Letztes Update am Do, 13.06.2019 12:56

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Wenn die Luft ausgeht: Ein Stockwerk bis zur Diagnose Lungenhochdruck

Lungenhochdruck ist lebensgefährlich. Patienten und Ärzte tun sich jedoch oft schwer, die Symptome einzuordnen. Das verzögert die Diagnose. Judith Löffler-Ragg erklärt, warum Stiegensteigen das Maß aller Dinge ist.


Wer kein Stockwerk mehr schafft, kurzatmig und erschöpft ist, muss zum Arzt.

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Wer kein Stockwerk mehr schafft, kurzatmig und erschöpft ist, muss zum Arzt.



Von Theresa Mair

Wenn es jemand plötzlich nicht mehr schafft, ein einziges Stockwerk hochzugehen, dann ist das ein medizinischer Notfall. Das ist die eindringliche Botschaft von Judith Löffler-Ragg, Leiterin der Lungenhochdruck-Spezialambulanz an der Uniklinik für Innere Medizin II in Innsbruck. Häufig werde die Ursache für die Kurzatmigkeit und Erschöpfung, die einen nicht mehr weitergehen lassen, nämlich verkannt: Lungenhochdruck, kurz PH, entsteht im kleinen Kreislauf zwischen Herz und Lunge.

Die Erkrankung per se ist nicht selten. „Ab dem 65. Lebensjahr ist jeder Zehnte in der Bevölkerung betroffen“, sagt Löffler-Ragg. Hintergrund ist meist ein Herzklappenproblem, eine Herzinsuffizienz oder eine chronische Lungenerkrankung wie COPD.

Die Therapie dieser Form des Lungenhochdrucks erfolgt, indem die Grunderkrankung behandelt wird. Lungenhochdruck kann auch infolge einer Lungenembolie entstehen, wenn sich das Blutgerinnsel in der Lunge nicht gänzlich auflöst. In so einem Fall kann der vernarbte Thrombus in Einzelfällen operativ entfernt werden.

Sorgen bereitet der Medizinerin eine seltene Form von Lungenhochdruck, die so genannte PAH (pulmonal arterielle Hypertonie). „Die Erkrankung kommt schleichend und wird oft zu spät diagnostiziert.“ Bei PAH entstehen Verengungen und Verschlüsse in den kleinen arteriellen Lungengefäßen. In der Folge kommt es zu einer Druckbelastung der rechten Herzkammer, was zu einer Rechtsherzvergrößerung bis zum Rechtsherzversagen führt.

PAH: eine seltene Form

Die Ursache ist zum Teil unbekannt. Als Auslöser in Frage kommen genetische Faktoren, Autoimmunerkrankungen, Infektionen und gewisse Medikamente, wie Appetitzügler, die in den 1960er- und 70er-Jahren auf dem Markt waren, sowie die Droge Crystal Meth. Ein Beispiel: Einer Maturantin fehlt über Monate „etwas die Luft“. Nach einem Infekt schafft sie plötzlich kein Stockwerk mehr.

Die Lungenfunktion ist normal. Ein Belastungsasthma wird diagnostiziert. Als sich die Reiterin auf ihr Pferd setzt, läuft sie plötzlich blau an. Sie muss reanimiert werden und wird akut für eine Lungentransplantation gelistet. Dank der gerade noch rechtzeitigen Diagnose und intensivmedizinischer Höchstleistung kann ihr geholfen werden. Sie erholt sich. Seit Kurzem gibt es nämlich verbesserte Therapiekonzepte.

In Österreich sind circa 1000 bis 4000 Menschen von PAH betroffen. Löffler-Ragg geht jedoch von einer Dunkelziffer aus und hofft, dass mit zunehmender Aufmerksamkeit weitere betroffene Tiroler Familien identifiziert werden können. „Wenn ein Kind oder junger Erwachsener einen schleichenden oder plötzlichen Leistungsknick hat, kurzatmig ist und weniger Stockwerke schafft, muss man an Lungenhochdruck denken. Vor allem, wenn es Fälle von Familienmitgliedern gibt, die frühzeitig an einer unklaren Herz- oder Lungenerkrankheit gestorben sind. Es gibt zehn bekannte Gene, die mit PAH in Verbindung stehen und die in Zusammenarbeit mit dem Team der Humangenetik in Innsbruck abgeklärt werden können.“

Die Erkrankung ist nicht offensichtlich. „Die Patienten sehen zunächst gesund aus, sie können auch tief einatmen. Der Sauerstoff kann jedoch nicht ausreichend ins Blut übertreten, sondern wird wieder ausgeatmet.“ Wasseransammlungen in den Beinen sind die einzig sichtbaren Symptome. „Es ist wichtig, dass der Leistungsverlust vom Arzt quantifiziert, damit objektiviert und einer Diagnose adäquat zugeordnet wird“, sagt Löffler-Ragg. Ein einfaches Hilfsmittel dafür sei die Frage, wie viele Stockwerke der Patient noch hinaufsteigen kann.

Auf die ärztliche Befragung folgen klinische Untersuchung, Lungenfunktionstest, Belastungstest und Herzultraschall. Zu guter Letzt führt eine Rechtsherz-Katheter-Untersuchung zur lebensrettenden Diagnose.

Ein Gipfelsieg und eine neue Therapie

Der Initiative Lungenhochdruck PH Austria (l. Eva Otter) ist es gelungen, Reinhold Messner (M.) als Botschafter für Lungenhochdruck zu gewinnen. „Er kennt die schweren Schritte in der Todeszone über 8500 Meter und weiß, was es bedeutet, wenn die Lungen brennen und die Willenskraft nachlässt“, sagt Pneumologin Judith Löffler-Ragg (r.) .

Seit Kurzem werden PAH-Patienten zusätzlich zu Tabletten mit einer im Bauch implantierten Pumpe versorgt, die Prostazykline abgibt. Diese halten die Gefäße offen. In Innsbruck werden zwei Kinder und ein Erwachsener mit der Pumpe behandelt.

Eva Otter, Reinhold Messner und Judith Löffler-Ragg.
Eva Otter, Reinhold Messner und Judith Löffler-Ragg.
- PH austria