Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 04.11.2017


Wohnraum

Ein sehr ungleiches Zwillingspaar

Anstelle eines alten Hauses hat Martin Scharfetter vom Büro Architekten Scharfetter_Rier für sich und seine Schwester ein Haus entworfen, das eigentlich zwei Häuser mit einer gemeinsamen Hülle ist.

© Lukas SchallerEine ganz klare Formensprache und pure Materialität prägt die zwei Häuser, die Martin Scharfetter aneinandergekoppelt hat. Gestellt auf einen Platz, der mit viel Aufwand dem Hang abgerungen worden ist.



Von Edith Schlocker

Vill – Den Traum vom eigenen Haus mit Garten hatten Martin Scharfetter und seine Frau eigentlich nie. Mit dem Wachsen der Familie war allerdings Handlungsbedarf gegeben, und da es ein wunderbares, rund 1300 Quadratmeter großes Grundstück in Vill in Familienbesitz gab, haben sich der Architekt und seine Schwester dazu entschlossen, hier zu bauen. Dazu musste zuerst ein längst abgewohntes Haus aus den 60er-Jahren abgebrochen werden, in dem Scharfetters Schwester bis zuletzt gelebt und beide als Kinder neben dem Haus der Großeltern einige Jahre gewohnt haben.

Also eine Rückkehr an einen mit vielen Emotionen besetzten Ort, der durch das neue Haus allerdings komplett verwandelt daherkommt. Nicht zuletzt deshalb, weil aus dem abfallenden Hang mit großem Aufwand ein Platz gemacht wurde. Bergseitig gestützt durch eine 40 Meter lange betonierte und talseitig durch ein­e 30 Meter lange Mauer aus Natursteinen.

Das Grundstück zu teilen und getrennt zu bebauen, wäre eine Option gewesen. Nach viel Kopfzerbrechen schälte sich als optimale Lösung letztlich allerdings ein langes schmales Haus heraus, das Scharfetter formal zwar als Einheit gedacht hat, letztlich aber aus zwei aneinandergekoppelten Häusern besteht. Die räumlich komplett anders organisiert und inhaltlich interpretiert sind, zusammengebunden allein durch eine klare Architektursprache und pure Materialität.

80 Quadratmeter großer, 3,50 Meter hoher Lebensraum für eine sechsköpfige Familie.
- Lukas Schaller

Jedes der Häuser ist eine autarke Einheit. Die Zufahrt zum einen ist von unten, zum anderen von der Seite. Martin Scharfetters Haus liegt parallel zum Hang, das seiner Schwester quer zu diesem. Als Puffer zwischen beiden Einheiten funktioniert ein Dachgarten, in dem auf Hochbeeten Gemüse angebaut wird.

„Es geht mir um Raum, Atmosphäre, Beziehungen, Topo­graphie“, sagt der Architekt, dessen Ziel es nie war, ein schönes Gebäude im üblichen Sinn zu bauen, sondern „etwas, das für uns gut klingt“. Was für die sechsköpfige Familie sehr viel mit räumlicher Großzügigkeit zu tun hat. Die eindrucksvoll im Erdgeschoß zelebriert wird. Öffnet sich die in Yves-Klein-Blau lackierte Eingangstüre doch zu einer 20 Quadratmeter großen Garderobe, während der zentrale Wohnraum 80 Quadratmeter umfasst, die sich über die fast raumhohe Fensterfront virtuell ins Außen fortsetzen.

Dieser riesige Raum, in dem gekocht, gegessen, gearbeitet, gespielt, gefeiert und gefaulenzt wird, ist 3,50 Meter hoch. Was Wunder in Sachen Maßstäblichkeit wirkt, Luft zum Atmen, Freiräume im Denken und Tun schafft. In diesem Raum wird klar, wie Scharfetter und seine Frau ticken. Denn obwohl alles sehr selbstverständlich daherkommt: Zufällig ist hier nichts, jedes Detail ist überlegt, so ziemlich alles maßgeschneidert.

Die als Rampe gestaltete Erschließungszone kommt im Wohnraum fast skulptural daher.
- Lukas Schaller

Der Boden in diesem zentralen Wohnraum ist zum größten Teil der geschliffene Estrich. Eine breite Fensterbank aus geöltem Nussholz verwandelt sich im hinteren Bereich in eine über zwei Stufen erschlossene Plattform. Um auf diese Weise zu einer intimen Zone des Rückzugs zu werden. Ein Pendant zur Küche an der gegenüberliegenden Seite, die sich durch ein riesiges Fenster Richtung Süden öffnet. Sie ist als „Werkstatt“ mit Möbeln eingerichtet, die komplett in Edelstahl eingehüllt sind. Der kubische Küchenblock, der davor steht, ist nach den Plänen Scharfetters perfekt aus Nuss getischlert und trägt eine Platte aus schwarzem Stein.

Als skulpturales Element prägt die Brüstung der Ramp­e, die vom Eingang her das Haus erschließt, den Wohnraum. Sie ist aus Sichtbeton gebaut wie das gesamte – innen gedämmt­e – Haus. Innen sind die Außenmauern mit tiefblauem Lehm verputzt, was eine fast poetische Haptik ergibt. Genauso wie bei dem Ofen, dessen organisch runde Formen mit rosa changierender Kalkglätte überzogen sind. Der offene Kamin, der mitten im Raum steht, ist wiederum mit wunderschönen, von Hand gemachten Raki-Fliesen verkleidet.

Dass Farben für Martin Scharfetter und besonders für seine Frau eine zentrale Rolle spielen, zeigt sich auch in den über eine höhlig dunkle, leicht gewendelte Treppe erreichbaren vier Zimmern im Obergeschoß. Sie sind winzig und ihr­e Wände bzw. Türen sind gelb, orange, blau und weiß. Die quadratischen Alufenster sind dafür riesig und extrem tief gesetzt. Um auf diese Weise auch hier oben das Außen ins hier zellenartige Innen zu holen.

Denn das Außen ist in beiden Teilen dieses einerseits gleichen und doch prinzipiell so ungleichen Hauses von größter Wichtigkeit. Eine von einem transluzenten Dach geschützte Laube geht bei Martin Scharfetter in die Wiese bzw. eine kleine holz­beplankte Terrasse samt Pool über. Mit einer Rundumsicht, die atemberaubend ist.

Das ganze Haus sei für ihn in gewisser Weise ein Selbstversuch, sagt Martin Scharfetter. Mit dessen bisherigen Erkenntnissen er sehr zufrieden sei: „Aber das Haus muss sich über die Zeit bewähren, und man hätte alles natürlich auch ganz anders denken können.“