Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 08.08.2019


Tirol

Allergie gegen das liebe Vieh: Tiroler Forscher entschlüsseln Mechanismus

Es gibt bisher keine wirkungsvolle Therapie gegen Tierhaarallergien. Innsbrucker Forscher haben nun aber einen Mechanismus entschlüsselt, der neue Chancen eröffnet.

Im Speichel von Tieren befinden sich viele allergieauslösende Eiweiße. Bei der Fellpflege geraten diese auf die Haare und in die Luft.

© iStockIm Speichel von Tieren befinden sich viele allergieauslösende Eiweiße. Bei der Fellpflege geraten diese auf die Haare und in die Luft.



Von Theresa Mair

Innsbruck – Es hilft oft nichts. Wenn einem beim Kontakt mit Tieren die Tränen kommen, dann bleibt meistens nichts anderes übrig, als sich von Hund, Katze, Kuh oder Pferd zu trennen.

Wer an einer Tierhaarallergie leidet, der kann zwar den Versuch einer Hyposensibilisierung starten. Allerdings ist diese Art der Therapie nicht so effektiv wie etwa bei einer Pollen-, Bienen- oder Wespen­allergie, wie Norbert Reider, Leiter der Allergieambulanz an der Innsbrucker Universitätshautklinik, bedauert. Zudem dauere die Behandlung Jahre – definitiv zu lange, um in dieser Zeit mit einem Haustier zusammenzuleben.

Denn bei 20 Prozent der schätzungsweise 50.000 Betroffenen in Tirol bleibe es nicht bei geröteten Augen, Juck- und Niesreiz. „Bei ihnen schlägt die Tierhaarallergie auf die Lunge und es entsteht allergisches Asthma“, sagt Reider. Für den Akutfall gebe es Antihistaminika, die Linderung verschaffen. Die Medikamente helfen, wenn man einen Tierbesitzer besucht, sind aber keine Dauerlösung für zuhause. „Die Behandlung besteht in erster Linie in der Meidung des Kontakts. In manchen Fällen ist es leider so, dass ein Landwirt oder ein Tierarzt seinen Beruf aufgeben muss“, sagt Reider. Eine Tierhaarallergie kann von heute auf morgen auftreten. Meistens trifft sie Menschen, die bereits eine Inhalationsallergie – v. a. Heuschnupfen – haben. Auch eine genetische Neigung spielt bei Allergien eine Rolle.

Bei den Tierhaaren reagieren die meisten Allergiker auf Katzenhaare. „Vor allem geht es um Haustiere, aber man kann auch gegen andere Tiere, die ein Fell tragen oder Federn haben, allergisch sein“, so der Experte. Manche Tierhaarallergien treten außerdem gehäuft auf. Es sei z. B. nicht selten, dass ein Betroffener allergisch auf Katzen- und Pferdehaare reagiert. Die Kombination Katzen- und Hundehaar-Allergie sei dagegen rar. Das liege an der Struktur gewisser sich ähnelnder Allergene.

Die meisten dieser allergieauslösenden Eiweiße befinden sich im Speichel der Tiere. Wenn sie sich das Fell abschlecken, geraten die Allergene mit den Haaren in die Luft und bleiben mitunter sehr lange Zeit dort. „Wenn ich heute eine Katze weggebe, dauert es ca. ein halbes Jahr, bis die Katzenhaarallergene weg sind. Bei Hunden hängt es sehr von der Rasse ab“, erklärt Reider.

Christine Heufler (M.), Beate Posch (l.) und Dominik Klaver (r.) erforschten in Innsbruck einen Mechanismus bei Tierhaarallergien.
Christine Heufler (M.), Beate Posch (l.) und Dominik Klaver (r.) erforschten in Innsbruck einen Mechanismus bei Tierhaarallergien.
- MUI

Ebenso an der Uniklinik für Dermatologie, Allergologie und Venerologie forscht Christine Heufler mit Dominik Klaver und Beate Posch an dendritischen Zellen. Das sind Immunzellen, die bei allergischen Reaktionen eine zentrale Rolle spielen. In einer Untersuchung mit allergenen Eiweißen, so genannten Lipocalinen, die u. a. häufig in Tierspeichel vorkommen, ist die Biologin einen großen Schritt vorangekommen.

„Wir haben ‚in vitro‘ – also nicht bei Mensch oder Tier – herausgefunden, wie Lipocaline Allergien auslösen“, sagt Heufler. Dazu verglich das Forscher-Team zwei allergene Lipocaline mit zwei nicht allergieauslösenden, wie sie z. B. in der Tränenflüssigkeit von Menschen vorkommen.

Dabei entdeckte es, dass sich nur allergene Lipocaline an so genannte FPR3-Rezeptoren binden können, die sich in den dendritischen Zellen befinden. Dadurch wird die allergische Reaktion ausgelöst. „Wir haben dann einen ­Blocker für den Rezeptor getestet, der das umkehren kann, sodass es nicht mehr zur allergischen Reaktion kommt“, erklärt ­Heufler. Bisher haben die Forscher den Mechanismus im Reagenzglas mit zwei Katzen- und jeweils einem Hunde-, Ratten- und Pferdeallergen erfolgreich getestet. Von einem am Menschen anwendbaren Modell sei man aber noch weit entfernt. Dennoch geben die Erkenntnisse Hoffnung: „Wenn so eine Therapie möglich wäre, dass praktisch die Bindung von Allergenen an den Rezeptor nicht mehr gelingt, dann wäre das sensationell“, sagt Reider. Damit wäre es möglich, eine Tierhaarallergie gar nicht entstehen zu lassen.