Letztes Update am Do, 11.07.2019 13:46

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So geht‘s: Schmerzfreier Rücken ohne Operation

Rückenschmerzen belasten weltweit Millionen von Menschen. Der Wiener Orthopäde Alexander Kraft zeigt in seinem neuen Buch auf, warum Probleme der Wirbelsäule nicht auf die leichte Schulter genommen werden sollten.

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Von Alexander Straberger

Die Wirbelsäule, das Zentrum jeder Bewegung, besteht aus zirka 24 Wirbelkörpern, die gemeinsam mit einer Vielzahl an Gelenken, Bändern und Muskeln unserem Körper Stabilität geben. Undenkbar wäre es, ohne unseren biologischen Achsenstab zu sitzen, zu laufen, geschweige denn „Haltung zu bewahren“ oder „Rückgrat zu zeigen“. Obwohl sich jeder zweite Österreicher zumindest einmal im Leben mit heftigen Schmerzen des Halteapparates konfrontiert sieht, werden Kreuzschmerzen immer noch oft bagatellisiert oder gar ignoriert.

Gerade deshalb war es dem Orthopäden Alexander Kraft ein Anliegen, mit seinem Buch „Messer weg! Rückenschmerzen richtig diagnostizieren und behandeln – auch ohne OP“ (Delta X-Verlag, 169 S., 18,60 EUR) Betroffenen wirksame Behandlungsmöglichkeiten aufzuzeigen

Der Rücken braucht Bewegung

Das Halteorgan des Rückens lebt von physischer Bewegung. Häufig beginnen Rückenschmerzen als Folge von Bewegungsmangel bereits in einem Alter zwischen 20 und 30 Jahren. Anfängliche Muskelverspannungen können mit der Zeit zu chronisch werdenden Rückenproblemen fortschreiten. „Der menschliche Körper ist durch die Evolution für Bewegung konzipiert und nicht zum Dauersitzen geschaffen“, erklärt der Spezialist.

Die Problematik: Befindet sich der Körper erst einmal für längere Zeit in Ruhe, kommt es zu einem Teufelskreis. Auf eine körperliche Inaktivität folgt häufig eine Schwächung der stützenden Muskulatur. Bewegungsmangel und Fehlhaltungen führen zu einer so genannten muskulären Dekonditionierung. Als Resultat treten Schmerzen genau dann auf, wenn wir uns bewegen. „Der Ausweg wäre eigentlich recht einfach: Schmerzen rechtzeitig behandeln und ein regelmäßiges wirbelsäulengerechtes Training“, sagt Alexander Kraft.

Operieren meist unnötig

Paradoxerweise wurden Rückenproblematiken, insbesondere Bandscheibenvorfälle, in der Vergangenheit ganz anders, nämlich mit invasiven Eingriffen, behandelt. In ganz Österreich stieg die Anzahl der Wirbelsäulen-OPs, von 2007 auf 2017 um rund 40 Prozent. „Alleine in Tirol verzeichnen die Kliniken einen Anstieg um nahezu 90 Prozent“, schildert der Experte.

Oftmals ist die Frage der Notwendigkeit eines chirurgischen Eingriffs von Angebot und Nachfrage beeinflusst. „Befindet sich in der näheren Umgebung eine hohe Dichte an Wirbelsäulenchirurgen, so wird vom untersuchenden Arzt statistisch eher zu einer Operation geraten“, erklärt der Orthopäde. Tatsächlich können aber in neun von zehn Fällen Bandscheibenvorfälle ohne Operation behandelt werden.

Manchmal brächte eine Operation an der Wirbelsäule mehr Negatives als Gutes. „Wirklich indiziert sind Wirbelsäulenoperationen sicher nur dann, wenn Lähmungserscheinungen vorliegen“, so Kraft.

Den richtigen Arzt finden

Gerade weil die Meinungen in der Behandlung von Rückenschmerzen so weit auseinandergehen, ist es wichtig, einen qualifizierten Experten an seiner Seite zu wissen. Bereits in der Diagnose liegt nämlich die Wurzel des Problems. „Bis dato gibt es keine klare Diagnose für Rückenschmerzen“, weiß der Autor.

Unter dem Terminus „Unspezifischer Rückenschmerz“ oder „Lumbago“ wird lediglich ein ortsspezifischer Schmerz beschrieben. Nicht selten fehlt es folglich auch den behandelnden Ärzten an Erfahrung oder Zusatzausbildungen, um die unterschätzten Rückenschmerzen effektiv zu behandeln. Woran erkennt man aber nun einen Rückenspezialisten? „Eine professionelle Behandlung braucht Zeit und beginnt nach einem ausführlichen Gespräch stets mit einer manuellen Untersuchung“, erklärt der Facharzt.

Die Bildgebung allein lässt oft keine eindeutigen Schlüsse zu. Außerdem rät ein Experte laut Kraft nur in seltenen Fällen zu Operationen, behält mögliche innere Schmerzursachen im Blick und beachtet auch die psychische Dimension, die bei chronischen Schmerzen oft eine Rolle spielt. Die beste Lösung sieht Alexander Kraft in einer interdisziplinären Behandlung. Diese sollte am besten sofort erfolgen, um zu verhindern, dass die Schmerzen chronisch werden.

„Jeder unbehandelte Tag lässt die Wahrscheinlichkeit für ein stärkeres und länger andauerndes Schmerzbild wachsen“, erläutert der Autor. Wird eine Operation empfohlen, so sollte in jedem Fall eine zweite Meinung eingeholt werden.

3 Rückenfit-Tipps

1. Früh übt sich: Beginnen Sie bereits im Jugendalter mit moderatem Sport und hören Sie am besten nie mehr damit auf. Es ist aber auch nie zu spät, um anzufangen: Leichtes Laufen, Schwimmern oder sanftes Krafttraining unterstützen die Wirbelsäule.

2. Ab auf die Matte.

Wer seinen Rücken trainieren will, sollte mindestens zweimal pro Woche Zeit für Übungen einplanen. Meist reichen ein Gymnastikball, eine Yogamatte und ein Experte, der Ihnen die richtige Ausführung der verordneten Übungen erklärt.

3. Schmerzfrei trainieren.

Bevor der Rücken durch Übungen gestärkt werden kann, müssen die Schmerzen behandelt werden. Nur nach erfolgreicher Schmerztherapie machen Kräftigungsübungen für den Rumpf auch wirklich Sinn.