Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 14.02.2019


Gesundheit

Jenseits der Schmerzgrenze: “Schmerzen sieht man nicht“

Wer Schmerzen hat, geht zum Arzt. Doch viele Betroffene können ihr Leiden gar nicht mitteilen: Babys, Demenzkranke, Migranten. Experten sehen großen Handlungsbedarf.

Babys können Schmerzen nicht mit Worten ausdrücken. Ihre Behandlung ist eine Herausforderung.

© iStockBabys können Schmerzen nicht mit Worten ausdrücken. Ihre Behandlung ist eine Herausforderung.



Von Theresa Mair

Innsbruck – Versuchen Sie einmal, sich jemanden vorzustellen, der dauernd Schmerzen hat. Wie sieht derjenige aus? Eine unlösbare Aufgabe. „Schmerzen sieht man nicht. Die wenigsten verziehen das Gesicht“, sagt Wilhelm Eisner, Schmerz-Spezialist an der Uniklinik für Neurochirurgie in Innsbruck.

Noch bis morgen laufen die Schmerzwochen. Die Österreichische Schmerzgesellschaft (ÖSG) richtet in der 18. Auflage der Initiative die Aufmerksamkeit auf Menschen, die Schmerzen häufig nicht mit Worten ausdrücken können: Kleinkinder, Demenz-Patienten und Migranten.

Sie sind besonders gefährdet, „dass ihre Schmerzen übersehen, übergangen oder falsch eingeschätzt werden, dass sie unzureichend therapiert werden oder dass sie sehr gravierende chronische Schmerzerkrankungen entwickeln“, betonte ÖSG-Präsidentin Gabriele Grögl-Aringer in einer Aussendung der Schmerz-Gesellschaft.

Kinder, die weh haben, hören z. B. auf zu spielen und sich zu bewegen. Wenn man dem Kleinkind ein entzündungshemmendes Medikament gibt und es bewegt sich wieder, dann weiß man, dass es Schmerzen hatte“, sagt Eisner. Allerdings, so sagt ÖSG-Vorstandsmitglied Waltraud Stromer, können starke Schmerzreize und Gewebsverletzungen im Kindesalter die Entwicklung der Schmerzverarbeitung beeinflussen und das Schmerzempfinden dauerhaft verändern.

„Eine adäquate Schmerztherapie ist daher sehr wichtig, und zwar zum Zeitpunkt des anfänglichen Schmerzreizes“, so die Expertin. Denn: „Je länger und öfter Schmerzen bei Kindern auftreten, desto gravierender wird das Chronifizierungsrisiko“, so Stromer.

Es gibt aber noch ein weiteres Problem. Mehr als 80 Prozent der Schmerzmedikamente seien nicht für Kinder zugelassen. Es gebe zu wenige Studien über die Sicherheit und Wirksamkeit dieser Mittel bei Kindern.

Auch für Demenzkranke ist es schwer, Schmerzen zu äußern. Oft drücken sich diese in Form von Verhaltens­auffälligkeiten wie Unruhezustände oder Apathie aus. „Es braucht Instrumentarien, damit Angehörige und Pflegepersonal dieses Verhalten besser einordnen können“, sagt Schmerz-Experte Eisner. Denn Studien würden zeigen, dass oft Patienten gleichzeitig von Demenz und Schmerzen betroffen sind. Sie erhielten allerdings bis zu einem Drittel weniger Schmerzmittel als Patienten, die geistig fit sind.

Die Situation von Migranten verdeutlicht Eisner an einem Beispiel: „Kürzlich war ein Flüchtling aus Syrien auf der neurochirurgischen Ambulanz. Auf der Nordkette wurden gerade die Lawinen abgesprengt. Er hat sich massiv erschreckt und unter dem Tisch verkrochen. Alle haben gelacht. Der Mann aber hat in Syrien seine ganze Familie verloren. Es ist einfach, Schmerzmittel zu bekommen, aber keiner nimmt sich Zeit.“ Psychosoziale Belastungen können Schmerzen bereiten oder verstärken.

Aufgrund der Sprachbarriere seien Ärzte zudem oft auf Dolmetscher angewiesen, häufig die eigenen Kinder der Patienten. „Doch welche Frau sagt dann, dass ihr alles weh tut, auch der Geschlechtsverkehr?“, fragt Eisner.

Viele schweigen aus Angst und Scham. Auch aus Süd- und Osteuropa stammende Saisonarbeiter, die sich auf den Feldern oder am Bau häufig verletzen, seien meist ängstlich und sehr zurückhaltend. Es sei wichtig, sich Zeit zu nehmen, um offen und ehrlich zu sprechen.

Doch gerade dies sei in Österreich momentan schwierig. Im ganzen Land bestehen noch 48 Schmerzambulanzen, nachdem in den vergangenen Jahren viele Einrichtungen aufgrund von Personalmangel geschlossen wurden. 60 Prozent der Hausärzte, die ersten Ansprechpartner bei Schmerzen, werden in den nächsten Jahren in Pension gehen. In Tirol sind neben der Schmerzambulanz an der Innsbrucker Klinik jene in Hall, Kufstein, St. Johann und Zams Anlaufstellen für die geschätzt 120.000 bis 150.000 Betroffenen von chronischen Schmerzen.

Österreichweit geht man von 1,8 Millionen Betroffenen aus, 350.000 von ihnen leiden an der schlimmsten Form, der so genannten Schmerzkrankheit. Diese kann entstehen, wenn Schmerzen nicht ausreichend behandelt worden sind. „Die Schmerzursache ist dann längst vorbei. Medikamente und einfache Schmerzeingriffe helfen nicht mehr“, sagte Eisner. Der Schmerz geht dann vom Gehirn aus. „Es ist ein unerträgliches Brennen gepaart mit Gefühlsstörungen“, sagt Eisner. Er ist in Österreich der einzige Neurochirurg, der Schmerzpatienten, wenn nichts anderes geholfen hat, einen Hirnschrittmacher einpflanzt. „Man kennt das von der Parkinson-Krankheit, dem Tourette-Syndrom und Chorea Huntington. Es hilft aber auch bei psychischen Erkrankungen und bei Schmerz“, erklärt Eisner, der sich seit 1991 damit befasst.

Eisner setzt dazu Elektroden im Gehirn ein, welche die fehlenden Impulse ersetzen. „Wir haben gute Ergebnisse, vielen Patienten geht es besser, manche werden sogar schmerzfrei.“ Bis diese aber den Weg zu ihm finden, dauere es im Schnitt zehn bis 15 Jahre. Daher wünscht sich Eisner, dass die Zusammenarbeit zwischen den medizinischen Disziplinen beim Thema Schmerz gestärkt wird. „Das Wichtigste für den Patienten ist Aufklärung. Er muss wissen, dass er nicht allein ist und dass man ihm helfen kann.“