Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 11.04.2019


Gesundheit

„Eltern achten heute mehr auf Symptome“

ADHS wird immer häufiger diagnostiziert. Trotz Initiativen wie der ADHS-Sprechstunde gibt es eine Unterversorgung und lange Wartezeiten.

Kindern fehlen oft anstrengende Aktivitäten wie Fußballspielen.

© iStockKindern fehlen oft anstrengende Aktivitäten wie Fußballspielen.



Von Judith Sam

Hall – Bei immer mehr Kindern wird die Diagnose ADHS gestellt. Weil die damit einhergehenden Aufmerksamkeitsprobleme unterschiedliche Ursachen haben, bedarf es umfassender Abklärung. Um diese zu gewährleisten, wurden im Vorjahr 40 Kinder ambulant bei der ADHS-Sprechstunde am Landeskrankenhaus Hall betreut und weitere 25 stationär aufgenommen. „Bei den Betroffenen kamen zusätzlich zu ADHS Angststörungen, Autismus oder Depression hinzu“, zieht Kathrin Sevecke, Direktorin der Kinder-und Jugendpsychiatrie Innsbruck und Hall, ein Fazit. In der Klinik werden pro Patient drei diagnostische Termine angewendet, die unter anderem eine neuropsychologische Testung enthalten, um die Diagnos­e zu erhärten.

Laut Sevecke hat sich während der letzten Jahrzehnte allerdings nicht die Zahl der von ADHS Betroffenen erhöht: „Vielmehr achten Eltern und Lehrer heute mehr auf mögliche Symptome.“ Zudem fielen in immer größeren Schulklassen erhöhter Bewegungsdrang und Konzentrationsmangel mehr auf als früher und vielen Kindern würden körperlich aktive Freizeitaktivitäten wie Spielen im Freien fehlen.

Die Aussage, ADHS sei die Folge eines defizitären Bildungssystems, wie es etwa im Buch „Warum ADHS keine Krankheit ist“ von Amrei Wittwer (S. Hirzel Verlag) behauptet wird, sei wissenschaftlich nicht haltbar. „Ebenso stimm­e ich der Aussage des Buches, Ritalin sei eine Droge, nicht zu“, kritisiert Sevecke.

Vielmehr handle es sich dabei um ein zugelassenes Medikament, das seit dem Jahr 1950 existiert und umfassend ausgetestet sei: „Man kennt diesbezüglich alle Nebenwirkungen und kann bei Bedarf auch auf alternative Präparate wechseln.“ Den schlechten Ruf habe Ritalin nur, weil Erwachsene dessen mögliche Nebenwirkungen für sich genützt haben: „Sie setzten es etwa als Appetitzügler ein, um abzunehmen oder um ihre Konzentration zu steigern.“

Abgesehen davon seien nur 75 Prozent der Kinder, die wegen ADHS in der Haller Kinder- und Jugendpsychiatrie aufgenommen wurden, medikamentös behandelt worden. Bei den Patienten komme es wegen genetischer, neurochemischer oder Umweltfaktoren zu einem Ungleichgewicht der Botenstoffe in Gehirnregionen. Die resultierende inadäquate Reizverarbeitung habe Symptome wie Hyperaktivität und Impulsivität zur Folge.

„Um den vielen Betroffenen helfen zu können, bilden wir derzeit zehn Assistenzärzte aus“, sagt Sevecke. Trotzdem reiche die Zahl der Fachärzt­e noch nicht: „Weil es immer noch eine Unterversorgung und lange Wartezeiten gibt.“