Letztes Update am Sa, 06.10.2018 16:36

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Das ist pures Gift für die Gelenke

Zwölf Prozent der Österreicher leiden an Arthrose. Damit ist die Verschleißerscheinung eine der häufigsten Gelenkserkrankungen. Der erste Tiroler Arthrosetag informiert über klassische und neue Therapiemöglichkeiten.



Von Andrea Wieser

Beim Romedikirchl in Thaur in Tirol wurde im Frühjahr das Skelett eines Mannes gefunden. Untersuchungen einer Wiener Anthropologin ergaben: Der Mann stammte aus dem Frühmittelalter (etwa 700 n. Chr.) und hatte Arthrose an praktisch allen Gelenken. Damit sind zwei Dinge klar: Das Gelenksproblem belas­tet die Menschheit schon lange. Und es kann dem Mann, der für damalige Verhältnisse stattliche 60 Jahre alt wurde, nicht sehr gut gegangen sein. Aufgrund der abgenutzten Knorpel muss er Schmerzen bei jeder Bewegung gehabt haben.

„Regelmäßige Bewegung ist der allerbeste Rat. Muskulatur und Knorpel müssen gefordert werden.“ Ralf Rosenberger, 
Unfallchirurg, Knieexperte
- Andrea Wieser

Seit dem Mittelalter hat sich in Sachen Lebensumstände zum Glück einiges getan. Dennoch betrifft Arthrose heute in Österreich rund zwölf Prozent der Bevölkerung, ab 70 Jahren steigt die Zahl noch dazu rapide auf ca. 80 Prozent an. Diese Datenlage weißt auf die Krux hin. Wir leiden primär im Alter unter Gelenksschmerzen, dagegen etwas tun müssen wir schon früher.

Schmerzhafte Entzündungen

Grundsätzlich ist die Ursache für Arthrose im Knorpelgewebe und im gelenksnahen Knochengewebe zu suchen. Bei Umbauten und Erneuerungen dieses Gewebes kommt es zu einer Störung des Gleichgewichts im Knorpelstoffwechsel, wobei der Abbau von Knorpelsubstanz überwiegt. Im Laufe der Erkrankung kann es zu einem vollkommenen Verlust des Knorpels, zu Zystenbildungen im Knochen und zu einer Entzündung der Gelenksinnenhaut kommen. Simpel gesagt: Gelenke sind für eine Reibung ohne Knorpelmasse einfach nicht geeignet.

Damit es dazu erst gar nicht kommt, kann vorgesorgt werden. „Regelmäßige Bewegung ist der allerbeste Rat“, meint dazu Ralf Rosenberger, Unfallchirurg an der Universitätsklinik Innsbruck. Als Knieexperte ist er mit der Thematik bestens vertraut und weiß: „Muskulatur und Knorpel müssen gefordert werden.“ Das gelte übrigens auch für schon betroffene Arthrosepatienten. Wer seine Gelenke in der Hoffnung, den Verschleiß einzudämmen, schont, sei auf dem falschen Weg. Bewegung mit kontrollierter Belastung sei wesentlich sinnvoller.

Gesundheit durch Balance

Maßvolle Sportlichkeit ist auch beim gesunden jungen Menschen das Credo. „Im Breitensport beobachten wir immer wieder, dass Übungen falsch ausgeführt werden“, sagt dazu der Innsbrucker Knietraumatologe Christoph Raas. Und noch ein Problem: die Einseitigkeit. „Trainieren Kinder intensiv für eine Sportart, dann bemerken wir einen rapiden Anstieg der Verletzungen bei den 14- bis 15-Jährigen.“ Für Raas ein Signal dafür, dass zu wenig ganzheitlich gedacht wird. So würden Fußballer zum Beispiel nun mal in der Regel hauptsächlich mit den Beinen arbeiten. Wenn hier der körperliche Ausgleich stimmt, senkt das die Disposition für den Gelenksverschleiß.

Ein weiteres Gift für die Gelenke ist einseitige beziehungsweise falsche Ernährung. Rotes Fleisch vom Rind, Kalbfleisch oder Schwein kann Entzündungen und Schmerzen in den Gelenken begünstigen. Die darin enthaltenen Fettsäuren machen den Gelenken zu schaffen. Ebenso entwickeln stark erhitzte oder frittierte Lebensmittel Toxine, die Proteine im Körper beschädigen und Entzündungen fördern. Lebensmittel wie Olivenöl, Nüsse oder Kürbiskerne, alle bekannt für ihren Reichtum an Omega-3-Fettsäuren, sind hingegen zu begrüßen. Ihre entzündungshemmende Wirkung kommt den Gelenken zu Gute.

Schon lange bekannt ist die problematische Situation für Übergewichtige. Neben der rein mechanischen Überbelastung der Gelenke kommt bei einer übermäßigen Körpermasse noch ein anderer Faktor hinzu. Aktuelle Studien belegen, dass es eine eindeutige Verbindung zwischen Übergewicht und entzündlichen Erkrankungen gibt. In den stark vergrößerten Fettzellen von Übergewichtigen kommt es zur Überproduktion von entzündungsfördernden Eiweißstoffen, (Zytokine). Diese können bei Arthrosepatienten zur Degeneration des Gelenkknorpels führen.

Für Menschen, die sich vorweg informieren wollen, für jene, die von der Gelenkserkrankung betroffen sind, aber auch für Mediziner und Physiotherapeuten wird am kommenden Freitag der erste Tiroler Arthrosetag über die Bühne gehen. Bei der Veranstaltung soll das ganze Spektrum der therapeutischen Möglichkeiten gezeigt werden. Organisator Ralf Rosenberger setzt hier auf einen integrativen Ansatz: „Informiert wird über komplementäre Methoden wie Physiotherapie oder Akupunktur ebenso wie über aktuelle schulmedizinische Angebote.“ Vom richtigen Zeitpunkt einer Operation bis zur optimalen Prothese. Ein Informationstag, den der Thaurer aus dem Frühmittelalter dringend nötig gehabt hätte.