Letztes Update am Do, 30.05.2019 17:21

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Keine einfache Wahl beim Brustimplantat

Frankreich hat texturierte Brustimplantate verboten. Die beliebten Silikonkissen mit der rauen Oberfläche stehen in Verbindung mit der Entwicklung eines seltenen Tumors. Der Innsbrucker Experte Thomas Bauer sieht dennoch keinen Grund zur Sorge.

Silikonimplantate unterscheiden sich nicht nur in Form und Größe, sondern auch in ihrer Oberflächenbeschaffenheit.

© iStockSilikonimplantate unterscheiden sich nicht nur in Form und Größe, sondern auch in ihrer Oberflächenbeschaffenheit.



Von Theresa MAir

Brustimplantat ist nicht gleich Brustimplantat: Je nach den Wünschen der Patientin und Empfehlung des Arztes gibt es runde Silikonpolster und tropfenförmige, so genannte anatomische Implantate. Doch nicht nur die Form ist entscheidend, sondern auch die Oberfläche: Zahlreiche Hersteller bieten glatte, makro- bzw. mikrotexturierte – also rauere – sowie mit PU-Schaum-beschichtete Brustimplantate an.

Natürlicher Busen oder sichtbare Veränderung, mehr oder weniger Dekolleté, festsitzende oder bewegliche Brust: Das Ergebnis hängt davon ab, welches Silikonkissen gewählt wird. In Frankreich ist die Auswahl seit April allerdings wesentlich kleiner. Texturierte Implantate, die mit 85 Prozent mit ab Abstand am häufigsten verwendeten Silikonkissen, wurden verboten. Der Grund dafür heißt „anaplas­tisches großzelliges Lymphom“, in der Kurzform: BIA-ALCL.

„BIA-ALCL ist ein sehr seltener Tumor, der 1997 beschrieben worden ist. Er entsteht in der Kapsel, welche das Gewebe rund um das Silikonimplantat bildet“, sagt Thomas Bauer, leitender Oberarzt an der Universitätsklinik für Plas­tische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie in Innsbruck. 2011 habe die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA erstmals eine Warnung ausgegeben. 2016 hat die Weltgesundheitsorganisation BIA-ALCL als eigenständigen Tumor anerkannt.

Viel mehr weiß man über den Krebs aber noch nicht. „Anscheinend – und in diesem Zusammenhang muss man oft „anscheinend“ sagen – kann er auch bei anderen Medizinprodukten aus Silikon auftreten“, sagt Bauer.

Grund zur Sorge sieht der Plastiker – wie auch die Österreichische Gesellschaft für Senologie, welche das Verbot für „überzogen“ hält – aber nicht. „Die Patientinnen können unbesorgt sein, weil so etwas sehr selten ist.“ Die USA hätten das BIA-ALCL-Risiko inzwischen mit 1:30.000 Frauen berechnet.

Entfernung nicht empfohlen

Bei weltweit geschätzt 35 Millionen Brustimplantaten hat die FDA Kenntnis von rund 600 BIA-ALCL-Fällen. 400 davon sind bei Implantaten mit rauen Oberflächen aufgetreten, 30 bei glatten. Bei den restlichen Krebsfällen fehlten die Angaben über die Beschaffenheit des Silikonkissens.

Weitaus am meisten Tumor­erkrankungen sind zudem in Australien und Neuseeland aufgetreten. Dort wird über einen Zusammenhang mit Bakterien, welche sich auf den Silikonimplantaten einnisten, diskutiert. „In Deutschland sind zehn Fälle bekannt. In Österreich gibt es anscheinend einen Fall.“

Niemand, auch nicht die französische Behörde, würde Frauen jetzt aber empfehlen, intakte Brustimplantate vorsichtshalber entfernen zu lassen. Eine jährliche Kontrolle mit Ultraschall reiche aus. Brustimplantate haben eine vom Hersteller garantierte Lebensdauer von zehn Jahren, können aber durchaus länger halten.

BIA-ALCL ist kein gewöhnlicher Krebs. Sollte er auftreten, dann meist viele Jahre nach der Implantation. Im Normalfall sei es mit der Entfernung des Implantats samt Kapsel getan und keine weitere Behandlung erforderlich. „Außer man wartet zu lange, dann kann es problematisch werden“, sagt Bauer. Weltweit sind bisher 16 Frauen daran gestorben.

Entsteht BIA-ALCL, staue sich sehr rasch sehr viel Flüssigkeit in der Kapsel, die Brust schwillt einseitig massiv – Bauer spricht von einer Verdoppelung der Größe – an. Zur Abklärung werde vom Plastiker, Gynäkologen oder Radiologen ultraschallgezielt Flüssigkeit entnommen und im Labor auf CD30-Antikörper untersucht. „Das könnte einen Hinweis auf BIA-ALCL geben.“

Register für mehr Information

Die Beliebtheit texturierter Implantate erklärt sich daher, dass auch glatte Silikonimplantate Probleme bereiten können. Das Risiko einer schmerzhaften so genannten Kapselfibrose mit teils extremen Verformungen der Brust liegt laut Bauer bei glatten Implantaten bei fünf bis zehn Prozent – bei Frauen, die nach einer Brustkrebserkrankung einen Brustaufbau mit Implantat vornehmen lassen noch höher.

Um künftig mehr Daten und damit Gewissheit über Brustimplantate zu bekommen, würde Bauer die Einrichtung eines flächendeckenden Brustimplantatregisters begrüßen. BIA-ALCL-Fälle sind insziwschen übrigens an die österreichische Gesundheitsagentur AGES zu melden.