Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 11.01.2015


Gesundheit

Staatliches Handyverbot

Das amerikanische Dorf Green Bank ist ein Zufluchtsort für Menschen, die unter elektromagnetischer Strahlung leiden.

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© APA/EPA/JIM LO SCALZO



Von Fabienne Faur, AFP

Washington – Kein Handy klingelt, niemand starrt auf sein Smartphone und WLAN gibt es auch nicht. Am Dorf Green Bank in den USA scheint das Informationszeitalter spurlos vorbeigegangen zu sein. Doch für das riesige Funkloch 350 Kilometer von der Hauptstadt Washington entfernt gibt es einen guten Grund: Hier steht das empfindlichste Radioteleskop der Welt.

Damit die Forscher ins Weltall lauschen können, herrscht im Umkreis von 16 Kilometern staatlich verordnete Funkstille. Als diese National Radio Quiet Zone 1958 eingerichtet wurde, gab es noch keine Handys und kein drahtloses Internet. Heute hat ein Ort ohne mobilen Empfang Seltenheitswert. Und genau deshalb hat sich das 143-Einwohner-Dorf in West Virginia zu einem Zufluchtsort für jene entwickelt, die unter elektromagnetischer Strahlung leiden.

Charles Meckna ist einer dieser Flüchtlinge, seit Juli lebt der 53-Jährige in Green Bank. „Hier fühle ich mich viel besser, ich habe wieder ein Leben“, sagt Meckna. Hinter ihm liegt eine lange Zeit des Leidens: Seit 1990 fühlte er sich krank, litt unter Übelkeit und Migräne, und immer wenn er in die Nähe eines WLAN-Routers kam, begann sein Herz zu stolpern. Der Arzt verschrieb Antidepressiva. Auf die Idee, dass seine Krankheit etwas mit elektromagnetischer Strahlung zu tun haben könnte, seien zunächst weder die Mediziner noch er selbst gekommen, erzählt der ehemalige Polier.

Aber nach zwei Wochen in Green Bank waren die Kopfschmerzen Mecknas verschwunden. Die Weltgesundheitsorganisation erkennt elektromagnetische Hypersensitivität formal nicht als Krankheit an, bestreitet aber auch nicht, dass es sie gibt.

„Ich hatte keine Wahl – hier zu leben oder anderswo mit Kopfschmerzen“, sagt Diane Schou. Sie suchte 2007 in Green Bank Zuflucht, nachdem in der Nähe ihres Bauernhofes in Iowa ein Funkmast aufgestellt worden war. „Hier habe ich zumindest das Gefühl, eine Zukunft zu haben.“

Ihr schmerzfreies Leben haben Meckna und Schou dem 150 Meter hohen Teleskop zu verdanken, das mit seiner 100 Meter breiten Schüssel Signale aus dem Weltraum einfängt. „Wir können die Geburt und den Tod von Sternen beobachten“, sagt Michael Holstine vom Observatorium. Das Teleskop sei so empfindlich, dass es die Energie einer Schneeflocke messen könnte, die den Boden berührt, erklärt er. Damit das gelingt, müssten Störquellen so weit wie möglich ausgeschlossen werden.

Ein Quasar zum Beispiel – der Kern einer aktiven Galaxie – „sendet typischerweise ein Signal mit einem Milliardstel eines Milliardstels eines Milliardstel-Watts. Ein Handy hat rund zwei Watt.“

Auf ein Mobiltelefon verzichten die Elektrosensiblen in Green Bank gerne. Und auch den Einheimischen fehlt nichts. „Ich habe nie ein Handy gehabt“, sagt die Kassierin im Dorfladen, Betty Mullenax. „Also habe ich auch nie eines vermisst.“