Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 18.12.2014


Allergiker

Ungebetene Gäste im Bett

Wenn im Winter die Heizungsluft Staub aufwirbelt, haben es Hausstaubmilben-Allergiker besonders schwer. Inzwischen gibt es Impfungen zum Schlucken.

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© istock



Von Theresa Mair

Hall – Fast jeder von uns hat Haustiere. Sie teilen sogar am liebsten das Bett mit uns – ungefragt, versteht sich. Die gesuchten Tierchen sind winzig: 0,2 bis 0,4 Millimeter groß. Wer sie sehen will braucht Adleraugen. Kein Märchen. Hausstaubmilben haben es in sich. Sie sind klein, aber oho. „Nach Pollen und Tierhaaren sind sie die häufigsten Auslöser inhalativer Allergien“, weiß der Haller Hautarzt und Allergologe Heinz Kofler.

Hausstaubmilben sind praktisch in jedem Haushalt vorhanden. „Alles, was sie brauchen ist: Nahrung, Wärme und Feuchtigkeit. All das finden sie im Übermaß in Betten“, erklärt der Arzt. Denn die Spinnentiere ernähren sich von unseren Hautschuppen. Und gerade das, was nach dem Essen in Gang kommt, macht Allergikern die größten Probleme. „Hausstaubmilben haben einen extrem kurzen Verdauungstrakt. Deshalb machen sie so etwas Ähnliches wie die Bauern. Die wickeln das Heu zum Lagern in Nylonfolien ein. Die Milben mischen Verdauungssäfte und Enzyme in die überschüssige Nahrung, spinnen sie ein und scheiden die Kotballen aus, um sie später wieder zu fressen“, schildert der Experte. Außerdem würden Milben, die zu Zigtausenden unsere Bettstatt besiedeln, nicht lange überleben.

Vor allem der Winter ist für milbenempfindliche Menschen – ungefähr ein Fünftel der Bevölkerung sind Atopiker (Anm.: Menschen mit höherem Risiko, eine Allergie zu entwickeln), davon sieben Prozent Hausstaubmilben-Allergiker – beschwerlich. Durch die trockene Heizungsluft werden nämlich nicht nur Staubmäuse aufgewirbelt, auch Milbenpartikel und ihr Kot schwirren in der Luft. Die bereits genannten Enzyme sind darin enthalten. Das sind starke Allergene, so winzig klein, dass sie beim Einatmen in die Lunge gelangen können. Überhaupt im Schlaf, wo einige Körpervorgänge in den Ruhemodus geschaltet sind und die Luftfeuchtigkeit in beheizten Räumen niedrig ist, käme es dem Experten zufolge eher zu schweren Asthmaanfällen. „Bei 85 Prozent der Patienten sind die oberen Atemwege, Augen, Nase, aber auch die tiefen Atemwege betroffen.“ Bei Betroffenen mit Vorerkrankungen wie Neurodermitis, kann sich das Hautbild durch die Milbenbelastung noch verschlechtern, Juckreiz und Ekzeme entstehen.

Sehr selten könne es auch zum so genannten Pancake-Syndrom – einer Nahrungsmittelallergie – kommen. Und zwar dann, wenn Milbenstaub ins Mehl gelange. Viel häufiger passiert aber etwas anderes: Meeresfrüchte wie Kalamari und Shrimps sind mit der Hausstaubmilbe verwandt. „Die Spinnentiere zeigen eine große Ähnlichkeit miteinander und sie haben dasselbe Muskelprotein Tropomyosin. Wer auf Hausstaubmilben allergisch reagiert, muss auch bei Meeresfrüchten aufpassen.“ Eine allergische Reaktion mit Übelkeit und Erbrechen könne die Folge sein. Bei ca. drei Prozent der Betroffenen komme es zu solchen Kreuzallergien. Auch Aquarium-Besitzern könne es so ergehen, wenn sie ihre Fische mit Zuckmückenlarven füttern, die ebenfalls dieses Muskelprotein aufweisen.

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Eine Allergie auf Hausstaubmilben kann sich in jedem Alter entwickeln. „Alle, die eine gewisse Allergieneigung haben und einer hohen Milbenbelastung ausgesetzt sind – gleichzeitig vielleicht noch einen Atemwegsinfekt haben –, kann es treffen“, sagt der Experte.

Die Diagnose zu stellen, sei gar nicht so kompliziert. Mittels Befragung müssen zuerst andere Allergiequellen ausgeschlossen werden. Denn theoretisch könnten auch Kakerlaken, Motten, Schimmel, Mäusedreck, usw. Allergene in der Wohnung sein. Allergene werden auf die eingeritzte Haut geträufelt und zusätzlich im Bluttest untersucht, ob das Immunsystem darauf reagiert. „Den ausschlaggebenden Beweis erhält man, indem eine kleine Menge des Allergens in die Nase getropft wird, und es zu einer typischen allergischen Reaktion wie Niesen und einer verstopften Nase kommt.“

Bevor die Therapie beginnen kann, muss erst den Milben im Bett, auf der Stoffcouch, dem Teppichboden und eventuell auch in Stofftieren zu Leibe gerückt werden (siehe: Factbox). Die Symptome werden mit Antihistaminika in Form von Tabletten, Nasensprays und Säften für Kinder, in Schach gehalten.

Wenn das nicht hilft, ist eine spezifische Immuntherapie erfolgsversprechend. In regelmäßigen Intervallen und steigender Dosierung spritzt der Arzt einen Impfstoff aus den speziell modifizierten Allergenen. „Für jene, die sich nicht spritzen lassen wollen, gibt es inzwischen auch Sub­lingualimpfstoffe, Tropfen zum Schlucken.“ Die meisten Patienten seien bereits nach einem halben Jahr von der Plage erlöst.

Die Therapie muss man trotzdem bis zu vier Jahre durchhalten: „In der Allergiebekämpfung läuft es wie in der Schule. Manche Dinge müssen öfter wiederholt werden, bis sie sich der Körper merken kann“, erklärt Kofler.

So vertreibt man Hausstaubmilben

Was soll man nicht machen? „Es ist nicht empfehlenswert, mit nasser Haut nach dem Baden zu Bett zu gehen. Das würde ein ideales Milben-Klima schaffen.“ Das Bett auszuschütteln, wirble den Milbenstaub zusätzlich in die Luft. Und auch Staubsaugen alleine bringe nichts. Ein spezieller Milbenfilter im Gerät sei aber wünschenswert. Hausmittel, wie tanninhaltige Öle, helfen laut Kofler nicht viel, könnten aber auf den Stoffen Flecken verursachen.

Was hilft? Spezielle, atmungsaktive Überzüge für Matratzen sind wichtig. Ohne Auflagen seien sie nämlich schon bald mit Milben besiedelt. Eine 60-Grad-Wäsche überleben die Milben nicht. Allerdings müssen Bettzeug, Stofftiere und Co. danach in den Wäschetrockner und nicht auf die Leine, wie Kofler empfiehlt. Eine Heizdecke im Bett mag nicht jeder. Doch sie sorgt für ein trockenes Schafklima und vertreibt damit die Milben.