins Rauchen

Und Philip Morris arbeitet darüber hinaus noch daran, eine neue Erfindung, nämlich einen Tabakerhitzer, am Markt zu platzieren. Mit dem „Iqos“, einem Zwischending aus Zigarette und Verdampfer, der in Österreich noch nicht erhältlich ist, soll das „gesündere Rauchen“ möglich sein. Dabei kommt jedoch wieder Tabak zum Einsatz. Anders als bei der alten Marlboro, bei der die Inhaltsstoffe bei über 800 Grad verbrennen, wird im Erhitzer nur auf rund 300 Grad erwärmt. Ob das gesünder ist, weiß man noch nicht. „Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat genaue Messungen gemacht und festgestellt, dass tatsächlich 80 bis 90 Prozent weniger Schadstoffe enthalten sind“, meint Ute Mons. Das sei aber nur die eine Seite der Geschichte. Man wisse nämlich noch zu wenig über mögliche neue Schadstoffe bei E-Zigaretten sowie bei Tabakerhitzern. „Beim klassischen Rauchen hat man auch rund 30 Jahre gebraucht, um die extrem schädliche Wirkung zu beweisen“, erinnert Judith Löffler-Ragg.

Inzwischen zweifle niemand mehr an dem Zusammenhang von Nikotinkonsum und Lungenkrebs. Und gerade deswegen sei es auch so wichtig, keine neue „Rauchkultur“ zu etablieren und Jugendliche mittels Dampfen schließlich doch zum klassischen Rauchen zu verleiten.

Design für Jugendliche

Selbst wenn beim Dampfen auf Nikotin verzichtet wird, könne das noch lange nicht gesundheitsfördernd sein, meint Löffler-Ragg. In den Flüssigkeiten der E-Zigaretten stecken Trägersubstanzen wie Propylenglykol oder Glycerin, das zur Erzeugung von Bodennebel genutzt wird. „Gefrierschutzmitteldampf zu inhalieren, ist physiologisch nicht ratsam“, sagt die Fachärztin. Wer sich das Marketing von E-Zigaretten genauer anschaut, kommt nicht umhin zu erkennen, dass vor allem der junge Konsument angesprochen wird. Die Verpackungen sind mit Einhörnern verziert oder heißen „Gothic“, gleich dem Underground-Musikstil. Es wird mit Jugendkultur-Codes gespielt.

Rein rechtlich gesehen geht es den Rauchern mit und ohne „E“ übrigens gleich. Wer sich in einem Gasthaus zunebeln will, muss in den Raucherbereich, auch wenn nur gedampft wird.




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