Letztes Update am Mi, 14.03.2018 09:21

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Mode

Was Männer ausziehen, näht sie um

Ein alter Anzug oder ein Herrenhemd ist für Cloed Priscilla Baumgartner die Basis für einen Neubeginn. Sie designt daraus Kleider, Blusen und Röcke für Frauen. Damit die hochwertigen Stoffe noch eine Chance und einen zweiten Sinn bekommen.

Designerin Cloed Priscilla Baumgartner trägt Bluse "Kati".

© Der FritzDesignerin Cloed Priscilla Baumgartner trägt Bluse "Kati".



Von Andrea Wieser

Auf den ersten Blick trägt Cloed Priscilla Baumgartner ein blaues Top. Auf den zweiten Blick sieht man die unüblichen Knopfleisten. Beim dritten Hinschauen dämmert es dem Betrachter: Die Ärmel erinnern an ein Herrenhemd. Erraten. Genau das ist das Oberteil namens „Kati“ nämlich einmal gewesen.

Wer ein Kleidungsstück von „Milch“, dem Wiener Label der 46-Jährigen, kauft, bekommt Bekleidung, die einst Männer angezogen haben. Baumgartner und ihr Team kreieren Mode aus Anzügen und Herrenhemden.

Jacke "Bruno" war einmal eine Hose.
Jacke "Bruno" war einmal eine Hose.
- Mia Feline

Und genau jenen Moment, wenn wieder eine Kundin so etwas sagt wie „Ach schau, das war ja eine Hose“, den liebt Baumgartner. „Für mich ist das der Genuss des Wiedererkennens“, sagt die Kreative, die neben ihrer Tätigkeit bei „Milch“ an der „New Design University St. Pölten“ unterrichtet.

Die gebürtige Schweizerin, die in ihrer Kindheit kurzfristig auch in Innsbruck lebte und dort aufs Reithmanngymnasium ging, ist eine Frau mit Unternehmergeist. In Wien hat sie neben „Milch“ auch die Webseite „Lieblingsbrand“ und die Verkaufsmesse „Modepalast“ gegründet.

Das Kragenkleid schaffte es nach Basel ins Museum der Kulturen.
Das Kragenkleid schaffte es nach Basel ins Museum der Kulturen.
- Mirjana Rukavina

Die Geschichte von „Milch“ hat schon vor 20 Jahren begonnen. Da ist Baumgartner in einem Atelier eigentlich zufällig über einen Stapel alter Herrenhosen gestolpert. Das Schneidern war ihr schon, seit sie als Kind an Mamas Nähmaschine experimentieren durfte, ein Anliegen. Und so wagte sie sich an den guten Stoff.

„Grundsätzlich sind gerade Herrenhosen sehr hochwertig gemacht“, meint Baumgartner. Und in der Regel auch gut erhalten. „Sie sind die einzigen Kleidungsstücke, die wir nicht in die Waschmaschine stecken können.“

Baumgartner zerpflückte die Hosen und entwickelte Schnittmuster für neue Damenbekleidung. So entstand das erste Stück, viele weitere folgten. Und ihr gelang das Kunststück, an dem in der Regel viele Upcycling-Projekte scheitern: Sie schaffte es, Kollektionen zu entwickeln, die tatsächlich in Serie produziert werden und somit im Online-Shop ( www.milch.tm/shop ) zu leistbaren Preisen vertrieben werden können. Die Hemdbluse „Kati“ kostet zum Beispiel 66 Euro.

Zwei Tonnen Kleidung kauft Baum­gartner jährlich der Volkshilfe ab. Der Stoff wird heiß gereinigt und umgenäht, teils in Wien, teils im Waldviertel. Auf faire Arbeitsbedingungen und nachhaltige Produktionsweise wird großer Wert gelegt – das versteht sich bei so einem Projekt von selbst.

Dass hier Männerkleidung für Frauen neu genäht wird, hat für Baumgartner noch einen weiteren Aspekt. Es geht nicht nur um das Recyclen des Materials, sondern auch um eine neue Bedeutung: „Herrenanzüge sind Insignien der Macht. In welchen wichtigen Meetings war die Kleidung schon dabei?“

Dass das zweite Leben dieser Anzüge nun so weiblich ist, ist quasi auch eine stilvolle, textile Machtübernahme.