Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 19.09.2019


Gesundheit

Wunden brauchen ein Team

Etwa 250.000 Österreicher leiden an chronischen Wunden – Tendenz steigend. Anlässlich des morgigen „Tags der Wunde“ klären zwei Tiroler Wundexperten auf.

Häufig sind die Füße von schlecht heilenden, chronischen Wunden betroffen.

© iStockHäufig sind die Füße von schlecht heilenden, chronischen Wunden betroffen.



Von Theresa Mair

Innsbruck – Marianne Hintner legt den Finger in die Wunde. Denn die zertifizierte Wundexpertin spricht über ein Problem, das viele Betroffene oft viel zu lange für sich behalten: Wunden, die wochen-, monate-, ja sogar jahrelang nicht heilen. Manche sind so tief, dass man bis zum Knochen sieht. Häufig sind sie mit Bakterien infiziert, eitern und riechen unangenehm. „Wenn eine Wunde nach acht bis zwölf Wochen trotz richtiger Behandlung nicht abheilt, spricht man von einer chronischen Wunde“, sagt Hintner.

Die Folgen sind einschneidend, beeinträchtigen den Alltag und die Lebensqualität. „Eingeschränkte Mobilität, Schmerzen, soziale Isolation, veränderte bzw. nicht mehr gegebene Arbeitsfähigkeit“, zählt Hintners Kollege Oliver Kapferer auf. Die Patienten wissen sich oft nicht mehr zu helfen, haben teilweise entsetzliche Schmerzen und schweigen trotzdem. Die Scham ist groß. „Es kommt auch vor, dass sich die Betroffenen nicht trauen, die Wunde dem Arzt zu zeigen, weil sie schon so lange zugewartet und selbst herumprobiert haben“, weiß Hintner aus Erfahrung.

Das soll nicht sein und setzt einen Teufelskreis in Gang. Denn je länger eine Wunde besteht, desto länger braucht sie auch, um zu heilen. Grob über den Daumen gepeilt könne man sagen, dass die Heilung doppelt so lange dauert, wie die Wunde bestanden hat. „Ein tiefer Dekubitus (Anm. Druckgeschwür) braucht mindestens ein Jahr“, so Hintner.

Als selbstständige Wundexpertin macht sie Hausbesuche und schult Pflegekräfte, Ärzte, Ordinationsassistenten sowie Mitarbeiter in Pflegeheimen in „moderner Wundversorgung“. Vor zehn Jahren eta­blierte sie mit Kollegen am AZW in Innsbruck die Weiterbildung für Wundmanagement für diplomiertes Gesundheits- und Pflegepersonal und Ärzte. Doch noch immer sei das Unwissen groß, sowohl in der Bevölkerung als auch im Gesundheitswesen.

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So wüssten viele nicht einmal mit dem bereits in den 1960er-Jahren erstellen Konzept der „modernen Wundversorgung“ etwas anzufangen. Die Wunde schnell mit einem Pflaster abzudecken, sei zu wenig. Chronische Wunden müssen nach der gründlichen Reinigung feucht gehalten und abgedeckt werden. „Es besteht noch immer die weitverbreitete Meinung, dass Krustenbildung gut ist, bei einer chronischen Wunde ist das aber schlecht. Darunter wachsen die Bakterien weiter“, nennt Hintner ein Beispiel. Jeder Patient brauche individuelle Verbände, die der Wunde, der Wundphase und seinen Bedürfnissen angepasst sind.

Doch im Hinblick darauf erschwere die Gesundheitspolitik die Patientenversorgung gleich mehrfach. Erstens, indem sie sich laut den beiden Experten weigert, Wundmanager als eigene Berufsgruppe anzuerkennen und deren Zeit- und Versorgungsaufwand fair abzugelten. In der Folge bleibt der Betroffene auf einem „enormen Selbstbehalt“ sitzen. Zweitens sind die Verbandsstoffe teuer und müssten deshalb in einem mühsamen Procedere von den Kassen bewilligt werden.

Dabei sind chronische Wunden alles andere als ein Nischenthema. Eine Viertelmillion Österreicher leiden laut Schätzungen darunter. „68.000 Österreicher erkranken jährlich zusätzlich an chronischen Wunden und bei 39 Millionen Verbandswechseln pro Jahr stehen wir vor einem zunehmenden Problem“, sagt Kapferer.

Eine chronische Wunde ist immer ein Symptom einer Krankheit – ein Venenleiden, ein arterieller Verschluss oder Diabetes sind neben dem Wundliegen die häufigsten Ursachen. Deshalb ist die Dia­gnose der Grunderkrankung die Basis für das weitere Vorgehen. Die professionelle Versorgung von Menschen mit chronischen Wunden ist ein komplexer Aufgabenbereich.

„Der Betroffene muss ganzheitlich betreut werden. Dies funktioniert nur in der Zusammenarbeit verschiedenster Berufsgruppen auf Augenhöhe. Denn um das ursächliche Problem zu behandeln, genügt es nicht, Symptompflege zu betreiben“, sagt Kapferer. Behandler und vor allem der Betroffene selbst seien gefordert, Risikofaktoren zu erkennen und diese zu minimieren. Die Schulung und die Beratung der Patienten und deren Angehöriger spiele deshalb eine wesentliche Rolle.

Informationen über chronische Wunden

„Tag der Wunde": Der „Tag der Wunde" im Innsbrucker Einkaufszentrum Dez (10 bis 15 Uhr) bietet allen Interessierten die Möglichkeit, sich bei Experten des Wundmanagements Tirol und der Initiative Wund?Gesund! zu informieren, sich auszutauschen und Tipps und Anregungen zu holen.

Tiroler Wundsymposium: Am 29.11. (9 bis 17.30 Uhr) findet im Cineplexx Innsbruck das 6. Tiroler Wundsymposium des Vereins Wundmanagement Tirol mit zahlreichen Expertenvorträgen statt. Die Teilnahmegebühr beträgt 75 Euro. Programm und Anmeldung unter: www.wundmanagement-tirol.at

Die Experten: Marianne Hintner ist Mitgründerin des Vereins Wundmanagement Tirol und Wundexpertin mit Praxis in Hall („WoundCareConnection"). Oliver Kapferer ist im Vereinsvorstand, freiberuflicher Wundpfleger und an der fh gesundheit im Bereich Pflege in Lehre und Forschung tätig.