Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 04.09.2018


Gesundheit

Bittersüßer Abschied vom Zucker

Immer mehr Lebensmittelproduzenten versuchen Zucker zu reduzieren. Damit würden Konsumenten allerdings auch in die Irre geführt, sagen Kritiker. Was hinter dem Abschied vom Zucker steckt.

© iStockImmer mehr Lebensmittelproduzenten versuchen Zucker zu reduzieren.



Von Deborah Darnhofer

Innsbruck — „Weniger ist mehr" lautet dieser Tage die Botschaft in den Supermarktregalen. Dabei geht es um den Zucker. Egal ob in Getränken, Pudding, Joghurt, Müsli oder Keksen enthaltenen: Die Liste der Lebensmittelproduzenten, die jetzt den Zuckergehalt ihrer Produkte reduzieren, ist lang. Wichtige Fragen zum süßen Abschied.

Warum verringern Lebensmittelproduzenten den Zuckergehalt?

Dass zu viel Zucker ungesund ist und zu Erkrankungen (u. a. Diabetes, Übergewicht, Karies) führen kann, das dürfte jedem klar sein. Wegen der öffentlichen Diskussion um schädlichen Zucker und entsprechender Steuern, die in einigen Ländern (Zuckerdrink-Abgaben u. a. in Großbritannien, Mexiko) realisiert worden sind, stehen die Produzenten unter Druck.

Viele Unternehmen berufen sich auch auf den Wunsch der Konsumenten nach einer gesunden Ernährung. „Natürlich folgt der Handel hier einem bereits lange existierenden Diskurs und einem Megatrend der Nachhaltigkeit und Gesundheit", erklärt Andrea Hemetsberger, Leiterin des Instituts für Strategisches Management, Marketing und Tourismus an der Universität Innsbruck.

Zuckerreduzierte Lebensmittel würden darüber hinaus das schlechte Gewissen der Käufer besänftigen. „Wenn Konsumenten auf einer Packung ?weniger Zucker' lesen, ist das eine Heuristik für ?gesünder' und reduziert das schlechte Gewissen. Im schlimmsten Fall führt es zu einem vermehrten Konsum des Produktes", sagt die Innsbrucker Marketingexpertin.

Wie viel weniger Zucker steckt in Produkten?

Konkret ist der durchschnittliche Zuckergehalt in Getränken 2018 im Vergleich zu 2010 um 13,5 Prozent gesunken. Das haben die Österreichische Diabetes Gesellschaft, die Österreichische Adipositas Gesellschaft und das vorsorgemedizinische Institut Sipcan festgestellt. Sie hatten 700 Getränke getestet. Zu anderen Lebensmitteln liegen aktuell keine vergleichbaren Studien vor.

Der Lebensmittelkonzern Spar hat eigenen Angaben zufolge seit 2017 bei seinen Eigenmarkenprodukten im Getränkebereich rund 200 Tonnen Zucker gestrichen. Bis zum Jahr 2020 will der Konzern insgesamt 1000 Tonnen einsparen. Der weltgrößte Nahrungsmittelkonzern Nestlé hat jüngst angekündigt, den Zuckergehalt „weiter um fünf Prozent zu senken". Andere Produzenten versprechen sogar eine Verringerung um 20 bis 30 Prozent.

Wie viel Zucker nehmen wir täglich zu uns?

Ende der 1990er-Jahre verspeisten die Österreicher noch mehr als 40 Kilogramm Zucker pro Kopf und Jahr. Heutzutage beläuft sich der jährliche Konsum im Schnitt auf 33 Kilogramm, pro Tag sind das in etwa 93 Gramm. Das ist aber weit über den Empfehlungen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hatte im März 2015 die empfohlene Tagesmenge für Erwachsene von 50 auf 25 Gramm gesenkt. Umgerechnet wären das sechs Würfelzucker. Vor allem versteckter Zucker — etwa in Fertigprodukten und Getränken — lässt den Konsum leicht höherschnellen.

Was sagen Verbraucherschützer zur aktuellen Reduktion? Sie sehen die Maßnahme positiv, allerdings sei in den Jahren zuvor viel Zucker eingesetzt worden. „Zum einen ist es dringend notwendig und begrüßenswert, dass der Handel und die Hersteller aktiv werden. Zum anderen ist aber auch kritisch anzumerken, dass über Jahre hinweg der Zuckergehalt in vielen Produkten als Kaufanreiz sehr hoch gehalten wurde — und jetzt geht man langsam mit den Zuckermengen zurück", gibt Katrin Mittl vom Verein für Konsumenteninformation (VKI) zu bedenken.

Verbraucherschützer wünschen sich transparentere Informationen auf den Packungen. Denn es muss nicht zwangsläufig das Wort „Zucker" in der Zutatenliste aufgelistet sein. „Auch Glukosesirup, Fruktosesirup, Maltose, Dextrose, Apfelfruchtsüße usw. weisen darauf hin, dass Zucker enthalten ist." Und: „Hinter Begriffen wie ,weniger Zucker' oder ,zuckerreduziert' können sich größere Zuckermengen verstecken — das Produkt muss dann laut Gesetzgeber lediglich 30 Prozent weniger Zucker enthalten als vergleichbare Produkte", informiert Mittl.

Welche Position bezieht die Politik?

Eine Zuckersteuer oder Verpflichtung zur Zuckerreduktion ist in Österreich derzeit nicht vorgesehen. Gesundheitsministerin Beate Hartinger-Klein (FPÖ) setzt auf Bewusstseinsförderung in der Bevölkerung. Der Schulmilchbestellung sei ein Informationsschreiben über den höheren Zuckergehalt von Kakao beigefügt, ließ sie die TT wissen. „Es ist mir ein Anliegen, dass die österreichische Bevölkerung ihr Bewusstsein für die persönliche Gesundheit und damit für die gesunde Ernährung schärft. Dazu gehört natürlich auch die Reduktion des Zuckerkonsums."

Wie reagieren Zuckerproduzenten?

Johann Marihart, Vorstandsvorsitzender der Agrana (u. a. Wiener Zucker), sieht die Bemühungen der Lebensmittelproduzenten naturgemäß kritisch. „Diese Form der Werbung für mehr Gesundheit durch Zuckerreduktion grenzt für mich an Irreführung. Wir haben festgestellt, dass bei einem um 30 Prozent zuckerreduzierten Pudding die Kalorienmenge lediglich um sechs Prozent verringert wurde." Trotz des Wegfalls von Zucker soll in den meisten Fällen die angebotene Verkaufsmenge möglichst gleich bleiben. Dafür eignen sich nicht alle Stoffe. „Mehr Fett oder Eiweiß würden zu mehr Kalorien führen. Das ist extrem schwierig. Die Produzenten müssen in Wahrheit mehr Wasser verkaufen und brauchen auch Verdickungsmittel", sagt Marihart.

Er will das Problem der immer dicker werdenden Bevölkerung woanders verorten. „Nur Zucker zum Sündenbock zu machen, verstellt den Blick auf die wahre Ursache von Übergewicht." Die Menschen würden laut Marihart „zu viele Kalorien aufnehmen im Vergleich zu der Menge, die sie aufgrund ihres Lebensstils bräuchten". Der Abschied vom Zucker fällt nicht wenigen so schwer wie der Verzicht auf eine zweite Portion.