Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 11.06.2019


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Verdächtiges Fertigessen: Dickmacher, aber nicht alles ist schlecht

Stark verarbeitete Lebensmittel machen dick. Das ist das Fazit der neuesten Studie zu Fertiggerichten. Doch nicht alles an Packerlsuppe, Ravioli und Co. ist schlecht.

Zack, Fertiggericht in die Mikrowelle oder den Ofen und fertig ist das Abendessen? Selbst zu kochen ist oft nicht viel aufwändiger.

© iStockphotoZack, Fertiggericht in die Mikrowelle oder den Ofen und fertig ist das Abendessen? Selbst zu kochen ist oft nicht viel aufwändiger.



Innsbruck, Bethesda – Suppenwürfel, Dosenravioli, Fertigpüree, abgepackte Industriekuchen, Wurstwaren, Puddings oder das fix und fertig gratinierte Tiefkühl-Fischfilet: Egal was davon alles im Einkaufswagen landet und wie beliebt stark verarbeitete Lebensmittel und Fertigprodukte sind – was ihren gesundheitlichen Wert betrifft, steht es um ihren Ruf nicht zum Besten.

Erst kürzlich ist wieder eine US-Studie erschienen, die Hinweise darauf liefert, dass Fertiggerichte zum Völlern anregen und deshalb dick machen. Damit reiht sie sich in eine Sammlung mehrerer Untersuchungen ein, die Fertiggerichte als potenziell gesundheitsschädlich einstufen. So stehen stark verarbeitete Nahrungsmittel auch bereits unter Verdacht, das Krebsrisiko zu erhöhen oder gar einen früheren Tod herbeizuführen. Das Problem ist: Es gibt keine klare Ansage. Über Verdachtsmomente und Hinweise kommen die Studien nicht hinaus.

So müssen auch die amerikanischen Verfasser der jüngsten Untersuchung, die nun im Fachjournal Cell Metabolism erschienen ist, einräumen, dass ihre Studie Schwächen aufweist. Die Forscher um Kevin Hall vom nationalen Institut für Diabetes, Verdauungs- und Nierenerkrankungen fanden heraus, dass jene Probanden, die hochprozessierte Nahrungsmittel und Fertiggerichte vorgesetzt bekamen, binnen zwei Wochen ein Kilo zunahmen und im Schnitt 508 Kalorien pro Tag mehr aufnahmen als die Vergleichsgruppe. Diese wurde mit unverarbeiteten Lebensmitteln mit demselben Nährstoffgehalt (gleich viel Kohlenhydrate, Fett und Salz) versorgt. Fakt ist, dass die Fertigprodukt-Gruppe mehr und schneller aß.

Über die Ursachen können die Studienautoren jedoch nur mutmaßen: „Wenn man sehr schnell isst, gibt man seinem Magen-Darm-Trakt möglicherweise nicht genügend Zeit, um dem Gehirn zu signalisieren, dass man voll ist“, erklärte Hall. In der Folge könne man „leicht zu viel essen“. Zudem könnten gesüßte Getränke und Limos zu einem anderen Sättigungsgefühl führen. Kritikpunkte an der Studie sind die geringe Teilnehmerzahl von nur 20 Probanden und die Nicht-Berücksichtigung sozioökonomischer Faktoren – Fertigprodukte würden häufig weniger kosten als frische Nahrungsmittel, außerdem sei ihre tischfertige Zubereitung mitunter bequemer.

Mit diesem letzten Punkt ist Seraphine Klotz, Lehrende an der fh gesundheit (fhg) in Innsbruck und freiberufliche Diätologin, nicht einverstanden. Denn auch Frischgekochtes kann schnell, einfach und günstig zubereitet werden. Beispiele gefällig? Ein Hühnerfilet mit Erbsenreis ist keine Hexerei. Noch einfacher wird es, wenn man „Schölfeler“ mit Topfen oder Polenta mit Zimt und Preiselbeeren serviert. „Man kann auch Nudeln mit Ricotta und Spinat machen. Dann hat man dasselbe wie bei den abgepackten gefüllten Tortellini, nur mit frischen Zutaten, ohne Aromastoffe und ohne Verpackungsmüll“, vergleicht Klotz. Fertigprodukte seien in der Regel recht salzig, häufig überwürzt, fett- und zuckerreich. „Die Zutatenliste ist oft viel länger als in vergleichbaren selbst hergestellten Gerichten. Geschmacksverstärker, Aroma- und Konservierungsstoffe können bei Allergien und Unverträglichkeiten eine Rolle spielen“, erklärt sie. Denn sämtliche Zusatzstoffe in Lebensmitteln seien zwar im Einzelnen gut untersucht und unbedenklich. Über ihr Zusammenspiel im fertigen Produkt wisse man aber noch kaum etwas.

Ihr Rat: Konsumenten sollten beim Einkauf auf Zutatenlisten achten und die Produkte untereinander vergleichen. Von den erstgereihten Inhaltsstoffen ist immer am meisten im Produkt vorhanden. „Wenn es Suppenwürfel gibt, die Fett und Salz ganz oben stehen haben und welche, die mehr Gemüse und Kräuter enthalten, dann würde ich die zweiten nehmen.“ Außerdem: Je kürzer die Auflistung, desto besser.

Ganz grundsätzlich dürfe man Fertigprodukte, was ihre Zusammensetzung betrifft, aber nicht verteufeln. Es komme auf den Umgang damit an. In einem Praxisprojekt hat die fh gesundheit festgestellt, dass Fertiggerichte gerade für ältere oder schwache Menschen, wie z. B. Krebspatienten, die nicht in der Lage sind, sich selbst länger in die Küche zu stellen, ein gutes Angebot sind. „Man kann damit den Energie- und Nährstoffbedarf decken. Wenn man sich an die Portionsempfehlungen auf der Packung hält und das Gericht mit frischem Gemüse und Joghurt ergänzt, ist es durchaus ein vollwertiges Menü“, sagt Klotz.

Schwierig wird es, wenn man sich mit Heißhunger hinsetzt und eine Familienpackung allein verputzt. Denn eines ist klar: Wer selber kocht und mit Lebensmitteln hantiert, sieht gleich selbst, wie viel Butter, Zucker und Salz er verarbeitet. Die versteckten Fette aus Tiefkühlpizza und Co. werden hingegen erst auf der Hüfte sichtbar. (thm, APA)