Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 16.08.2019


TT-Interview

Mit Uber zurück ins 19. Jahrhundert

Wir leisten immer mehr unbezahlte Arbeit, warnt der Wirtschaftssoziologe Jörg Flecker. Die Digitalisierung heizt diesen Trend an. Zwölf-Stunden-Tage und zu geringe Ruhezeiten belasten die Gesundheit der Menschen stark.

Per Kurierdienst ins Prekariat: „Viele Beschäftigte müssen anfangen, sich alles wieder zu erkämpfen, was in den vergangenen 150 Jahren schon erreicht wurde“, sagt Jörg Flecker.

© iStockPer Kurierdienst ins Prekariat: „Viele Beschäftigte müssen anfangen, sich alles wieder zu erkämpfen, was in den vergangenen 150 Jahren schon erreicht wurde“, sagt Jörg Flecker.



Welche Auswirkungen haben Künstliche Intelligenz und Digitalisierung bei der Verteilung von Arbeit?

Jörg Flecker: Noch ist die Künstliche Intelligenz nicht so stark in den Betrieben angekommen. Dafür werden jetzt Technikanwendungen, über die vor zehn bis 15 Jahren heiß diskutiert wurde, in den Betrieben breit umgesetzt. Arbeit wird in vielen Bereichen eingespart. Die Technologien eröffnen auch neue Optionen der Gestaltung der Arbeit.

Wo werden in Zukunft Jobs wegfallen?

Flecker: In der industriellen Produktion wird die Automatisierung verstärkt fortgesetzt. In den Dienstleistungssektoren schreitet die Technisierung ebenfalls stark voran — kombiniert mit mehr Selbstbedienung durch die Kunden. Das führt etwa bei Banken und Versicherungen zu erheblichen Einsparungen von Arbeitsplätzen. Im Handel verschieben sich die Arbeitsplätze von den Geschäften in die Logistik, was nicht unbedingt eine Verbesserung der Arbeitsqualität mit sich bringt.

Es werden also vor allem Jobs verschoben?

Der Universitätsprofessor rät zu einem „Rückschrittsverbot“ für Jobs in neu entstehenden Wirtschaftsfeldern.
Der Universitätsprofessor rät zu einem „Rückschrittsverbot“ für Jobs in neu entstehenden Wirtschaftsfeldern.
- Reuters

Flecker: Zum Teil. Es entstehen andere Arbeitsplätze, die von der Qualität her besser oder schlechter sein können.

Eigentlich sollen uns die neuen Technologien doch die Arbeit erleichtern, aber man hat das Gefühl, dass Arbeit immer mehr und komplexer wird.

Flecker: Die einzelnen Aufgaben werden zum Teil schon einfacher. Wenn man früher einen Brief schrieb, erforderte das mehr Arbeit als heute eine Mail. Wir haben aber früher nicht 70 Briefe am Tag geschrieben. Die Menge ist massiv gestiegen. Dazu kam eine Veränderung der Arbeitsteilung — früher gab es in Büros Arbeitsplätze zum Tippen von Texten, heute macht das jeder Sachbearbeiter selbst. Durch das Anlagern von immer mehr Tätigkeiten für die Sachbearbeitung ist freilich auch die Arbeitsmenge gestiegen.

Eine aktuelle Studie zeigt, dass irreguläre Arbeitszeiten massive psychische Belastungen bei Mitarbeitern erzeugen — etwa wenn auf Abruf gearbeitet werden muss. Wie beurteilen Sie das?

Flecker: Die Planbarkeit der Arbeitszeit ist für Beschäftigte sehr wichtig, weil ja die anderen Lebenssphären mit der Erwerbstätigkeit abgestimmt werden müssen. Arbeiten auf Abruf stellt enorme Probleme für die Vereinbarkeit dar und ist auch eine große Belastung für die Gesundheit, weil Ruhezeiten nicht eingehalten werden können. Außerdem kann Arbeit auf Abruf auch bedeuten, dass das Einkommen stark schwankt. Bei Werkverträgen oder anderen Formen der Scheinselbstständigkeit ist das häufig ein Problem.

Der Zwölf-Stunden-Tag ist mittlerweile Realität. Wohin wird die Reise bei den Arbeitszeiten gehen?

Flecker: Das Thema ist sehr widersprüchlich. Auf der einen Seite sagt man, es kann durch die Digitalisierung viel Arbeit eingespart werden, auf der anderen Seite heißt es, die Leute sollen mehr arbeiten. Die Frage ist doch: Wie wird der zusätzlich generierte Reichtum verteilt, der durch die Digitalisierung entsteht? Derzeit fließt die Digitalisierungsdividende zum reichsten einen Prozent der Bevölkerung. Vor allem die Niedrigverdiener bekommen immer weniger. Man könnte auch mehr Zeitwohlstand erreichen, indem die eingesparte Zeit den Leuten in Form von Arbeitszeitverkürzungen zugutekommt.

Wie viel mehr wird denn wegen des Zwölf-Stunden-Tags nun gearbeitet?

Flecker: Über die Auswirkungen des Zwölf-Stunden-Tags haben wir noch keine Daten, da die Kurz-Strache-Regierung die Erhebung ebendieser Daten durch die Statistik Austria gestoppt hat. Ein verlängertes Arbeiten bedeutet aber, dass sich die Arbeitszeit im Durchschnitt schleichend verlängern wird, weil es grundsätzlich nicht einfach ist, Zeit für Zeitausgleich zu finden. Das ist für viele ein Problem. Was man auch weiß: Die Gesundheitsbelastung und die Ausgrenzung von Menschen mit Betreuungspflichten und Älteren nimmt mit längeren Arbeitszeiten zu.

Wo gibt es hier die meisten Probleme?

Flecker: Besonders schlimm ist es im Gastgewerbe, wo die tägliche Ruhezeit in der Saison auf acht Stunden gesenkt wurde. Das geht an die Gesundheit und an die Menschenwürde, wenn man Menschen nicht einmal ermöglicht, genügend zu schlafen — und das in einem extrem reichen Land, in dem kein Notstand herrscht.

Wie sieht es mit unbezahlter Arbeit aus?

Flecker: Die Verteilung der unbezahlten Arbeit im Haushalt ist relativ stabil. Sie wird weiterhin mehrheitlich von Frauen geleistet, wobei die Männer ein bisschen aufholen. Es gibt Daten, wonach Frauen mit Teilzeitstellen in Summe länger arbeiten als vollzeitbeschäftigte Männer. Was noch dazukommt zur Hausarbeit, Pflege und Kinderbetreuung: Wir erledigen immer mehr Konsumarbeit. Es gibt immer mehr Selbstbedienung, wir machen die Bankgeschäfte selbst und buchen unsere Reisen am Computer. Auch das ist alles unbezahlte Arbeitszeit, die mit der Digitalisierung in die Haushalte verschoben wird.

Wie sehen Sie die Horror­szenarien, dass uns Roboter Millionen Jobs wegnehmen könnten?

Flecker: Die Befürchtungen sind nur bedingt ernst zu nehmen, weil es zu viele Einflüsse gibt, die hier nicht berücksichtigt werden. Aber diese Horrorszenarien haben immerhin die Funktion, dass man einmal drüber nachdenkt, wie es weitergehen soll. Interessant ist doch, dass es keinerlei demokratische Entscheidungen über die technische Entwicklung gibt. Alle sind passiv betroffen und die Gesellschaft erhebt nicht den Anspruch, mitzureden. Braucht es selbstfahrende Autobusse? Oder wollen wir diesen Job erhalten, weil ihn viele gerne machen?

Es wäre also mehr zivilgesellschaftliches Engagement nötig.

Flecker: Auf jeden Fall. Die Frage muss gestellt werden, ob die neu entstehenden Arbeitsplätze unseren Ansprüchen genügen. Am Beispiel der Essenszustellung per Fahrradboten: Es gibt vorweg keine Prüfung des Geschäftsmodells im Hinblick auf die Arbeitsbedingungen — also ob die Beschäftigten so behandelt werden, wie wir uns das im 21. Jahrhundert vorstellen. Wenn man sich den Taxidienst Uber anschaut: Hier fallen wir zurück ins 19. Jahrhundert. Viele Beschäftigte müssen anfangen, sich alles wieder zu erkämpfen, was in den vergangenen 150 Jahren schon erreicht wurde.

Was schlagen Sie vor?

Flecker: Es muss die Frage gestellt werden, ob es bei der Nutzung technologischer Entwicklungen nicht ein soziales Rückschrittsverbot geben soll. Regeln kann man das etwa über die Mindestlöhne und andere Bestimmungen. Man muss nur die Schlupflöcher schließen, die derzeit genützt werden. Beim Online-Handel und bei der Besteuerung braucht es mehr gemeinsame Initiativen auf EU-Ebene. Wer sich am Ende durchsetzt, ist freilich offen, aber die Zielsetzung sollte klar sein.

Das Gespräch führte Nina Werlberger

Jörg Flecker ist Handelswissenschafter, Soziologe und Experte für den Wandel in den Beschäftigungssystemen. Seit 2013 ist der Grazer Professor für Soziologie in Wien. Zuvor leitete er 22 Jahre lang die Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (Forba).
Jörg Flecker ist Handelswissenschafter, Soziologe und Experte für den Wandel in den Beschäftigungssystemen. Seit 2013 ist der Grazer Professor für Soziologie in Wien. Zuvor leitete er 22 Jahre lang die Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (Forba).
- Skokanitsch Fotografie

„Digitalisierung schafft Arbeit“

Wie berechtigt sind die Sorgen, die sich viele Menschen wegen Robotern, Digitalisierung und Disruption um ihre Arbeitsplätze machen? Viele Experten und Wirtschaftsforscher geben sich in dieser Frage inzwischen durchaus optimistisch.

Der prominente deutsche Wirtschaftsforscher Achim Wambach hält die Ängste vor massenhaftem Arbeitsplatzabbau durch die Digitalisierung gar für unbegründet. Die Digitalisierung werde Arbeitsplätze schaffen, sagte der Präsident des Mannheimer Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung kürzlich bei einer Veranstaltung nahe München. Als Beispiel nannte er den Einsatz von Robotern in der Industrie. „Deutschland ist nach Singapur und Süd­korea das Land mit den meisten Industrierobotern", sagte Wambach. Der hohe Grad der Automatisierung in der Industrie habe aber in Summe nicht nur zu mehr, sondern auch zu besser bezahlten Jobs geführt. „Die Löhne sind gestiegen. Der Gesamteffekt war positiv", sagte Wambach. „Deswegen sind wir sehr optimistisch, dass wir die Digitalisierung nutzen, um neue Arbeitsplätze zu schaffen." Auch den Wandel der Arbeitswelt sieht der Wissenschaftler positiv: „Die Routine­aufgaben sind weggefallen. Die kreativen Aufgaben, das macht der Mensch."

Und Österreich? Hier sieht das Institut für Höhere Studien (IHS) noch Aufholbedarf bei Digitalisierung und Automation. Man sei hier nicht so weit vorn, wie es ein Hochlohnland sein sollte, befinden die Experten. Ängste, dass die Automation zum Job-Kahlschlag führen würde, zerstreut auch das IHS.

Aber was wäre, wenn es dennoch zu einem plötzlichen stärkeren Jobabbau durch den digitalen Wandel käme? Obwohl die Forscher das nicht annehmen, haben sie für den Fall der Fälle einen Vorschlag: Man könnte eine „Digitalisierungsarbeitsstiftung" erwägen, erklärten IHS-Chef Martin Kocher und seine Kollegen Helmut Hofer und Richard Sellner kürzlich in Wien.

In Österreich beeinflusst die Digitalisierung inzwischen schon die meisten Jobs. Laut einer Studie von EY orten sieben von zehn Arbeitnehmern bereits einen großen oder sogar sehr großen Einfluss. Drei Viertel der Befragten gehen davon aus, dass sich durch die Digitalisierung ihr eigener Aufgabenbereich zukünftig verändern wird, ein Viertel erwartet sogar „erhebliche" Veränderungen. Aber: Mehr als 90 Prozent der Beschäftigten fühlen sich den Veränderungen auch gewachsen. (wer, APA, dpa)