Letztes Update am Do, 20.12.2012 17:37

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Gesundheit

„Das Pferd leiht ihr die Beine“

Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde. Im Reitzentrum in Igls ist dieses Sprichwort wahr geworden: Die 14-jährige Lisa Mucher kann dort trotz ihres Handicaps reiten.



Von Miriam Hotter

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Igls – Vorsichtig streicht Lisa Mucher mit der Kardätsche, einer weichen Bürste, über den Kopf des braunen Pferdes. Die 14-Jährige aus Ranggen ist ein großer Pferdefan – nichts Ungewöhnliches für ein Mädchen in ihrem Alter. Ungewöhnlich aber ist, dass Lisa im Rollstuhl sitzt und das Reiten zu ihren größten Leidenschaften zählt.

Das Mädchen leidet seit ihrer Geburt an einer spastischen Diplegie. „Ihre Muskeln sind hart wie Beton“, erklärt ihre Mutter Angelika Mucher. Jeden Freitag fährt sie mit ihrer Tochter ins Reitzentrum in Igls, wo sie trotz ihres Handicaps auf dem Rücken der Pferde unterwegs sein kann.

Birgit Federspiel ist Reitwart für Behindertenreiten und betreut Lisa seit fünf Wochen. „In den Reitstunden leiht das Pferd dem Menschen mit Beeinträchtigung seine Beine. Er erlebt dadurch ein neues Freiheitsgefühl.“ Bei der Hippotherapie würden ausgebildete Physiotherapeuten mit den Patienten arbeiten, erklärt Federspiel den Unterschied zu ihrer Arbeit.

An diesem Tag darf Lisa „Cindy“, eines von zwei Therapiepferden hier in Igls, in den Reitstall führen. Dort warten bereits drei Mitarbeiter, die das Mädchen mit einem Handschlag begrüßen. Dann heben sie die 14-Jährige vorsichtig auf das Pferd. „Was uns fehlt, ist eine Hebebühne, damit Menschen im Rollstuhl auf die Tiere kommen. Derzeit müssen wir alle Patienten auf die Pferde heben“, erklärt Federspiel, die neben Lisa noch drei weitere Menschen mit Handicap betreut. Eine solche Hebebühne koste etwa 3000 Euro.

Sobald Lisa auf dem Vierbeiner sitzt, strahlen ihre Augen. „Jetzt geht es los“, sagt sie und lächelt ihre Mutter an. „Es ist erstaunlich, wie wohl sich meine Tochter beim Reiten fühlt“, sagt Mucher. Die Therapiekosten trage die Krankenkasse aber nicht. 30 Euro bezahlt die Mutter für eine 45-minütige Reitstunde.

Eine Summe, die Mucher gerne finanziert. Denn wenige Sekunden auf dem Pferd reichen aus, um die verkrampften Hände und Beine ihrer Tochter zu entspannen. Nach einer kleinen Aufwärmrunde durch den Reitstall beginnt die 14-Jährige mit den Übungen. Sie legt ihre Hände um den Hals des Pferdes, so als würde sie das Tier umarmen. „Durch diese Tätigkeit strecken wir Lisas steife Gelenke“, erklärt Federspiel. Danach versucht das Mädchen, sich nach hinten zu legen, bis ihr Hinterkopf den Rücken des Pferdes berührt. „Es ist schon ein bisschen anstrengend“, gibt Lisa zu.

Die Anstrengung wird jedoch belohnt. Durch das Reiten wird der ganze Körper lockerer. „Da sich ein Pferd dreidimensional bewegt – nämlich nach vorne, nach hinten und diagonal –, ist das Reiten die optimale Therapie für Lisas starren Bewegungsapparat“, ist Federspiel überzeugt.

Doch nicht nur die Patienten müssen viel Kraft einsetzen. „Auch das Pferd muss konzentriert, aufmerksam und gehorsam sein. Für die Tiere ist das alles sehr mühevoll“, weiß sie.

Deshalb würden Menschen mit Handicap auch nicht auf jedem beliebigen Pferd reiten können. „Bestimmte Merkmale sind entscheidend“, meint die Reittherapeutin. Das Tier dürfe keinen breiten Rücken haben, denn spastische Patienten sind nicht in der Lage, ihre Beine weit zu spreizen. Auch was den Charakter des Pferdes angeht, gibt es bestimmte Kriterien, die erfüllt werden müssen. „Ein Pferd muss geduldig, ruhig und zuverlässig sein. Es darf sich aber nicht leicht erschrecken lassen“, so Federspiel.

Nach der Therapie gibt es für das Pferd ein paar Karotten als Belohnung. „Bis nächsten Freitag Cindy“, sagt Lisa und streichelt dem Tier noch einmal über die Nase, bevor sie den Stall verlässt.




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