Letztes Update am Do, 21.11.2013 07:00

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Gesundheit

Sitzend stark sein

Mit Worten und Fäusten – aber im Sitzen: Ein Innsbrucker entwickelte ein Selbstverteidigungskonzept, das Rollstuhlfahrern ermöglicht, sich zur Wehr zu setzen. Denn Angreifer machen auch vor behinderten Menschen nicht Halt.



Von Judith Sam

Innsbruck – „Sie werden doch keinen Rollstuhlfahrer angreifen.“ Werner Müllers Worte verhallen effektlos. Denn der breitschultrige Angreifer packt den Mann unbeeindruckt am Pullover und versucht ihn aus dem instabilen Gefährt zu zerren.

Doch Müller, der seit 35 Jahren auf den Rollstuhl angewiesen ist, reagiert unerwartet. Statt sich als wehrloses Opfer geschlagen zu geben, knickt er mit fließenden, kraftvollen Bewegungen den Arm des Provokateurs ab, reißt ihn an den Haaren, wirft ihn zu Boden und ergreift die Flucht.

Allerdings fährt er in seinem Rollstuhl nur wenige Meter weit, dreht sich um und lächelt: „Keine Sorge, die ganze Situation ist inszeniert.“ Schwer atmend hilft Müller dem vermeintlichen Angreifer vom Boden auf: „Noch vor wenigen Wochen wäre ich im Fall eines Angriffs völlig wehrlos gewesen. Doch nachdem mittlerweile fünf meiner gehbeeinträchtigten Bekannten überfallen wurden, habe ich an einem Selbstverteidigungskurs speziell für Rollstuhlfahrer teilgenommen.“

Der Sicherheitsexperte Adem Dulas brachte Müller und acht weiteren Mitgliedern des Innsbrucker Vereins RollOn Austria individuell angepasste Selbstverteidigungsmechanismen bei: „Je nach Behinderungsgrad muss man andere Aktionen wählen. Einer der Teilnehmer konnte etwa nur einen Arm bewegen – doch schon nach dem ersten Seminarblock war er in der Lage, einen Angriff abzuwehren.“

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Der Innsbrucker Kampf- sporttrainer entwickelte sämtliche Abwehrgriffe selbst: „Nachdem ein guter Freund von mir unfallbedingt nicht mehr gehen konnte, wollte ich ihm helfen, sich trotz allem nicht wehrlos zu fühlen und einem Sport nachgehen zu können, der Körper und Selbstbewusstsein stärkt.“

Kurzentschlossen kaufte Dulas einen Rollstuhl und fixierte seine Beine mit Klebebändern, um sich in die Situation eines Rollstuhlfahrers versetzen zu können: „Seit Jahren unterrichte ich Krav Maga – ein Selbstverteidigungssystem, das von der israelischen Armee kreiert wurde. Aus dem Rollstuhl heraus adaptierte ich die Krav-Maga-Techniken, sodass man sie mit unterschiedlichen physischen Beeinträchtigungen anwenden kann.“

Um zu erfahren, wie Angreifer vorgehen, sammelte er Daten von Betroffenen: „Meist versuchten die Täter, den Rollstuhlfahrer aus seinem Gefährt herauszuziehen und so wehrlos zu machen. Dafür packen sie ihn am Arm, der Schulter oder der Oberbekleidung.“ Hier setzen Dulas Selbstverteidigungsgriffe an: „Es gilt den Angreifer zu sich zu ziehen. Das klingt im ersten Moment befremdlich, doch je näher er ist, desto größer ist die Chance, ihn mit Schlägen zu treffen.“

Vermutlich wird der Täter nicht mit so viel Gegenwehr rechnen: „Und genau auf diesem Schreckmoment muss man aufbauen. Denn man hat nur wenig Zeit, um ihm Paroli zu bieten – in Form einer präzisen Choreographie von Schlägen auf Nase, Kiefer, Genitalien und Kehlkopf.“ Diese Gewalt sei jedoch nur einzusetzen, wenn der erste und wichtigste Selbstverteidigungsschritt fehlschlägt: „Allem voran rate ich zu rufen: ,Sie werden doch keinen Rollstuhlfahrer angreifen.‘ Schon durch dieses kleine Manöver wird so mancher Angreifer vertrieben.“ Und falls nicht, habe man gute Chancen, einen Passanten mit Zivilcourage auf sich aufmerksam zu machen.