Letztes Update am Do, 17.01.2013 09:58

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Neue Selbsthilfegruppe

Männer trauern anders

Trauer lässt sich für viele Männer schwer in Worte fassen, sie leiden im Stillen. Eine neue Selbsthilfegruppe in Innsbruck will Männern helfen, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen.



Von Nicole Unger

Innsbruck – Der Schmerz, der durch den Verlust eines lieben Menschen entsteht, trifft beide Geschlechter gleich hart. Keine Frage. Nur gehen Männer und Frauen meist unterschiedlich mit ihrer Trauer um. Es mag sich wie ein Klischee anhören, aber „es wird nicht so gerne geredet bei Männern“, weiß Klaus Mair, der seit Kurzem in Innsbruck die neue Selbsthilfegruppe „Männertreff zur Trauerarbeit“ leitet. Über den Tod des Partners, der Eltern oder gar des eigenen Kindes zu sprechen, fällt schwer. Doch Trauer brauche Ausdruck, sagt Mair. Sie müsse bearbeitet werden, damit das Leben weitergeht.

Das erste Treffen der Selbsthilfegruppe für Männer sei nur zögerlich angenommen worden, berichtet Mair, der seit Jahren in der Trauer- und Männerarbeit tätig ist. „Männer brauchen etwas Zeit, sie holen sich nicht gerne Hilfe. Das liegt in der Natur der Dinge und an der uralten Prägung der Menschheit“, erklärt Mair. Der Spruch „Ein Mann ein Wort“ kommt nicht von ungefähr. Er vermittelt, der Mann ist tüchtig, verlässlich, er wird mit allem selbst fertig, muss sich selbst helfen und gilt als starker Beschützer der Familie. Aber genau durch solche Botschaften wird dem Mann eine schwere Last aufgelegt, weiß der erfahrene Innsbrucker. Die junge Generation sei bereits im Umbruch. Das klassische Rollenbild scheint sich ein wenig zu ändern. Aber auch das kann zu Verunsicherungen führen, was wiederum mit der Sorge um Machtverlust zu tun hat.

Trauer würde das starke Geschlecht nach wie vor oft im Verborgenen, im Stillen erreichen. Während Frauen ihre Gefühle durch Gespräche zu verarbeiten versuchen, so neigen Männer eher dazu, sich in Aktivitäten zu stürzen. Sie forcieren ihr Hobby, sporteln exzessiv und versuchen so, mit der Wut umzugehen. „Je nach Temperament können auch Alkohol, Depressionen und in der Folge körperliche Beschwerden zum Thema werden“, weiß der Innsbrucker. Männer werden zudem auch leichter von Schuldgefühlen geplagt und quälen sich dementsprechend mit Gedanken wie: „Hätte ich doch meinem Kind nicht dieses Moped gekauft.“ Sie hadern mit dem Schicksal, weil sie das Unglück nicht verhindert haben und suchen nach einem Schuldigen. Geht es um den Verlust des eigenen Kindes, dem wohl schlimmsten was Eltern passieren kann, so trösten Männer ihre Frauen eher in Form einer Beschwichtigung, so Mair. Sie fühlen sich verantwortlich, wollen den Frauen das Leben erleichtern, bleiben dabei aber selbst auf der Strecke.

Für die Beziehung stellt diese unterschiedliche Art der Trauerverarbeitung eine große Belastungsprobe dar. „Die Frau ist verunsichert, weil der Mann weg ist, Sport betreibt oder gar Alkohol im Spiel ist, weil ihr Partner nicht mehr er selbst ist. Die Frau fühlt sich verraten“, betont Mair.

Allein zu wissen, dass Männer und Frauen unterschiedlich ticken, würde bereits helfen, sein Gegenüber zu verstehen. Denn auch wenn sie sich mit einem anderen – vielleicht sogar tränenlosen – Gesicht zeigt, die Trauer ist auch bei Männern sehr groß. „Ich lade Männer ein, zur Selbsthilfegruppe zu kommen. Wir sitzen nicht im Kreis, sondern gehen z.B. hinaus in die Sillschlucht, schreiben die persönlichen Verluste auf Steine und werfen diese in den Fluss oder wir bauen aus Schwemmholz Türme“, nennt Mair Beispiele.

Nicht alles kann man in Worte fassen, aber manchmal tut es gut, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Mit anderen Betroffenen sei diese Arbeit vielleicht etwas leichter. „Männer reden mit ihren Kumpels gerne über Sport, Politik, Frauen, aber nicht über die eigene Person“, berichtet der Innsbrucker. Die Sportkollegen würden Männer in ihrer Trauer daher nicht wirklich helfen. Die Freundschaften seien in vielen Fällen oberflächlich und es geht über „hast es schwer“ nicht hinaus, so Mair.

Durch die Selbsthilfegruppe können Männer vielleicht erfahren, dass auch sie über den Tod sprechen können. „Auch Männer haben Worte“, sagt Mair. Und eines liegt dem Trauerberater noch am Herzen: „Die Botschaft ist nicht, dass Männer nicht trauern können. Sie machen es nur anders.“




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