Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 14.06.2019


Gesundheit

Dickdarmkrebs: Vorsorgen ist besser als heilen

Wenige Österreicher gehen zur Dickdarmkrebsvorsorge. Gleichzeitig werden die Patienten immer jünger. In Innsbruck fordern Experten ein nationales Screeningprogramm.

Bei der Dickdarmspiegelung steuert der Arzt das Endoskop von außen und kann damit im selben Zug Polypen entfernen.

© Getty ImagesBei der Dickdarmspiegelung steuert der Arzt das Endoskop von außen und kann damit im selben Zug Polypen entfernen.



Von Theresa Mair

Innsbruck – „Wenn ich gewusst hätte, wie einfach das ist, dann wäre ich schon längst zur Darmspiegelung gekommen.“ Diesen Satz hört Herbert Tilg, Direktor der Klinik für Innere Medizin I in Innsbruck, immer wieder. Die Untersuchung sei patientenfreundlich, die Zufriedenheit hoch. Tatsächlich raffen sich aber nur elf Prozent der rund 2,8 Millionen Österreicher ab 50 Jahren zur Darmkrebsvorsorge bei einem von der Österreichischen Gesellschaft für Gastroenterologie und Hepatologie (ÖGGH) zertifizierten Mediziner auf.

Dabei ist Dickdarmkrebs „der Killer Nummer zwei, was Krebs anbelangt“, wie Tilg sagt. Jedes Jahr erkranken rund 4400 Menschen in Österreich daran, rund 3000 sterben. 2016 sind laut den Daten des Tiroler Krebsregisters 210 Männer und 150 Frauen an Darmkrebs erkrankt. Die gute Nachricht ist: „Bei der Bevölkerungsgruppe über 50 Jahren ist die Häufigkeit fallend. Den Grund dafür wissen wir nicht genau, aber vermutlich liegt es an der Vorsorge“, sagt Tilg, der aktuell der ÖGGH vorsitzt.

Zum laufenden Kongress der Gesellschaft in Innsbruck hat Tilg aber auch beunruhigende Neuigkeiten mitgebracht: „Die größte bisher publizierte europaweite Studie, die im Fachjournal GUT erschienen ist, zeigt, dass Darmkrebs bei den Jungen zunimmt, am stärksten bei den 20- bis 30-Jährigen. Das ist ein Novum.“ Die Ursache dafür sei mit hoher Wahrscheinlichkeit im Lebensstil zu suchen, konkret bei der kohlehydrat-, fett- und fleisch­reichen Ernährungsweise.

Die Experten nehmen den Kongress daher auch zum Anlass, um zum wiederholten Mal ein organisiertes nationales Darmkrebsvorsorgeprogramm nach holländischem Vorbild zu fordern. Zudem sollte die Altersempfehlung für die Koloskopie auf 40 Jahre herabgesetzt werden.

„Eine Studie 2011 hat gezeigt, dass Männer doppelt so häufig und zehn Jahre früher als Frauen erkranken. Familien­angehörige sollen sich zehn Jahre vor dem Erkrankungs­alter der Eltern untersuchen lassen“, erklärt Monika Ferlitsc­h, Kolloskopie-Expertin an der Med-Uni Wien.

In den Niederlanden erhält die relevante Bevölkerungsgruppe (50 bis 75 Jahre) ein Röhrchen per Post zugeschickt. Wer möchte, sendet dieses mit Stuhl befüllt an ein Labor, wo die Probe auf Blut untersucht wird (sog. FIT-Screening). Binnen 30 Tagen bekommt der Patient Bescheid und wird im Falle eines positiven Resultats (6,1 Prozent) zur Darmspiegelung eingeladen. 73 Prozent der Eingeladenen nehmen laut Ferlitsch am Screening teil.

„Die Erkrankung ist ideal für Vorsorge. Ein hoher Prozentsatz von Darmkrebs entsteht in mehr als 70 Prozent aus einem gutartigen, langsam wachsenden Polyp. Dieser Vorläufer kann entfernt werden, dann entsteht kein Krebs“, so Tilg.

Die Entfernung eines Po­lypen erfolgt laut Rainer Schöfl, leitender Gastroenterologe am Ordensklinikum Linz, schmerzfrei mit einer Schlinge im Zuge der Koloskopie. „Die Untersuchung dauert mindestens acht Minuten. Dabei wird möglichst die ganze Schleimhaut angeschaut. Dafür ist die Vorbereitungsqualität des Darms wesentlich“, sagt er.

Sprich: Die Darmreinigung muss vom Klienten sorgfältig durchgeführt werden. Doch auch dies sei keine Hexerei mehr. Das Mittel schmecke wie Limo. Binnen sechs Stunden sei alles drum und dran erledigt und der Patient bekomme dank einer Schlafspritze nichts von der Spiegelung mit.

Das Department für Public Health an der UMIT in Hall wurde vom Hauptverband der Sozialversicherungen mit einer wissenschaftlichen Studie betraut, um herauszufinden, welche Screeningvarianten optimal sind. „Erste Ergebnisse zeigen, dass ein jährlicher Blutstuhltest oder eine Darmspiegelung alle zehn Jahre am effektivsten sind“, sagt Epidemiologe Uwe Siebert. Unter Abwägung von Nutzen und Risiken, welche eine Untersuchung von Gesunden immer birgt, sagt Siebert: „Bei Dickdarmkrebs kann man mit einem Screening nur gewinnen.“ Infos und eine Liste aller zertifizierten Ärzte: www.vorsorgekoloskopie.at sowie www.krebshilfe.net.