Letztes Update am Do, 15.08.2019 07:12

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Fragen und Antworten

Rund ums Wasser: „Der Körper sagt mir, wann ich trinken muss“

Viel trinken ist gesund. Der Satz ist wie ein Mantra, man hört ihn dauernd. Dabei stimmt das nicht immer. Nephrologe Gert Mayer kennt die Wahrheit.

Das Durstgefühl ist individuell. Mit eineinhalb bis zwei Litern Flüssigkeit am Tag ist man als gesunder Erwachsener auf der sicheren Seite.

© Getty Images/iStockphotoDas Durstgefühl ist individuell. Mit eineinhalb bis zwei Litern Flüssigkeit am Tag ist man als gesunder Erwachsener auf der sicheren Seite.



Von Theresa Mair

Innsbruck – Manche Menschen können Wasser trinken wie ein Gully, andere zwingen sich regelrecht dazu, zwischendurch ein paar Schlucke zu nehmen. Egal, wen man fragt, jeder scheint genau zu wissen, wie viel man trinken muss, um gesund zu bleiben. Und trotzdem erhält man die unterschiedlichsten Antworten. Gert Mayer ist Nephrologe und Direktor der Uniklinik für Innere Medizin IV in Innsbruck. Er weiß es genau und hat so manch überraschende Antwort auf Fragen rund ums Trinken.

➤ 1. Wie viel Flüssigkeit sollte man täglich zu sich nehmen? „Für die gesunde Allgemeinbevölkerung gilt: Mein Körper sagt mir, wann ich trinken muss“, sagt Mayer. Das Durstgefühl sei untrüglich. Es mache sich, lange bevor andere Symptome des Flüssigkeitsmangels wie Kopfweh auftreten, bemerkbar. „Es ist paradox, dass jeder jetzt mit der Wasserflasche herumläuft. Über den Durst zu trinken, ist sinnlos. Es gibt keinen Gesundheitseffekt, wenn man dauernd an der Flasche nippt.“ Einzig ältere Menschen und Kinder seien gefährdet. Die Kleinen, weil sie sich noch nicht artikulieren können und sich selbst keine Flüssigkeit beschaffen können. Als älterer Mensch könne man sich nicht mehr absolut auf den Durst verlassen.

➤ 2. Gibt es einen Trick, wie man vermeiden kann, dass Kinder und Ältere zu wenig trinken? Bei Erwachsenen wendet man in den USA die Acht-Unzen-Regel an. Sie besagt, dass man achtmal am Tag acht Unzen trinken soll. Das entspricht ungefähr eineinhalb bis zwei Litern Flüssigkeit. „Da ist alles dabei, außer die Flüssigkeit, die der Körper selber erzeugt, wenn er z. B. Zucker abbaut. Aber die Suppe oder das Wasser in der Melone sind dabei. Zusätzlich wird etwa ein halber Liter Flüssigkeit über die normale Kost aufgenommen“, sagt der Nierenfacharzt. Die Acht-Unzen-Regel sei zwar wissenschaftlich nicht belegt, als älterer, gesunder Mensch ist man laut Mayer damit aber auf der sicheren Seite.

„Der Trick ist, dass man morgens das Getränk sichtbar hinstellt und sich vornimmt, die Menge bis zum Abend zu trinken.“ Kinder hingegen hätten ein ganz normales Durstgefühl. Da ihre Körperoberfläche im Verhältnis zum Gewicht sehr groß ist und sie daher mehr Wasser über die Haut verlieren, brauchen sie aber etwas mehr Flüssigkeit. Bei ihnen sollte man darauf achten, dass sie immer etwas zum Trinken in Reichweite haben.

3. Gibt es Erkrankungen, bei denen sich Vieltrinken günstig auswirkt? Wer zu Harnwegsinfekten oder Nierensteinen neigt, sollte durchaus mehr Flüssigkeit zu sich nehmen. „Hier kann man aus medizinischen Gründen mit der Flüssigkeitszufuhr in die Höhe gehen“, räumt Mayer ein.

➤ 4. Ist es egal, was man trinkt? Nein. Die Kalorienzufuhr durch Softdrinks ist enorm. „Übergewicht nimmt auch aus diesem Grund weltweit, aber v. a. in den USA zu. Das Wasser wird ausgeschieden, aber die Kalorien bleiben“, warnt Mayer. Mit Alkohol hat die Leber bekanntermaßen keine Freude und Kaffee hat eine leicht ausschwemmende Wirkung.

➤ 5. Kann man auch zu viel trinken? Der Körper ist vor Wasserüberschuss relativ geschützt. Man müsse schon extrem viel, zehn bis 20 Liter pro Tag, trinken, damit es zu einem Problem kommt. „Ein gesunder Mensch wird das Wasser zuführen und wieder ausscheiden. Das Durstgefühl nimmt aber ohnehin sofort ab und man hört auf zu trinken“, sagt Mayer. Bei einer Herz- oder Nierenfunktionsstörung könne die Ausscheidungskapazität der Niere allerdings überfordert werden.

6. Was ist los, wenn sich das Durstgefühl verändert? Wenn sich das Durstgefühl bzw. die Harnmenge plötzlich drastisch verändern, sollte man sich unbedingt von einem Arzt untersuchen lassen. Eine Krankheit könnte dahinterstecken. „Das Musterbeispiel ist die Zuckerkrankheit. Diabetes mellitus heißt übersetzt ,zuckersüßer Durchfluss‘. Dabei wird Zucker über den Harn ausgeschieden. Der nimmt Flüssigkeit mit, die dann im Körper fehlt. Patienten berichten dann, dass sie plötzlich so viel Durst und Harn haben.“

Aber auch Medikamente oder psychische Erkrankungen können das Durstempfinden massiv steigern. „Wenn man dann zehn bis 20 Liter Wasser trinkt, übersteigt das die Regulationsfähigkeit der Niere. Irgendwann kann sie nicht mehr so viel Harn produzieren, um das alles wegzubringen“, erklärt Mayer.

7. Was ist eine Wasservergiftung? Beim Boston Marathon in den USA haben Wissenschafter ein interessantes, gleichwohl auch gefährliches Phänomen untersucht. Sie beobachteten, dass manche Sportler während eines Marathons zunahmen, obwohl sie über den Schweiß Gewicht verlieren hätten sollen.

Der Grund ist: Sie haben während des Laufs zu viel getrunken und ihr Körper hat über die Zuckerverbrennung während der Anstrengung noch zusätzlich Flüssigkeit produziert. Dadurch kommt es im Körper zu einer Verschiebung des Verhältnisses zwischen Kochsalz und Wasser. „Das macht schwerste neurologische Probleme. Das Wasser rinnt dann in die Gehirnzellen. Ein Gehirnödem entsteht und das kann zum Tod führen“, schildert Mayer. Um eine solche Wasser-Kochsalz-Verteilungsstörung zu vermeiden, müssen Sportler bei Extrembelastung ihre Wasser- und Elektrolytzufuhr genau kontrollieren. Die meisten Getränke enthielten zu viel Wasser in Relation zum Salz, manche Sportler würden auch vorsorglich bereits vor dem Wettkampf vortrinken. „Das kann gefährlich werden“, sagt Mayer.

8. Welche Trinkregeln gelten bei einer Herz- oder Nierenerkrankung? Bei einer Herzinsuffizienz hat der Körper die Tendenz, Flüssigkeit und Salz im Körper zurückzuhalten, bei einer Nierenfunktionsstörung kann die Niere ihre Regulationsfähigkeit nicht mehr ausüben. Auch bei Lebererkrankungen kommt das Gleichgewicht durcheinander. Die Patienten bekommen dann harntreibende Medikamente, damit u. a. die Beinschwellungen zurückgehen. „Es wäre dann widersinnig, wenn man massiv dazutrinkt oder Kochsalz isst. Man muss mit dem Patienten besprechen, was die individuell ideale Trinkmenge ist.“

9. Was passiert beim Verdursten? Angenommen, ein älterer Mensch stürzt und kommt nicht mehr zur Wasserleitung: „Als Erstes versucht die Niere Wasser zurückzuhalten. Der Harn wird ganz konzentriert und dunkel. Das ist der erste Schutzmechanismus nach dem Durst“, erklärt Mayer. Die Niere könnte so das Austrocknen verzögern – nicht aber verhindern, weil trotzdem über Atmung und Haut Flüssigkeit ausgeschieden wird. Irgendwann entsteht ein Wassermangel, die Niere kann nicht mehr entgiften, der Blutdruck sinkt massiv ab. Zuletzt kommt es zu neurologischen Ausfällen.