Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 11.10.2018


Gesundheit

Die seelische Not der Kinder wächst

Gestern präsentierte die Österreichische Kinderliga ihren Jahresbericht: Jedes fünfte Kind leidet an psychischen Problemen. In Sachen körperliche Gesundheit gibt es Fortschritte.

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© E+



Von Judith Sam

Innsbruck – Kinder und Jugendliche sind die gesündeste Bevölkerungsgruppe. Kaum zu glauben, wenn man einen Blick auf die gesundheitlichen Probleme wirft, mit denen sie sich herumschlagen. „Jedes fünfte Kind in Österreich leidet an psychischen Problemen – von Selbstverletzungstendenzen bis zu Aggression. Auch die Zahl depressiver Minderjähriger steigt“, geizt Christoph Hackspiel, Präsident der Kinderliga, nicht mit Hiobsbotschaften. Davon findet man im neuen Bericht der Kinderliga, der gestern in Wien präsentiert wurde, genügend: „Wir haben uns heuer auf die seelische Gesundheit konzentriert.“ Landläufig verstehe man unter dem Begriff Gesundheit nämlich meist körperliche Aspekte. Dabei entstehen viele Krankheiten nur, weil die Seele leidet.

„Je gravierender die psychischen Probleme, desto größer die Gefahr, dass die Kinder abstürzen“, warnt der Psychotherapeut. Das habe auch finanzielle Folgen: „Ist jemand nicht motiviert, absolviert keine Ausbildung und landet vielleicht noch in der Psychiatrie, muss der Steuerzahler dessen Leben finanzieren. Das kostet pro betroffenem ,Aussteiger‘ rund zwei Millionen Euro – auf sein ganzes Leben hochgerechnet.“

Umso wichtiger sei es, schon bei den Kleinsten auf seelische Gesundheit zu achten: „Dafür müssen die Kinder Anerkennung erfahren und Teil einer Gemeinschaft sein.“ Früher übernahmen das die Großfamilien. Heute würden sich Kinder immer mehr in virtuelle Welten zurückziehen, sich isolieren und verlernen, am Leben teilzunehmen.

Als Folge davon bewegen sie sich auch weniger – was sich wiederum schlecht auf ihre körperliche Gesundheit auswirkt. Nur jeder dritte Junge und jedes sechste Mädchen zwischen elf und 17 Jahren bewegt sich 60 Minuten täglich. Das hat laut Daniela Karall, stellvertretende Direktorin der Innsbrucker Uniklinik für Pädiatrie, eines der akutesten Gesundheitsprobleme zur Folge: „Die meisten Kinder, die wir behandeln, kommen wegen Folgen von Übergewicht.“ Waren vor 20 Jahren nur fünf Prozent der Tiroler Kinder betroffen, sind es heute zehn bis 20 Prozent. Typ-2-Diabetes, der vor fünf Jahren noch kein Thema war, kommt auch immer häufiger vor. Gelenksprobleme und gestörter Zuckerstoffwechsel inklusive.

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Ursachen seien schlechte Ernährung und viel Bildschirmzeit. „Wegen der fehlenden Bewegung im Freien steigt auch die Zahl der Allergien“, sagt Karall. Kleinkinder hätten weniger Kontakt zu Gräsern und Schmutz, was den Schutz erhöhen würde: „Zeitgleich kommen sie öfter mit Allergieauslösern, etwa in der Nahrung, in Kontakt.“

Bei all diesen fatalen Meldungen hat die Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde auch eine positive: „Österreicher sind keine Impfmuffel, auch wenn die Medien das gerne verbreiten. Drei Viertel der Kinder sind durchgeimpft. Besonders finanzschwache Eltern haben ein gutes Impfbewusstsein, weil sie das Gesundheitssystem in Anspruch nehmen.“

Diesbezüglich kommt ihnen auch ein neuer Tarif in Sachen Zahngesundheit zugute. „Seit 1. Juli übernimmt die Gebietskrankenkasse die Kosten für einen Mundhygiene-Termin pro Jahr für Zehn- bis 18-Jährige“, sagt der Innsbrucker Zahnarzt Marcellus Weger. Eine notwendige Entwicklung, weil derzeit nur 55 Prozent der sechsjährigen Österreicher kariesfrei sind.

Um die Situation weiter zu verbessern, plädiert Karall dafür, dass die Untersuchungen im Mutter-Kind-Pass nicht mit dem sechsten Lebensjahr enden, sondern bis zum 18. Lebensjahr andauern.

Was Lösungsansätze angeht, hat auch Kinderliga-Präsident Hackspiel einige Ideen: „Wir unterstützen die so genannte ,Frühe Hilfe‘, bei der jungen Eltern bereits während der Schwangerschaft Unterstützung angeboten wird: Nicht nur in Bezug auf körperliche Probleme, sondern auch bei Drogenabhängigkeit und Schulden.“

Kinder aus finanzschwachen Familien seien nämlich besonders betroffen: „Viele der 300.000 Kinder in Österreich, die unter oder nahe der Armutsschwelle leben, wohnen in Stresshaushalten. Das bedeutet, deren Eltern haben kaum Zeit für sie, weil sie ums finanzielle Überleben kämpfen, mehrere Jobs oder schon resigniert haben. Dieser Druck ist Alltag für die Kinder und macht sie krank.“ Doch obwohl Kinder und Jugendliche 20 Prozent der Bevölkerung ausmachten, kämen ihnen nur sechs Prozent der Gesundheitsausgaben des Staates zugute: „Eine Folge ist, dass Therapieangebote in Österreich immer noch zur Gänze oder zumindest großteils privat finanziert werden müssen.“

Kein Wunder, dass Hackspiel etwas politikverdrossen ist: „Wie wäre es, endlich die Idee eines eigenen Kinderministeriums umzusetzen?“