Letztes Update am So, 28.04.2019 14:15

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Das schlägt uns auf die Darmflora

Medikamente bringen den Darm mehr aus dem Gleichgewicht, als bisher angenommen. Die Einnahme von Probiotika ist nicht immer das erhoffte Allheilmittel. Gute Ernährung noch immer der Schlüssel zum Glück.

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Text: Andrea Wieser

Zwei bis zweieinhalb Kilogramm. Das ist das beeindruckende Gewicht unserer Darmflora. Man stelle sich das in Äpfeln oder Kartoffeln vor. Ein ganz schöner Berg an Gewicht, den der Mensch da mit sich herumschleppt. Aber wir sollten das gerne tun, denn die Darmflora – oder das Darm-Mikrobiom, wie Mediziner sie nennen – ist ein guter Freund des Menschen. „Es ist ein faszinierendes und komplexes Sys­tem, das man als eigenes Organ ansehen kann“, meint dazu die Grazer Mikrobiom-Spezialis­tin Vanessa Stadlbauer-Köllner. Ob und wie es funktioniert, hat massiven Einfluss auf den Körper und das psychische Wohlbefinden.

Nur, was wissen wir darüber? „Durch die Entwicklung moderner molekularer Untersuchungsmethoden und den dazugehörigen Methoden zur Datenauswertung verstehen wir heute schon viel mehr als noch vor zehn bis 15 Jahren, aber das Mikrobiom ist noch lange nicht entschlüsselt“, erklärt Stadlbauer-Köllner. Untersuchungen haben gezeigt, dass rund ein Viertel aller Arzneien Einfluss auf das Wachstum und die Funktion der Darmbakterien haben. Das ist bei Antibiotika schon länger bekannt, aber es kommen immer mehr Medikamente dazu.

Zum Beispiel Protonenpumpeninhibitoren (PPI), die wir besser unter dem Begriff „Magenschutz“ kennen, scheinen bei längerer Verabreichung problematisch zu sein. Sie werden verschrieben, wenn etwa Schmerzmittel die Magen- und Darmschleimhaut reizen, und führen zur kurzfris­tig erwünschten Verminderung der Magensäure. Auf Dauer ist das aber ein Problem. „Wie bei jedem Medikament gibt es klare Einsatzgebiete, Protonenpumpenhemmer sollen nicht als ,Lifestyle-Medikament‘ zur Behandlung von Diätfehlern, die zu Magenschmerzen führen, eingesetzt werden“, weist Stadlbauer-Köllner auf den falschen Umgang mit dem eigentlichen „Beschützer“ hin.

Zu den das Darm-Mikrobiom stark verändernden Medikamenten zählen auch Cholesterin- und Blutdrucksenker sowie Antidepressiva. Noch ist aber aus wissenschaftlicher Sicht nicht hinreichend geklärt, ob und wie schädlich der Einfluss ist.

Unter strenger Einhaltung bestimmter Richtlinien kann die Einnahme von lebensfähigen Mikroorganismen, so genannten Probiotika, hilfreich sein. Als Medikament eingenommen, sind sie bei einem „Antibiotika-assoziierten Durchfall“ hilfreich. „Allerdings muss das Probiotikum so früh wie möglich gegeben werden, spätestens bis zum zweiten Tag der Antibiotika-Einnahme. Später hat es keinen positiven Effekt mehr“, sagt dazu Stadlbauer-Köllner. Und das ist nur ein Beispiel für den begrenzten Einsatzbereich.

Dass Probiotika-Präparate in Medikamentenform nicht per se als Heilbringer bei instabiler Darmflora eingesetzt werden können, erklärt Alexander Moschen, Gastroenterologe an der Uni-Klinik Innsbruck, anschaulich: „Die Darmflora ist von Mensch zu Mensch verschieden. Sie ist so einzigartig wie ein Fingerabdruck.“ Insofern sei die Einnahme eines Keimpräparats natürlich nicht immer gleich erfolgreich. Er sieht hier noch Aufholbedarf.

Zu den Probiotika, die auch „die guten Mikroorganismen“ genannt werden, zählen Bifidobakterien und Laktobazillen.

Sie sind in natürlicher Form in Lebensmitteln wie Naturjog­hurt, Topfen, Kefir, Sauerkraut, Apfelessig oder Hefe enthalten. Sie finden sich auch in dem aus der koreanischen Küche bekannten Kimchi, einem fermentierten Chinakohl.

Die Einnahme macht bei gesunden Menschen Sinn. Für Patienten mit irritiertem Mikrobiom sind sie aber keine Option, da die Lebensmittel in Unmengen eingenommen werden müssten, um tatsächlich eine positive Entwicklung zu erzielen.

Doch wie lässt sich eigentlich bestimmen, ob die Darmflora intakt ist? Eine Frage, die Patienten immer wieder stellen. Da Darmkeime unter striktem Sauerstoffausschluss leben, lassen sich diese nur schwer züchten.

Die Analyse erfolgt über die Bestimmung von speziellen DNA-Sequenzen. „Es gibt private Firmen, die das anbieten, aber ich halte das für nicht seriös“, stellt Moschen klar. „Es kostet viel Geld und hilft uns derzeit weder diagnostisch noch therapeutisch.“

Bis mit einer Stuhlprobe Auskunft über den Darm möglich ist, ist es auch für Stadlbauer-Köllner noch ein weiter Weg: „Leider ist die medizinische Forschung erst am Weg dorthin, durch Analyse der Zusammensetzung des Mikrobioms individuelle Gesundheitsfragen zu beantworten.“

Noch scheint es also nicht so simpel zu sein, die Darmflora zu analysieren oder zu therapieren. Gutes tun kann man ihr hingegen sehr wohl. Ganz grundlegend ist natürlich die Ernährung, sind sich beide Mediziner einig.

„Selber kochen, saisonal kochen und lokal kochen“, betont Alexander Moschen. Er erteilt allen industriell gefertigten oder manipulierten Lebensmitteln eine klare Absage und propagiert damit einen Lebensstil, der auch der Umwelt sehr viel besser tun würde.