Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 12.02.2015


Gesundheit

Parkinson: Nicht alle Teilchen passen

Wie erkennt man Parkinson, bevor das Zittern auftritt? Können Symptome verhindert, kann gar die Krankheit geheilt werden? An die Antworten tasten sich Forscher langsam heran.

© Getty ImagesSymbolbild



Von Gabriele Starck

Innsbruck – Bis zu 30.000 Menschen in Österreich sind an Parkinson erkrankt, in Tirol sind es an die 2000. An der sehr viel aggressiveren und binnen weniger Jahre tödlichen Multisystematrophie (MSA) leiden derzeit österreichweit zirka 1000 Menschen. Beides sind Erkrankungen des Nervensystems, im Volksmund auch Alterskrankheiten genannt. Vor drei Jahrzehnten wusste man darüber nur wenig, heute hat man zumindest einen möglichen Auslöser gefunden. Und das ist ein großer Fortschritt, denn: „Erst wenn wir verstehen, was los ist, können wir uns daran machen, Therapien zu entwickeln“, sagt der Direktor der Uni-Klinik für Neurologie, Werner Poewe.

Die Innsbrucker Neurologie gehört international zur Forschungsspitze im Bereich der neurodegenerativen Erkrankungen, zu denen eben Parkinson und MSA, aber auch Alzheimer gehören. Im Mittelpunkt ihrer Forschungen steht dabei ein ganz bestimmter Eiweißstoff – das Alpha-Synuclein. Eine Mutation in den Genen bewirkt, dass dieses Protein verklumpt. Die Nervenzellen, die eigentlich Dopamin produzieren sollten, sterben daraufhin ab. Der Botenstoff Dopamin ist für die Koordination der Bewegungsabläufe (Motorik) notwendig. Der zunehmende Dopamin-Mangel führt deshalb zu den Symptomen der Parkinson-Erkrankung: verlangsamte Bewegungen, Muskelzittern, vorübergebeugte Haltung bis zur Bewegungsunfähigkeit.

Die Parkinson-Symptome zu behandeln, sprich zurückzudrängen, gelingt schon recht gut, dank Dopamin-Ersatzmedikamenten. Wenig Wirkung zeigen diese Medikamente allerdings bei der sehr viel schlimmeren MSA. Diese seltenere, aber dafür bösartige Form schreitet sehr schnell fort: Nach rund fünf Jahren sitzen die Patienten meist schon im Rollstuhl, nach acht bis zehn Jahren sind die Hälfte der Patienten verstorben. Dass die Zufuhr von Ersatzdopamin nur minimal hilft, sei derzeit meist der Hinweis darauf, dass es sich nicht um Parkinson, sondern um MSA handle, erklärt Gregor Wenning, Leiter der Neurobiologie, der diese Erkrankung zusammen mit Nadia Stefanova seit 20 Jahren intensiv erforscht. Das sei zu spät, weshalb es zunächst einmal notwendig sei, Biomarker zu finden, die eine frühere Diagnose ermöglichen. „Denn das Ziel wäre ja, die Erkrankung zu erkennen, bevor Symptome auftreten, um sie dann verhindern zu können“, erklärt Poewe. Biomarker, also Merkmale, die auf eine Krankheit hinweisen, können aber nicht nur die Diagnose vereinfachen, sondern auch anzeigen, wie fortgeschritten die Krankheit ist und ob die Therapien wirken. Denn im Gegensatz zur MSA verläuft Parkinson so langsam, dass man die Wirkung über Jahre hinweg äußerlich nicht feststellen kann.

Um solche Biomarker zu entdecken, versuchen sich Forscher auf der ganzen Welt an den Gewebeproben verschiedenster Körperregionen. Denn so haben die Forscher festgestellt, dass sich Alpha-Synuclein nicht nur in den Nervenzellen des Gehirns, sondern auch in jenen der Haut findet. Die Innsbrucker versuchen es derzeit zudem mit Nervenzellen des Darms. Fände sich dort ein geeigneter Biomarker, könnte Parkinson im Zuge der ohnehin ab dem 50. Lebenjahr empfohlenen Darmspiegelung ohne Zusatzaufwand festgestellt werden. Ob das gelingt, ist derzeit aber eher fraglich, räumen die Innsbrucker ein. Also erkunden sie auch, inwieweit die MR-Tomographie Hinweise auf Parkinson geben könnte. Und die Ärzte gehen epidemiologisch vor, das heißt, sie werten Patientendaten aus und versuchen so, Biomarker zu finden.

Daneben versuchen sie zusammen mit Firmen in EU-geförderten Projekten, Impfungen zu entwickeln. Das Ziel: Das Immunsystem stärken, damit es Antikörper gegen die Verklumpung bildet bzw. diese aus den Zellen entfernt.

Ansätze gibt es also viele, welche zum Ziel führen werden, weiß noch niemand. Forschung ist wie ein kompliziertes Puzzle mit unzähligen kleinen Teilchen. Doch niemand weiß, welche davon wirklich ins Puzzle passen. Derweil aber, betont Poewe, geht es um die zweite Hauptaufgabe des Arztes: dem Patienten so lange wie möglich Lebensqualität zu erhalten. Denn auch wenn es noch keine Heilung geben mag, meint Poewe: „Tun kann man immer was.“




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