Letztes Update am Do, 12.06.2014 07:00

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Klinik-Apotheke: „Unsere Arzneimittel sind keine Re-Importe“

Gefälschte Krebsmittel in steirischen Spitälern: Das verunsichert Patienten und Ärzte. Die Innsbrucker Klinikapotheke verwendet keine Reimporte, betont Leiter Gerhard Speer.



Innsbruck – Ende April gab es einen ersten Alarm um gefälschte Arzneimittel, die in Europa in die legale Versorgungskette kamen. Anfang Juni den zweiten – wieder war in Österreich die Steiermark betroffen: Es geht primär um Krebsmittel wie Avastin und MabThera, die im Spital verwendet werden und aus Parallelimporten bezogen wurden: Diese Ware wird aus Ländern reimportiert, in denen sie der Hersteller billiger abgibt. Warum die Klinik­apotheke als größter Spitalsversorger Westösterreichs das nicht (mehr) macht, erklärt ihr Direktor Gerhard Speer.

Die Klinikapotheke versorgt zahlreiche Spitäler in Tirol, aber auch Dornbirn und Mittersill. Hätte die Affäre um gefälschte Medikamente sie auch treffen können?

Gerhard Speer: Wir sind nur einmal „ausgegrast“ zu einem Parallelimporteur aus Gründen der Preisverhandlung. Aber seit 2012 beziehen wir nur noch bei der Firma Roche und nur Originalware. Aber ganz offiziell kann jeder Reimporteur bei der Ages um eine Genehmigung für jedes Präparat ansuchen. Die Ware stammt dann teilweise z. B. aus Litauen, Rumänien, Bulgarien, Griechenland, wo es aufgrund der geringeren Kaufkraft tiefere Preise gibt. Diese Firmen spezialisieren sich darauf, dort – in der Regel vom Großhandel – zu kaufen.

Die Ersparnis beträgt bis zu sechs Prozent ...

Speer: Wir kaufen deshalb nur Originalware, weil Roche uns jetzt annähernd den Reimporteurpreis gewährt, und weil uns Reimporteure zu unsicher sind: Es gibt keine Liefergarantie.

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Reimportierte Ware durchläuft mit Umetikettieren, neuen Beipackzetteln, neu Verpacken, Zwischenlagern etc. bis zu 30 Stationen, wo man manipulieren kann. Wie ist das bei Originalware – und kontrollieren Sie da?

Speer: Der normale Weg ist: Roche produziert wo – heute oft gar nicht mehr in Europa. Dann geht das in verschiedene Länder, in der Regel sogar direkt an die Krankenhäuser bzw. über den Großhändler an die Apotheken. Wir gehen schon davon aus, dass solche Ware in Ordnung ist.

Gibt es auch Kontrollen?

Speer: Optisch schon, aber nicht auf Wirkstoffebene. Wir haben 3242 verschiedene Präparate gelagert und müssen wöchentlich eine bestimmte Anzahl durchschauen, ob sie optisch in Ordnung sind, der Beipackzettel okay ist, Tabletten nicht zerbröseln etc.

Die Klinik mischt auch selbst Medikamente. Wird da geprüft?

Speer: Betroffen von den Fälschungen sind alles Chemotherapeutika, die werden bei uns patientenbezogen aufbereitet und als Beutel infundiert. Wenn hier etwas gefälscht wäre, würde das in der Regel auffallen – etwa, indem sich ein Stoff nicht richtig löst. Im Vorjahr haben wir 8745 verschiedene Arzneimittelsorten selbst hergestellt, allein 34.578 Zytostatika-Zubereitungen. Es gibt eine Eingangskontrolle, bevor ein Rohstoff freigegeben wird, teils Kontrollen im Prozess und eine Endkontrolle durch den Kontrolllabor-Leiter.

Warum fälscht man Krebsmedikamente? Weil sie so teuer sind und da das meiste Geld zu machen ist?

Speer: Das sind die umsatzstärksten Präparate: Auf Avastin entfielen 2013 in Innsbruck 3,6 Millionen Euro, auf Herceptin und MabThera je 1,7 Millionen. Man steht da natürlich unter Druck: Fünf bis sechs Prozent sind gleich 200.000 Euro. Bei Roche kriegen wir halt drei Prozent. Bleiben 100.000 Euro mehr – aber dafür haben wir Liefersicherheit und wissen, es sind keine dunklen Kanäle im Spiel.

Sind Fälschungen eine junge Problematik?

Speer: Wir sind eigentlich das erste Mal mit behördlichen Warnhinweisen konfrontiert. Vor ca. zwei Jahren war etwas mit HIV-Medikamenten, die Patienten verschrieben und über öffentliche Apotheken bezogen wurden. Da ist Ware für die dritte Welt eingeflossen, über den Großhandel.

Dem Konsumenten sagt man, nur ja nicht im Internet zu kaufen, und dann das! Auch Onkologen wettern, sie müssten den Patienten etwas verabreichen, was sich vielleicht später als Fälschung herausstellt.

Speer: Arzneimittel, die offiziell in der Apotheke gekauft werden, sind sicher, da gibt es in der Regel keine dunklen Kanäle. Ich glaube auch, das war jetzt sehr lehrreich: Die Salzburger und Steirer haben in großem Ausmaß reimportiert und das wieder eingestellt.

Das Interview führte Elke Ruß