Letztes Update am Do, 07.02.2019 13:21

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Beim Kind ist das Kreuz mit dem Band noch größer

Früher Leistungssport und aggressive Ski erhöhen das Risiko für einen Kreuzbandriss bei Kindern. Die Auswirkungen begleiten sie oft ihr ganzes Leben.

Sabine Reischl hat sich beim Skifahren das Kreuzband gerissen. Christian Fink operierte sie.

© Sandra ReischlSabine Reischl hat sich beim Skifahren das Kreuzband gerissen. Christian Fink operierte sie.



Von Theresa Mair

Beim Schulskikurs ist es passiert. Sabine Reischl hat eine Eisplatte unter dem frischen Schnee nicht sehen können, geriet in Rückenlage und stürzte. „Zuerst habe ich Schmerzen gehab­t, als ich am Boden gelegen bin. Dann ist es besser geworden, aber als ich aufstehen wollte, ging das nicht“, erzählt die elfjährige Lienzerin. Die Kniescheibe ist rausgesprungen.

Nach einem Röntgen und dem „Schubladentest“ – der Unterschenkel wird gegenüber dem Oberschenkel nach vorne geschoben – war schon fast klar: „Das Kreuzbandl hat nicht mehr zugehalten“, wie das Mädchen erklärt. Eine Magnetresonanztomografie am nächsten Tag bestätigte den Verdacht. Sabine musste operiert werden.

Kreuzbandrisse nehmen zu

„Bei den Kreuzbandrissen nimmt der Anteil der Kinder und Jugendlichen von 7 bis 15 Jahren zu“, sagt der Innsbrucker Sporttraumatologe und Unfallchirurg Christian Fink. Gründe dafür seien aggressiver werdendes Material (im Skisport) und ein früher Eintritt in den Leistungssport. Skifahren, Fußballspielen und Hallen-Ballsportarten wie Basket-, Volley- und Handball bergen ein erhöhtes Risiko für Kreuzbandrisse. Im Kindes- und Jugendalter sind Buben mit 55 Prozent anfälliger für Kreuzbandverletzungen als Mädchen. Im Erwachsenenalter sind grundsätzlich mehr Frauen von Knieverletzungen betroffen, was mit ihrer Beinachse und der Muskulatur zu tun hat.

„Ein Kreuzbandriss muss nicht immer sehr wehtun und es braucht, wie etwa im Skifahren, oft keinen spektakulären Sturz. Die Aufklärung der Eltern ist sehr wichtig. Eine Schwellung am Knie darf beim Kind nicht bagatellisiert werden. Auch wenn das Knie ,auslässt‘, ist das absolut ernstzunehmen“, sagt der Spezialist. Die lebenslangen Auswirkungen eines Kreuzbandrisses im Kindesalter seien oft deutlich größer als bei einem Knochenbruch. Die Wiederverletzungsrate liege mit 25 Prozent extrem hoch.

Bandersatzpraktik beim Kind

Wie beim Erwachsenen wird auch ein Kreuzbandriss beim Kind mit einer Bandersatzplastik versorgt. Im Zuge eines minimalinvasiven Eingriffs wird eine Sehne aus dem Oberschenkel entnommen und das Knie damit stabilisiert. Allerdings muss die OP-Technik an die kindliche Anatomie angepasst werden. "Bei der Anlage der Bohrkanäle und bei der Befestigung des Bandes muss eine Beeinträchtigung der Wachstumsfugen weitgehend minimiert werden", erklärt Fink. Anders als beim Erwachsenen kommen nur Sehnen oder Bänder, die keinen Knochenanteil haben, in Frage.

Europäische Datensammlung

„Man nimmt an, dass 50 von 100.000 sportlich aktiven Kindern sich einmal das vordere Kreuzband reißen.“ Das stellt die Mediziner vor ein Dilemma: Operieren oder nicht operieren ist die Frage. Denn die Wachstumsfugen im kindlichen Knie sind noch offen, eine Verletzung im Zuge des Eingriffs kann zu Wachstumsstörungen führen. Deshalb habe man früher eine OP oft lange hinausgezögert, mit der Folge, dass die Patienten aufgrund des instabilen Knies bereits in jungen Jahren Meniskus- und Knorpelschäden entwickelt haben. Aktuell tendiere man eher zu einer sofortigen Operation, „mit spezieller Berücksichtigung der Wachstumsfugen“ (siehe: Box).

Um künftig bessere Aussagen treffen zu können, hat die ESSKA, die Europäische Gesellschaft für Sporttraumatologie, Kniechirurgie und Arthroskopie, nun ein Register gegründet, in das europaweit möglichst viele Daten zu kindlichen Kreuzbandverletzungen eingespeist werden sollen. In Österreich ist derzeit Finks Praxis „Gelenkpunkt“ die einzige Institution, die aufgrund ihrer hohen Anzahl an kindlichen Kniepatienten daran teilnimmt. Mit Einwilligung der Eltern werden ab Frühjahr die anonymisierten Daten der Patienten in eine zentrale Datenbank eingegeben. „Das Ziel ist nicht nur, die Behandlung zu verbessern, sondern auch zu schauen, wo man präventiv ansetzen kann. Es gibt einfach überall Nachholbedarf“, sagt er. Dazu gehören die Fragen, wann und mit welcher OP-Technik ein Eingriff erfolgen soll, wie die Physiotherapie angelegt wird und wie vor allem auch eine Wiederverletzung verhindert werden kann.

Sabine muss nun noch ein paar Tage lang mit Krücken gehen. Die Schiene, die sie Tag und Nacht auf dem Bein lassen muss, wird sie noch länger begleiten. Schmerzen hat sie glücklicherweise keine. Doch bis sie wieder tanzen, reiten, turnen und Tennis spielen darf, wird es noch dauern. „Normalerweise sind die Kinder zwei bis drei Tage im Krankenhaus, die Nachbehandlung dauert drei Monate. Mindestens neun Monate lang darf kein Risikosport betrieben werden“, erklärt Fink. Und als Risiko gilt schon allein das Völkerballspiel im Turnunterricht.

Gerade für quirlige Kinder wie Sabine ist es hart, dass sie so lange stillhalten müssen. Während die Lienzerin in der Klinik lag, bekam sie Besuch von der Skifahrerin Steffi Brunner. „Sie hat das Gleiche wie ich und sie hat gesagt, dass ich nie aufgeben und immer weitermachen soll.“

"Bei der Anlage der Bohrkanäle und bei der Befestigung des Bandes muss eine Beeinträchtigung der Wachstumsfugen weitgehend minimiert werden", erklärt Fink.
"Bei der Anlage der Bohrkanäle und bei der Befestigung des Bandes muss eine Beeinträchtigung der Wachstumsfugen weitgehend minimiert werden", erklärt Fink.
- Praxis Gelenkpunkt
Im Zuge eines minimalinvasiven Eingriffs wird eine Sehne aus dem Oberschenkel entnommen und das Knie damit stabilisiert.
Im Zuge eines minimalinvasiven Eingriffs wird eine Sehne aus dem Oberschenkel entnommen und das Knie damit stabilisiert.
- Praxis Gelenkpunkt