Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 08.11.2018


Medizin

Ein Schritt nach dem anderen: Gelähmte lernen gehen

Jüngste Erfolge von Rückenmarksforschern lassen Gelähmte hoffen, den Rollstuhl hinter sich zu lassen. Neurochirurgie-Direktor Claudius Thomé ordnet die Entwicklung ein.

© EPFL Jamani CailletDer 30-jährige David Mzee blieb nach einem Sportunfall gelähmt. Dann nahm er an der Schweizer Studie teil und konnte nach fünf Tagen wieder erste Schritte gehen.



Von Theresa Mair

Innsbruck – „Gehen lernen trotz Lähmung“, „Unglaublich! Diese Gelähmten können wieder gehen“, „Wenn Gelähmte gehen können“: So und ähnlich biblisch lauten die Schlagzeilen dieser Tage. Das Wunder vollbringen Rückenmarksforscher. Drei Patienten, die aufgrund einer Rückenmarksverletzung gelähmt waren, können die Beine wieder bewegen und mit Stützen wieder gehen. Wissenschafter um Grégoire Courtine und Jocelyn Bloch aus Lausanne haben ihnen Elektrostimulatoren am Rückenmark eingepflanzt und ein anspruchsvolles Trainingsprogramm entwickelt.

Nach fünf Monaten konnten die Patienten ihre Beine sogar willentlich bewegen, wenn die Elektrostimulation abgeschaltet war. Mit Stimulation und Krücken oder Rollator ist es ihnen gelungen, zu gehen. Die Lausanner haben die Ergebnisse ihrer „Stimo“-Studie kürzlich in den Fachmagazinen Nature und Nature Neuroscience beschrieben.

Was einfach klingt, ist ein sehr komplexer Vorgang. „Die Erfolge sind in Wahrheit erste Gehversuche, nachdem dieses medizinische Gebiet erst seit gut 15 Jahren intensiver beforscht wird“, bilanziert Claudius Thomé.

Der Direktor der Universitätsklinik für Neurochirurgie in Innsbruck hat den Überblick über die Entwicklung. Zwar wird in Innsbruck nicht mit Elektrostimulatoren geforscht. Im wissenschaftlichen Beratergremium von „Wings for Life“ entscheidet Thomé aber mit, welche Studien die von Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz und Motocross-Fahrer Heinz Kinigadner gegründete Stiftung für Rückenmarksforschung fördert. „Stimo“ ist eines dieser Projekte.

„Grundsätzlich sind drei unterschiedliche Ansätze der Elektrostimulation zu unterscheiden“, sagt Thomé. Die erste Möglichkeit ist, eine Stimulationssonde, die mit Elektroden bestückt ist, unterhalb der Verletzung epidural – das heißt auf die Schutzschicht, die das Rückenmark ummantelt – zu implantieren. Alleine die Stimulationssonde aktiviert die Beinmuskulatur. „Indem man Strom zwischen den Elektroden hin- und herschickt, kann man das Rückenmark beeinflussen. Die Areale, welche die Motorik steuern, befinden sich im Rückenmark. Man weiß ungefähr, wo diese Nervenfasern sind. Sie werden von Nervenwasser umspült, das Strom leitet“, so Thomé.

Die Stimulationstechnik habe ihren Ursprung in der Schmerztherapie. „Es ist allerdings viel einfacher, ein Area­l auszuschalten wie bei der Schmerztherapie, als eines zu aktivieren.“ Das Aktivierungsmuster wird am Computer vorprogrammiert, das Rückenmark von außen stimuliert.

„Das Hauptproblem dabei ist, dass keine Empfindung an das Gehirn weitergeleitet wird, wie die Beine stehen. Deshalb kann die Stimulation derzeit nur mit Hilfspersonen angewandt werden.“ Schaltet man die Sonde ab, ist der Patient wieder gehunfähig. US-Forscher hätten damit den ersten Durchbruch erzielt, selbstständiges Gehen hat man damit aber noch nicht erreicht.

Der Schweizer Courtine und auch Susan Harkema aus Louis- ville (USA) verfolgen einen zweiten Ansatz, den Thomé als erfolgversprechend einstuft. Sie gehen davon aus, dass bei inkompletten, aber auch bei den meisten kompletten Querschnittlähmungen Nervenfasern überleben.

Diese seien nicht für die Motorik zuständig, könnten durch die Rückenmarksstimulation aber umprogrammiert werden. „Durch die Anregung könnte das Gehirn des Patienten die Bewegung über die anderen Bahnen steuern.“ Zwei von Harkemas Patienten mit inkompletter Querschnittlähmung können inzwischen ein paar Schritte gehen – auch ohne Elektrostimulation.

Noch auf Tierversuchs-Ebene ist die dritte Option, bei der im Motorcortex des Gehirns Nadelelektroden eingepflanzt werden. Ein PC ist einerseits mit den Elektroden im Gehirn, andererseits mit der Rückenmarkssonde verbunden. Auf diese Weise soll das Bewegungsdenken des Gehirns weitergeleitet werden.

Unabhängig von Elektrostimulation möchten Forscher auf biochemischem Weg Nervenbahnen nach einer Verletzung retten oder wiederherstellen. Hier sind auch an der Innsbrucker Klinik Studien geplant, bei denen versucht wird, u. a. die Entzündung nach einer Rückenmarksverletzung mit Medikamenten zu stoppen. Fraglich sei noch, ob sich neue Nervenbahnen bilden, wenn Stammzellen eingespritzt werden. Thomé schätzt, dass es in wenigen Jahren größere Studien dazu geben wird.

Welche Fortschritte die Rückenmarksforschung künftig erzielen wird, hänge davon ab, wie sich Stammzellenforschung und Computertechnik weiterentwickeln. Patienten dürften aber hoffen, dass sich in den nächsten Jahren viel zu ihrer Genesung tut.