Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 26.09.2019


Tirol Kliniken

Beatmet, aber daheim: Neues Konzept für Patienten in Tirol

Bisher wohnten Patienten, die dauerhaft beatmet werden müssen, auf der Intensivstation. Mit einem neuen, landesweiten Projekt soll sich das ändern.

Helmut Täubl (l.) und Markus Stein (r.) zeigen ein mobiles Gerät für die Beatmung zuhause.

© TT/Theresa MairHelmut Täubl (l.) und Markus Stein (r.) zeigen ein mobiles Gerät für die Beatmung zuhause.



Von Theresa Mair

Natters – Sechs bis zehn Erwachsene und acht bis zehn Kinder sind in Tirol rund um die Uhr und für den Rest ihres Lebens auf die Beatmungsmaschine angewiesen. Weitaus mehr, nämlich 60 bis 80, brauchen zumindest zeitweise Atem­unterstützung – zum Teil mit zusätzlichem Sauerstoff – von dem Gerät. Die Situation ist für alle Beteiligten sehr belastend. Markus Stein, Oberarzt der Pneumologischen Abteilung im Krankenhaus Hochzirl-Natters, kennt alle Eckdaten, aber auch die Schicksale der Patienten.

Deshalb war er seit Jahren „lästig“, wie er sagt, und setzte sich für ein landesweites Konzept für außerklinische Beatmung ein. „Das große Ziel ist, dass die Patienten zuhause beatmet werden und ein möglichst normales Leben zustande bringen können. Wir wollen Angehörige entlasten und Lebensqualität geben“, fasst Stein zusammen.

Nun ist es so weit: Mit dem Land Tirol, den Tirol Kliniken und dem Institut für integrierte Versorgung an Bord geht es an die Umsetzung des Projekts. Im Frühsommer hat die Landeszielsteuerungskommission die Ausschreibung einer Koordinatorenstelle mit ehestmöglicher Anstellung beschlossen. Eine entsprechende Stellenanzeige haben die Tirol Kliniken im August veröffentlicht. Jetzt läuft das Auswahlverfahren. „Wir rechnen damit, dass der Koordinator oder die Koordinatorin Anfang 2020 die Arbeit aufnehmen und an die Umsetzung des Konzepts gehen kann“, sagt Helmut Täubl, der das Projekt von fachlich-inhaltlicher Seite leitet.

Dabei handelt es sich nach den beiden erfolgreichen Vorzeigeprojekten „Tiroler Schlaganfallpfad“ und „Herzmobil Tirol“ um ein weiteres großes Projekt für integrierte Versorgung. „Es reicht von der Beratung und Anleitung über das Entlassungsmanagement im Krankenhaus bis zur individuellen Versorgung“, so Täubl.

Zwar sei die Zahl der beatmungspflichtigen Patienten im Vergleich zu jenen mit Herzschwäche oder Schlaganfall relativ niedrig, „doch diese Patienten sind maximal vom Schicksal betroffen. Wenn man einen hohen Querschnitt hat, kann man sich nicht einmal kratzen, wenn es juckt“, begründet Stein die Notwendigkeit des in dieser Form einzigartigen Projekts in Österreich.

Oft kann es schnell gehen. Man hat etwa mit 30 Jahren einen Unfall – hohe Querschnittslähmung – und hängt die nächsten 30, 40 Jahre permanent an der Beatmungsmaschine. Damit „wohnte“ man bisher auf der Intensivstation. Es sei denn, es gelang, eine auf Beatmung spezialisierte Pflegefirma zu engagieren, welche die häusliche Unterstützung der Angehörigen übernimmt. Stein hat bereits erlebt, dass Betroffene mit neuromuskulären Erkrankungen wie ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) die Beatmung deshalb ablehnten. Sie wollten den Angehörigen nicht zur Last fallen. „Wir haben in Tirol keine Einrichtung, kein Heim, welches das übernimmt“, so der Experte.

Auch mit Beatmungsgerät könne man, vorausgesetzt die Betreuung stimmt, ein erfülltes Leben führen. Bestes Beispiel dafür ist Physik-Superstar Stephen Hawking. „Er ist mit 24 Jahren an ALS erkrankt und wurde über 70. Bis zuletzt hat er tolle Bücher geschrieben. Da sieht man, was mit Beatmung möglich sein kann“, macht Stein Mut. Hawking muss keine Ausnahme bleiben. Der Mediziner betreut auch einen Patienten, der mit E-Rollstuhl, Sprachcomputer und Beatmung im Alltag beweglich ist.

Patienten, die vollbeatmet werden müssen, werden meist über eine so genannte Trachealkanüle in der Luftröhre an den Schlauch angeschlossen. Die Pflege ist aufwändig und kann nur von Intensivpflegern oder diplomierten Krankenpflegern mit Kenntnissen der Beatmung durchgeführt werden. Im Zuge des neuen Projekts wurde für sie eigens eine (freiwillige) Weiterbildung für außerklinische Beatmung am AZW geschaffen. Denn manche Patienten würden eine Art „kleine Intensivüberwachung“ rund um die Uhr brauchen. Eine Verlegung der Kanüle oder ein Gerätefehler können binnen kürzester Zeit lebensbedrohlich sein.

Um in solchen Situationen die Nerven zu behalten, braucht es Expertise. Eltern, die ein Kind mit der seltenen Duchenne-Muskeldystrophie betreuen, bei der das Zwerchfell ebenfalls aussetzt, wird beispielsweise viel abverlangt. Auch die zunehmende Raucherkrankheit COPD kann dazu führen, dass das Zwerchfell erschöpft und der Patient eine Atemunterstützung mit einem mobilen Gerät und Maske braucht. Damit haben die Betroffenen länger ein gutes Leben und es werden Akutkosten vermieden – z. B. Hubschraubereinsätze wegen plötzlicher, akuter Atemnot.

Der künftige Koordinator in Natters soll für sie alle zentraler Ansprechpartner sein und ein Netzwerk mit Krankenhäusern, Hausärzten, Sozialsprengeln, Hauskrankenpflege, Medizintechnikern etc. schaffen. An ihn wird man sich wenden können, wenn die Atemmaske zwickt, seine Aufgaben reichen aber auch weit über Beatmung hinaus, z. B. wenn der Patient einen Sprachcomputer braucht. Nicht nur die Lunge soll einen neuen Motor bekommen, sondern auch der Patient ein neues Leben.