Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 02.05.2019


TT-Interview

Eierstockkrebs: “Wir garantieren keine Früherkennung“

Eine von 80 Frauen erkrankt an Eierstockkrebs. Bei jeder Fünften ist die Krankheit erblich bedingt. Christian Marth, Direktor der Frauenheilkunde der Klinik Innsbruck, erklärt, wie neue Medikamente deren Heilungschancen erhöhen.

Eierstockkrebs kann erblich bedingt sein und Mutter ebenso wie Tochter betreffen. Hoffnung geben neue Medikamente und Therapiemethoden.

© iStockphotoEierstockkrebs kann erblich bedingt sein und Mutter ebenso wie Tochter betreffen. Hoffnung geben neue Medikamente und Therapiemethoden.



Herr Marth, wie viele Frauen sind vom so genannten Ovarialkarzinom betroffen?

Christian Marth: In Tirol erkranken 60 Frauen pro Jahr daran.

Deutlich mehr leiden an Brustkrebs. Warum versterben trotzdem mehr Patientinnen an Eierstockkrebs?

Marth: Ärzte können bei Eierstockkrebs keine Früherkennung garantieren — trotz Erfolgsmeldungen, die immer wieder in den Medien kursieren. Die Verfahren, die uns zur Verfügung stehen, diagnostizieren diese Krebsform nämlich nicht eindeutig. Darum wird der Tumor meist erst in einem fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert.

Gibt es keine Symptome, die rechtzeitig darauf hindeuten könnten?

Marth: Symptome, wie die Zunahme des Bauchumfangs, Blähungen, Völlegefühl oder Atemnot, sind meist so unspezifisch, dass sie auch andere Ursachen haben könnten. Ist der Krebs fortgeschritten, findet man zum Teil Flüssigkeit in der Bauchhöhle oder Hinweise für eine Streuung des Tumors, sodass der nicht mehr auf Eierstöcke und Eileiter beschränkt ist.

Warum können Verfahren wie Ultraschall und Abstrich keine Hinweise bieten?

Marth: Der Abstrich funktioniert beim Gebärmutterhalskrebs, jedoch nicht beim Eierstock. Mit dem Ultraschall lässt sich Eierstockkrebs in einem frühen Stadium entdecken, aber es gibt auch Fälle, in denen der Ultraschall zeigt, dass alles in Ordnung ist. Die Patientin kommt dann zwei Monate später und hat einen fortgeschrittenen Tumor. Das ist kein Versagen des Arztes, sondern ein Problem der Methodik. Der Krebs bildet nämlich oft keinen Knoten oder Tumor, sondern breitet sich als Frühform in der Bauchhöhle aus.

Nachdem die Mutter und Großmutter von Schauspielerin Angelina Jolie an Krebs gestorben sind, ließ sie sich vorsorglich Brüste, Eileiter und Eierstöcke entfernen. Würden Sie zu so einem radikalen Vorgehen raten?

Marth: Ihr Vorgehen, und die Verbreitung dessen in den Medien, hat uns sehr geholfen, Bewusstsein in der Bevölkerung zu schaffen. Wir wissen, dass der Eierstockkrebs bei 20 Prozent der Frauen erblich bedingt ist. Das lässt sich anhand eines Gentests feststellen. Der untersucht, ob die so genannten BRCA1- und -2-Gene im Körper mutiert sind. Ist das der Fall, ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Frau an Eierstockkrebs erkranken wird, sehr hoch. Bei Betroffenen ist die Entfernung der Eierstöcke und Eileiter die wirksamste Form der Vorbeugung. Wir raten aber nicht dazu, sondern klären auf — denn eine vorbeugende Operation ist ein sehr schwerwiegender Eingriff.

Macht man den besagten Gentest, hat man Klarheit. Gleichzeitig dürfte diese Information eine schwere psychische Belastung sein. Raten Sie trotzdem dazu?

Marth: Nein. Es gibt ein Recht auf Nichtwissen, das manche bevorzugen.

Wie wird Eierstockkrebs behandelt?

Marth: Anfangs kommt es zu einer umfassenden Operation. Diesbezüglich haben wir kürzlich bei einer deutschen Studie mitgewirkt, die zu den besten Ergebnissen bei diesen Operationen kam. Dabei zeigte sich etwa, dass die Lymphknoten nicht entfernt werden müssen. Gebärmutter, Eileiter, Eierstöcke und Teile des Bauchfells hingegen schon. In der Hälfte der Fälle wird zusätzlich ein Stück vom Darm entnommen, in 15 Prozent der Fälle die Milz. Das Ziel der Operation ist, dass kein Tumor zurückbleibt. Diese oft stunden­langen Operationen sind der wichtigste Faktor für die Heilungsaussichten.

Bedarf es im Anschluss daran einer Chemotherapie?

Marth: Ja. Die wird kombiniert mit einer Antikörperbehandlung, die quasi die Ernährung des Tumors unterbindet. Die Krebszellen können nur überleben, wenn Blutgefäße in den Krebs hineinwachsen. Die Antikörper unterbinden diese Gefäßneubildung. Lag dem Krebs eine Veränderung der Gene zugrunde, kommt zusätzlich ein neues Medikament hinzu — die PARP-Hemmer. Die sind imstande, in die Erbinformation der Zelle einzugreifen, und sorgen dafür, dass Krebszellen absterben.

Inwieweit erhöht das neue Medikament die Heilungschancen?

Marth: Bei einer Studie zeigte sich, dass der Krebs bei 50 Prozent der Patientinnen, die ein Placebo bekamen, nach 14 Monaten wieder aktiv war. Bei denen, die das Medikament nahmen, waren nach vier Jahren noch mehr als die Hälfte ohne Krebs-Aktivität. Oft sieht man bei Krebsbehandlungen einen Gewinn von mehreren Monaten, aber diese Medikamente wirken offenbar nach. Viele Patientinnen profitierten noch Jahre später davon. Das gibt uns Hoffnung, die Heilungsrate zu erhöhen. Es gibt auch neue Entwicklungen Richtung Immuntherapie. Dazu bearbeiten wir gerade Studien, bei denen besagte Medikamente kombiniert werden. Wir machen auch Patientinnen in Innsbruck das Angebot, dieser Studie beizutreten.

Das Gespräch führte Judith Sam

Christian Marth ist Direktor der Frauenheilkunde an der Universitätsklinik Innsbruck. Am Welt-Eierstockkrebststag, dem 8. Mai, tritt er bei einem Pressegespräch zum Thema „Mama bleib gesund“ im Congress Salzburg auf.
Christian Marth ist Direktor der Frauenheilkunde an der Universitätsklinik Innsbruck. Am Welt-Eierstockkrebststag, dem 8. Mai, tritt er bei einem Pressegespräch zum Thema „Mama bleib gesund“ im Congress Salzburg auf.
- marth