Letztes Update am Mo, 15.04.2019 13:54

DPA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Erkrankungen

Tausendfacher Tod: Masern zeigen in Madagaskar ihre verheerende Macht

In vielen Ländern weltweit schlagen die Masern zu wie lange nicht mehr. Mangelnde Durchimpfungsraten führen auch in Österreich immer wieder zu Ausbrüchen. In Madagaskar ist nur etwa die Hälfte aller Kinder geimpft. Einer der weltgrößten Ausbrüche zeigt dort die furchtbaren Folgen.

Eine Impfkampagne ist in Madagaskar angelaufen.

© APA/AFP/MAMYRAELEine Impfkampagne ist in Madagaskar angelaufen.



Von Laetitia Bezain und Jürgen Bätz, dpa

Iarintsena – Der fünf Monate alte Isaïa hätte nicht sterben müssen. Eine einfache Impfung hätte sein Leben wohl gerettet. Seine Mutter Lalatiana Ravonjisoa ist nach dem Masern-Tod des Jungen verzweifelt. „Ich werfe mir vor, nicht genug getan zu haben“, sagt die 35-Jährige. Isaïa ist eines von mehr als 1200 Todesopfern der seit Monaten andauernden Masern-Epidemie in Madagaskar. Mit rund 120.000 Erkrankungen seit September ist der Ausbruch einer der derzeit größten der extrem ansteckenden Virusinfektion weltweit.

„Er ist nur eine Woche nach dem ersten Fieber gestorben“, sagt Ravonjisoa, Gemüseverkäuferin aus der Hauptstadt Antananarivo. Einen Arztbesuch habe sie sich nicht leisten können. Die Epidemie in dem Inselstaat vor der Südostküste Afrikas ist ein dramatisches Beispiel für das, was die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine beunruhigende Rückkehr vermeidbarer Krankheiten nennt. Die Zahl der Masern-Fälle ist demnach 2017 weltweit im Jahresvergleich um 30 Prozent gestiegen.

Impfmüdigkeit und Angst vor Nebenwirkungen

Inzwischen werden aus Europa, den USA, Afrika und Asien Epidemien gemeldet. Zu den Gründen für die Zunahme der Krankheitsfälle in entwickelten Ländern gehört Impfmüdigkeit, verbunden mit der Angst vor angeblichen Nebenwirkungen. Die WHO zählt mangelnde Impfbereitschaft bereits zu den größten Gesundheitsrisiken der Welt. Es handelt sich nicht um ein abstraktes Risiko: Vor Einführung der Masern-Impfung starben 1980 nach WHO-Daten rund 2,6 Millionen Menschen an der Viruskrankheit, 2016 waren es noch rund 100.000, vor allem in ärmeren Ländern.

In Madagaskar nur gut die Hälfte der Kinder gegen Masern geimpft

Das Virus hatte in Madagaskar leichtes Spiel, weil jahrelang nur gut die Hälfte aller Kinder geimpft wurden. Dem Staat fehlen die Mittel für Impfkampagnen. Weltweit sind vor allem ärmere Länder von Masern betroffen. Im zentralafrikanischen Kongo haben die Behörden seit Jahresanfang rund 41.000 Erkrankungen und 760 Masern-Tote gezählt, auf den Philippinen erlagen der Krankheit mehr als 350 Menschen. Bei den Opfern handelt es sich überwiegend um Kinder bis zu fünf Jahren.

Die sechs Kinder von Marie-Jeanne Randriamahefy in Antananarivo hatten im Dezember alle Masern. „Drei Kinder lagen in einem Bett, die drei übrigen im anderen Bett“, erzählt sie. Alle Kinder haben überlebt, aber die 44-Jährige macht sich Vorwürfe: „Ich habe die Kinder nicht impfen lassen. Es ist meine Schuld, dass sie fast gestorben sind.“

Anstieg der Masernfälle auch in der WHO-Region Europa

Mangelnde Durchimpfungsraten führen auch in Österreich immer wieder zu Ausbrüchen. Zwischen März 2018 und Ende Februar 2019 gab es in Österreich 14 registrierte Fälle pro Million Einwohner. In Ungarn waren es 1,4 pro Million Menschen. An der Spitze lag laut den EU/EWR-Statistiken Griechenland mit 131,1 pro Million Einwohner.

In dem Zeitraum wurden laut dem Europäischen Zentrum für Krankheitskontrolle (ECDC/Stockholm) 11.967 Masernfälle in den Staaten der EU und des Europäischen Wirtschaftsraumes gemeldet. Das ergab eine Durchschnittsquote von 23,1 je Million Einwohner. Ganz unten in der Statistik lag Ungarn mit nur 14 gemeldeten Erkrankungen und einer Quote von 1,4/Million Menschen. Dann folgten schon die Niederlande und Norwegen mit je 1,7 pro Million Menschen. Auch Dänemark (2,4 pro Million) und das benachbarte Slowenien (3,4/Million) oder Schweden (2,4 pro Million Einwohner) schnitten sehr gut ab.

Länder wie Kroatien ( 5,5 je Million Einwohner), Zypern (5,8) oder Spanien (4,9) waren es ebenfalls noch relativ wenige Fälle. In Bulgarien waren es 8,9 Erkrankungen pro Million Einwohner.

In Österreich schlägt das Pendel vergleichsweise in die negative Richtung aus: 14 Fälle pro Million Einwohner (123 Erkrankungen in absoluten Zahlen im Beobachtungszeitraum). Auch Großbritannien mit seinem verstaatlichen Gesundheitswesen, das in der Gesundheitspolitik und auch bei Health-Technology-Assessment-Experten wegen seiner medizinischen Primärversorgung immer wieder als Vorbild präsentiert wird, zeigte einen derart hohen Wert. Im Umfeld davon lagen auch Belgien (19,6/Million Einwohner), Polen (16,1) und Portugal (16,4) schnitten ähnlich ab – ebenso Irland (15,7). Frankreich wies mit einer Quote von 36,9 Masernfällen pro Million Einwohner eine mehr als doppelt so hohe Rate auf. (APA/dpa)