Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 24.10.2018


Suizid-Prävention

Wenn Jugendliche nicht mehr leben wollen

Suizid ist eine der häufigsten Todesursachen bei Jugendlichen. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, wird das Thema immer noch tabuisiert.

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Von Evelin Stark

Innsbruck – Selbstmord ist nach Verkehrsunfällen die zweithäufigste Todesursache bei den 15- bis 24-jährigen Österreichern. Den Notrufdienst Rat auf Draht erreichen jeden Tag mindestens drei Jugendliche, die von Sui­zidgedanken geplagt sind. Das sind über 1000 junge Menschen, die jedes Jahr ihren Mut zusammennehmen, um über ihre Verzweiflung zu sprechen. Trotz alledem wird das Thema Suizid in unserer Gesellschaft im wahrsten Sinne des Wortes nach wie vor totgeschwiegen.

Jung zu sein, ist heutzutage nicht besonders leicht. Der Schritt ins Erwachsenen- und ins Berufsleben macht den Jugendlichen oft Angst, während die Erwartungen der Eltern sie zusätzlich unter Druck setzen. Die allgegenwärtigen Medien zeichnen indessen Idealbilder, denen die jungen Erwachsenen meist erfolglos nacheifern. Dazu kommt, dass das Erwachsenwerden an sich schon eine Achterbahn der Gefühle darstellt. Wenn diese Gefühle überhandnehmen, ist für manche der letzte Ausweg der Abschied vom Leben.

„Suizid ist ein schwieriges Thema, das mit vielen Hemmungen verbunden ist“, sagt Raphaela Banzer. Die Psychologin ist in der Innsbrucker Beratungsstelle BIN (Beratung, Information, Nachsorge) tätig. Lange habe der Fehlglaube geherrscht, dass wenn man über Selbstmord spricht, er auch eher passiere. „Dabei gibt es inzwischen einige Studien, die belegen, dass es sehr wichtig ist, das Thema anzusprechen.“

Deshalb hat die Psychologin gemeinsam mit dem Ärztlichen Direktor des Landeskrankenhauses Hall, Christian Haring, in Kooperation mit dem Karolinska Institut Schweden YAM – Youth Aware of Mental Health entwickelt. Das österreichweit einzigartige Projekt ist ein Präventionsprogramm zur Förderung des Umgangs mit Depression und Suizidalität an Tiroler Schulen. „Derzeit nehmen zehn Schulen mit 750 Schülern und Lehrern an dem Projekt teil“, so Banzer. Im zeitlichen Rahmen von fünf Schulstunden sensibilisiert YAM die Schüler für die Wahrnehmung und Vermeidung von Risikoverhalten, und das in Form von Rollenspielen.

„Wir zeigen den Jugendlichen, wie sie an ihren Mitschülern erkennen können, ob es ihnen schlecht geht“, so die Expertin. „Wenn junge Menschen ihr Sozialverhalten verändern, Motivationsverlust herrscht, sie sich äußerlich verändern oder auch körperliche Beschwerden häufiger werden, können das Hinweise darauf sein, dass es ihnen nicht gut geht.“ Dann sei es hilfreich, das Gespräch zu suchen.

Darüber sprechen – das ist auch das Angebot, das die Telefonberatung Rat auf Draht unter der Nummer 147 seit inzwischen 31 Jahren macht. „Wir haben ungefähr 200 Beratungsgespräche am Tag“, sagt Birgit Satke, Leiterin der wichtigsten Hotline des Landes für Kinder und Jugendliche in Not. Dabei seien Beratungen im Rahmen schwerer Lebenskrisen wie psychischen Erkrankungen und Suizidalität in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Durchschnittlich seien es drei oder mehr pro Tag.

„Bei den Suizidgesprächen ist viel davon abhängig, dass unsere Berater abschätzen können, wie weit fortgeschritten die Jugendlichen in ihren Selbstmordplänen sind“, so die Sozialarbeiterin und Psychologin. Wenn die Selbstmordpläne bereits sehr konkret seien, würden die Einsatzkräfte alarmiert, während die Berater sich bemühen, das Gespräch aufrechtzuerhalten.

In vielen Fällen helfe den Jugendlichen aber bereits das Gespräch an sich. „Sie tun sich oft schwer, ihr Grundproblem zu benennen. Im Zuge des Gesprächs kommen sie aber selbst darauf und damit löst sich schon ein dicker Knoten“, sagt Satke.

Jugendliche, die ernsthaft einen Suizid in Erwägung ziehen, brauchen also keine voreiligen Lösungsvorschläge zu ihren Problemen, sondern vielmehr ein offenes Ohr. „Das Umfeld sollte hinschauen und nicht weg“, ist sich auch Raphaela Banzer sicher. Nur so könne den Jugendlichen aus der Not geholfen werden.

Wo man Hilfe bekommt

Rat auf Draht 147 bietet eine kostenlose Telefonberatung für Kinder, Jugendliche und deren Bezugspersonen — für alle Themen, die sie beschäftigen. Tel. 147, Web: www.rataufdraht.at

Tagung: Am Samstag, den 10. November, findet von 9 bis 17.15 Uhr eine Tagung zum Thema „Tabu Suizid — Wir reden darüber" im Haus der Begegnung (Rennweg 12, Innsbruck) statt. Anmeldung unter: hdb.kurse@dibk.at