Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 06.09.2018


Tirol

Schwangerschaft: Kein Alkohol ist die Lösung

In Tirol kommen jedes Jahr um die 100 Kinder mit alkoholbedingten Beeinträchtigungen auf die Welt. Zum Tag des alkoholgeschädigten Kindes (9. September) räumt Klinikdirektor Marth mit einem Irrglauben auf.

© iStockDie Grenze, wie viel Alkohol man in der Schwangerschaft und Stillzeit zu sich nehmen darf, ist nicht verhandelbar. Es gibt nämlich keine.



Von Theresa Mair

Innsbruck — Eine Rumkugel oder ein Sommerspritzer sind ja eigentlich gar nichts, und ein Glaserl Sekt soll ja gut sein für den Kreislauf, oder? Nein! Die Grenze, wie viel Alkohol man in der Schwangerschaft und Stillzeit zu sich nehmen darf, ist nicht verhandelbar. Es gibt nämlich keine. Das Risiko ist zu groß.

Jedes Jahr werden in Österreich schätzungsweise 1000 Kinder mit Alkoholschäden geboren, 400 von ihnen mit schweren Behinderungen. Ein Zehntel davon in Tirol, wie Christian Marth, Direktor der Uniklinik für Gynäkologie und Geburtshilfe in Innsbruck, anlässlich des Welttags des alkoholgeschädigten Kinde­s sagt. Grundsätzlich sei zwar bekannt, dass Alkohol in der Schwangerschaft schädlich ist, aber „viele meinen, so ein bisschen Alkohol schadet nicht. Das stimmt nicht. Jeder Tropfen ist riskant. Es gibt keine Minimaldosis", betont Marth. Noch mehr Aufklärung sei notwendig.

Alkohol gelangt zuerst in die Blutbahn der Schwangeren, bevor die Promille von der Leber abgebaut werden. Über das Blut kommt genau die gleiche Menge des Hochprozentigen auch in die Plazenta, die das Baby versorgt. „Beim Kind ist die Leber jedoch noch nicht entwickelt, wodurch es eine viel höhere Alkoholschädigung erfährt als die Mutter", erklärt der Mediziner.

Je nach Stadium der Schwangerschaft birgt Alkohol unterschiedliche Gefahren für das Ungeborene, wie auch aus einer Information des öster­reichischen Vereins zur Unterstützung von Menschen mit Fetalem Alkoholsyndrom (FASD), der „FASD Hilfe Austria (www.fasdhilfeaustria.at), hervorgeht. Trinkt die Mutter demnach in den ersten Schwangerschaftswochen, ist das Risiko einer Fehlgeburt hoch. „Aber ab der Einnistung der Eizelle in den Uterus können während der gesamten Schwangerschaft Schädigungen eintreten. Die Organe entwickeln sich in bestimmten Abschnitten der Schwangerschaft, das zentrale Nervensystem entwickelt sich während der gesamten Schwangerschaft und ist daher am stärksten gefährdet", ist auf der Homepage nachzulesen. Herzfehler, eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte, eine „massiv beeinträchtigt­e Hirnentwicklung", Seh-, Hör-Stimm-, Sprech-, Sprach- und Schlafstörungen sowie Lernschwächen können u. a. entstehe­n, wie Marth zusammenfasst.

Die Gefahr ist also gerade zu Beginn am höchsten, wenn viele Frauen noch gar nicht wissen, dass sie schwanger sind. Die einzige Vorkehrung, die es gebe, sei: „Jede Frau, die ungeschützten Geschlechtsverkehr hat, muss damit rechnen, schwanger zu sein. Dann muss sie auf Alkohol verzichten", ist der Klinikdirektor deutlich.

Doch auch nach der Geburt ist die Gefahr nicht gebannt. Die Stillzeit sei nicht unproblematisch und es geb­e Hinweise, dass durch Alkohol in der Muttermilch das Risiko für einen plötzlichen Kindstod zunimmt. Das europäische Institut für Stillen und Laktation (www.stillen-institut.com) hat im Juni den wissenschaftlichen Kenntnisstand zusammengefasst. Das Fazit lautet: „Gelegentlicher geringer Alkohol­genuss (z. B. 1- bis 2-mal wöchentlich 100 ml Sekt) während der Stillzeit schädigt den Säugling offenbar nicht. Bei chronischem oder auch gelegentlichem exzessiven Alkoholkonsum muss abgestillt werden." Man beachte das Wort „offenbar".

Marth will sich darauf nicht einlassen. „Unsere Botschaft ist klar: kein Alkohol in der Schwangerschaft und Stillzeit. Lieber das eine Glas Sekt am Geburtstag weglassen." Angesichts der möglichen lebenslangen Beeinträchtigungen, die dem Kind drohen, sollte der Mutter so viel Disziplin zumutbar sein.