Letztes Update am Di, 29.10.2019 10:57

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

„Da hilft nur die Rettung“: Wissenswertes zum Thema Schlaganfall

Einer von vier Österreichern erleidet einen Schlaganfall. Michael Brainin, Präsident der Welt-Schlaganfall-Organisation, weiß, warum Patienten mit mittlerem Risiko besonders gefährdet und bereits Kinder betroffen sind.

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Schlaganfälle gelten hierzulande als zweithäufigste Todesursache und Hauptgrund für Behinderungen.

Michael Brainin: Nicht nur das. Einer von vier Österreichern erleidet im Laufe seines Lebens einen Schlaganfall. Dessen sollte man sich gerade heute, am Welt-Schlaganfall-Tag, bewusst sein.

Dank des Projekts „Cut Stroke in Half“ lassen sich 80 Prozent der Personen, die gefährdet sind, frühzeitig identifizieren. Worauf wird dabei geachtet?

Brainin: Man betrachtet Risikofaktoren wie Übergewicht, Bluthochdruck und Rauchen. Anhand der Smartphone-App „Stroke Riskometer“ kann man aber auch zuhause feststellen, wie es um das eigene Risiko steht. Liegt die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens einen Schlaganfall zu erleiden, etwa bei vier Prozent, wird das nicht als hoch angesehen. Trotzdem bietet die App auch Tipps, wie man das Risiko über die nächsten Jahrzehnte weiter senken kann. Das ist wichtig, denn 80 Prozent der künftigen Patienten zählen nicht zur Gruppe der Hochrisiko-, sondern der Mittelrisikopatienten. Man übersieht leicht, wenn das der Fall ist, denn kommt ein Patient mit einem Blutdruck von 300 zum Hausarzt, ist der so schockiert, dass er ihn gleich in die Klinik bringt. Überspitzt gesagt. Doch hat der Patient einen moderat erhöhten Blutdruck, sagt der Arzt vielleicht: „Heute ist er leicht erhöht. Vielleicht, weil Sie ein wenig aufgeregt sind. Das wird nächstes Mal besser sein.“ Ein Trugschluss. Denn in Wahrheit sind Sie dann schon Mittelrisikopatient.

Teilweise werden heute bereits bei fünfjährigen Kindern Gefäßveränderungen festgestellt, die später zu einem Schlaganfall führen könnten. Ist das die Folge unseres aktuellen Lebensstils?

Brainin: Sterben Kinder durch tragische Todesursachen, wie Ertrinken, schaut man sich mitunter deren Gefäße an. Dabei ist es keine Seltenheit, dass man dort erste Fetteinlagerungen entdeckt. Dieser mögliche Beginn einer Atherosklerose ist mitunter die Folge falscher Ernährung.

Michael Brainin ist Präsident der Welt-Schlaganfall-Organisation und Leiter des Zentrums für Neurowissenschaften an der Donau-Universität Krems.
Michael Brainin ist Präsident der Welt-Schlaganfall-Organisation und Leiter des Zentrums für Neurowissenschaften an der Donau-Universität Krems.
- Walter Skokanitsch

Ein Schlaganfall äußert sich durch halbseitige Lähmung, Bewegungsstörung, Sehschwäche oder Sprachstörung. Worin liegt der Unterschied zum „Schlagerl“?

Brainin: Die Symptome sind dieselben. Nur verschwinden sie beim „Schlagerl“ innerhalb weniger Minuten. Trotzdem sollte man diesen Vorboten ernst nehmen. Denn danach ist das Risiko, innerhalb der nächsten Tage einen Schlaganfall zu erleiden, um ein Vierfaches erhöht.

Gibt es eine Möglichkeit, Erste Hilfe anzuwenden, wenn jemand betroffen ist?

Brainin: Da hilft nur, die Rettung zu rufen. Es bedarf einer Computertomografie und einer neurologischen Untersuchung, um festzustellen, ob es ein Schlaganfall ist oder – was etwa in zehn Prozent der Fälle vorkommt – etwas anderes, wie Unterzuckerung.

Ist es der Ernstfall, verspricht eine Thrombolyse Hilfe. Warum kann man die nur innerhalb der ersten vier Stunden nach dem Schlaganfall einsetzen?

Brainin: Diese Infusion hat zur Folge, dass sich die „Verstopfung“ im Gehirngefäß auflöst, sich der Blutfluss wieder reguliert und die Zirkulation stabilisiert. Die vier Stunden sind nur ein Richtwert. Vergeht aber zu viel Zeit, können bereits Bereiche des Gehirns abgestorben sein. Wird dann die Zirkulation angeregt und das Blut in Gewebe geleitet, das nicht mehr intakt ist, kann es zu Blutungen im Gehirn kommen.

Ein Drittel der Schlaganfälle ereignet sich, während der Patient schläft. So lässt sich beim Aufwachen nicht nachvollziehen, wie viel Zeit verstrichen ist. Lässt sich trotzdem feststellen, ob man noch eine Thrombolyse anwenden darf?

Brainin: Es gibt die Möglichkeit komplexer radiologischer Befunde, die das Zeitfenster identifizieren. Selbst wenn eine Thrombolyse nicht mehr möglich ist, gibt es die recht neue Möglichkeit einer Thrombektomie, bei der man die „Verstopfung“ mithilfe eines Katheters entfernt.

Warum ist der Schlaganfall in Ländern wie China und Indien Todesursache Nummer eins?

Brainin: In diesen asiatischen Ländern gingen die Infektionskrankheiten in den letzten zwei Jahrzehnten drastisch zurück. Dadurch stieg das Lebensalter, und Krankheiten wie Krebs, Herzinfarkt und Schlaganfälle nahmen zu. Zudem sind die Risikofaktoren dort höher, weil die Menschen salzreich essen, mehr rauchen und ihren hohen Blutdruck oft nicht behandeln. In Asien steigt auch das Übergewicht. Ein positives Beispiel wiederum ist Mexiko, wo eine neue Tabak-Alkohol-Zucker-Steuer die Gesundheit fördert. Auch die Reduktion zuckerhaltiger Getränke hat das Gewicht der Kinder dort bereits reduziert.

In Österreich sind die Patienten gut versorgt. 40 Prozent der Betroffenen gelangen innerhalb der ersten 90 Minuten in die passende Klinik. Wie sieht es in anderen Ländern aus?

Brainin: Ich habe unter anderem ein Programm in Vietnam geleitet, wo ich 9000 Ärzten erst erklären musste, dass ein Schlaganfall eine eigene Krankheit und kein Anhängsel etwa einer kardiologischen Krankheit ist. Heute gibt es dort eigene Schlaganfall-Tagungen, Fachzeitschriften und Zentren.

Sie beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit der Erkrankung. Wie haben sich die Therapievarianten in diesem Zeitraum verändert?

Brainin: Als ich anfing, gab es schlichtweg keine. Nicht mal Aspirin, das dafür sorgt, dass Blutplättchen nicht zusammenkleben. Heute forschen Weltexperten wie Stefan Kiechl, Direktor der Uniklinik für Neurologie in Innsbruck und wissenschaftlicher Leiter des VASCage-Forschungszentrums zur Gefäßalterung, daran. Unter seiner Leitung kommt es sicher nicht nur zu Verbesserungen im Ablauf von Diagnose und Prävention, sondern auch zu pharmakologischen Innovationen.

Was fasziniert Sie so am Thema Schlaganfall, dass Sie ihm Ihre gesamte berufliche Laufbahn widmen?

Brainin: Es ist die weltweit am weitesten verbreitete neurologische Erkrankung. Will man als Neurologe etwas Gutes tun, kommt man daran nicht vorbei.

Das Interview führte Judith Sam