Letztes Update am Mi, 23.05.2018 15:30

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Fertighäuser

Bauen, ohne zu buggeln

2017 war jedes fünfte neue Einfamilienhaus in Tirol ein Fertighaus. Ein Trend, der erst begonnen hat.

© Roland MühlangerEigentlich wollte Barbara Hohlrieder nicht weg aus Kufstein, aber eine Vier-Zimmer-Wohnung war für sie unerschwinglich. Dann besann sich Ehemann Hannes darauf, dass es in der Verwandtschaft Baugrund gibt – in der Wildschönau.



Schaffe, schaffe Häusle baue. Das Mantra der Schwaben ist auch den Tirolern nie fremd gewesen. Arbeiten, Sparen, Familie gründen und sich dann mit viel Eigenleistung und noch mehr Herzblut ein Heim bauen, so wollte es der Lebensplan. Die Freizeit bleibt am Bau hängen, Wochenenden sowieso. Man hilft sich im Freundeskreis. Bei der Firstfeier wird das Bauglück dann ordentlich begossen. My home is my castle.

Nach wie vor hegen viele den Wunsch nach den eigenen vier Wänden samt Carport und Rasenmähroboter. Doch die Realität hat den schwäbischen Leitspruch über die letzten Jahre amputiert. Außer „schaffe, schaffe“ bleibt da meistens nicht viel übrig, schon gar keine Zeit. Astronomische Grundstücks- und auch Wohnungspreise führen dazu, das man den Traum vom Eigenheim gleich auf den Mond schießen kann. Glücklich ist, wer sich noch einen Baugrund leisten kann, noch glücklicher jener, der einen von den Eltern bekommt.

Selbst zu bauen geht sich aber oft nicht mehr aus, weder zeitlich noch finanziell. Deswegen heißt es immer öfter: My castle is my Fertighaus. „Von den im Vorjahr rund 1200 gebauten Einfamilienhäusern in Tirol sind 240 Fertighäuser“ sagt Ewald Zadrazil, Geschäftsführer in Vertrieb und Marketing des Branchenprimus Elk. Jedes fünfte Haus also ein Fertighaus. Dabei ist Tirol das Schlusslicht. Über ganz Österreich gesehen ist jedes dritte 2017 neu gebaute Haus ein Fertighaus, in Niederösterreich beträgt der Anteil bereits 40 Prozent. Das hat die Beratungsfirma Interconnection Consulting erhoben, indem sie gut 30 Fertighausproduzenten befragt hat, von denen elf auch in Tirol tätig sind.

Ähnlich, aber nicht gleich

Mit dem Fertighaus-Boom verschwindet auch das Klischee vom „Haus von der Stange“ zusehends, wobei die Produzenten in den vergangenen Jahrzehnten auch nicht geschlafen haben: Qualität und die enthaltene Haustechnik haben einen Sprung gemacht. „Ein Fertighaus hält gleich lange wie ein massiv gebautes Haus, wenn man es pflegt. Jedes Haus muss man einmal renovieren“, sagt Zadrazil.

Tina Mutschlechner ist eine Wiederholungstäterin. Binnen acht Jahren hat sie ihr zweites Fertighaus in Kundl aufstellen lassen – und sie ist noch gleich begeistert wie bei der Premiere.
- Roland Mühlanger

Was das Design der Fertighäuser angehe, gebe es Spielraum genug, um diese individuell zu gestalten – von der Fassade, Fenstern, Balkonen bis hin zu den Innenwänden. Alles eine Frage des Geldbörserls.

„Man kann auch eine Villa um 500.000 Euro haben.“ Funktionalität sei den Kunden aber grundsätzlich wichtiger, als sich vom Nachbarn abzuheben – und da gebe es Muster. Je mehr man sich an das 08/15-Modell hält, umso billiger kommt man davon. Das Elk-Haus, Pure Living 2 mit 96 Quadratmetern Wohnfläche, ist etwa bereits für 159.900 Euro zu haben – schlüsselfertig.

Faktor Zeit, Nerven und Geld

Einer, der mit dem Bau von Fertighaus und Massivbauweise mehrfach Erfahrung hat, ist der Absamer Bernhard Schock. „Ich könnte ein Buch darüber schreiben“, sagt er. Bei der Wahl eines Fertighauses schätzt Schock, dass er sich mit Bürokratie und baubehördlichen Angelegenheiten nicht herumschlagen muss. Die Anbieter erstellen den Einreichplan, damit ist eine Vielzahl an Auflagen bei diversen Ämtern erfüllt. „Das spart Nerven und Zeit“, findet Schock.

Ein „Riesen-Irrtum“, dem viele Fertighaus-Käufer aufsitzen würden, sei aber das Thema Kostensicherheit. „Der Vertrag wird vor der Bemusterung unterschrieben.“ Bei der Bemusterung wird von den Regenrinnen über die Jalousien bis zur Kloschlüssel die Ausstattung ausgesucht. Man müsse schon konsequent sein, um nicht vom – im Kaufpreis enthaltenen – Standard abzuweichen. „Wenn du die Auswahl zwischen zwei Laminat-Böden im Standard, einem mittleren Parkett und einem hochwertigen Parkett mit Aufpreis hast, was nimmst du? Mit dem Essen kommt der Appetit, sagt man so schön.“

Ruckzuck werden die im Werk bereits vorgefertigten Module des Hauses angeliefert und montiert.
- THH

Zum finanziellen Super-GAU würde es mit einem Fertighaus aber nicht kommen, beschwichtigt Zadrazil. „Wir bieten Kostensicherheit, weil es z. B. nicht passiert, dass plötzlich eine Zufahrt gebaut werden muss, an die niemand gedacht hat.“

Beim Silzer Unternehmen „Tiroler Holzhaus“, das jedes Jahr ungefähr 60 Häuser verkauft, kann man sich aussuchen, wann man den Vertrag unterschreibt – vor oder nach der Bemus­terung, wie Vertriebsleiter Georg Pohl sagt. Die Silzer hätten zwar auch Standardmodelle, aber mehr zur Inspiration für Kunden, die wenige Vorstellungen mitbringen. Es stehen Architekten zur Verfügung, mit denen man das Traumhaus planen kann, das dann von Zimmerern in Silz angefertigt und mit lokalen Firmen aufgestellt und bezugsbereit gemacht wird.

Aufstocken als Lösung

Billiger als ein Massivhaus kommt solch ein Holzhaus aber nicht wirklich. Ab Oberkante der Bodenplatte beträgt der Preis im Durchschnitt 2500 Euro pro m². Doch mit Schnelligkeit werden Punkte gemacht. In einem halben Jahr steht das Haus fixfertig da. Einen Vorteil erkennt Pohl darin, dass „Tiroler Holzhaus“ Lösungen für Aufstockungen und Zubauten bietet. Denn damit tun sich Fertighaus-Erzeuger noch schwer, wie Zadrazil einräumt.

Dies dürfte einer der Gründe dafür sein, warum Tirol bei den Fertighäusern Rest-Österreich hinterherhinkt. Aufgrund hoher Grundpreise stockt man das Elternhaus auf. Aber auch wenn viele mit den eigenen Händen bauen wollen, sind sich die Produzenten einig: Der Trend zu Fertighäusern nimmt erst Fahrt auf. (There sa Mair)

Fertighäuser

Das typische Fertighaus hat ein Walmdach, einen Wohnraum mit Küche im Erdgeschoß, ein Gästebad beim Eingang, um dem Hund die Pfoten zu putzen. Im Obergeschoß liegen Schlafzimmer, Schrankraum und Kinderzimmer.

Fertighäuser werden in verschiedenen Ausführungen geliefert: als Ausbauhaus, belagsfertig mit Installationen, Türbeschlägen, usw. aber ohne Böden. Der Trend geht zum picobello geputzten schlüsselfertigen Haus.

Während der Bau eines massiven Hauses Jahre dauern kann, ist ein Fertighaus in wenigen Monaten bezugsfertig. Gerade Häuslbauer, die nebenher Miete bis zum Einzug bezahlen müssen, können so Kosten sparen.

Fertighäuser sind aus Holz gebaut und ihr Feind ist die Feuchtigkeit. Steht das Holz nicht trocken, fault es binnen weniger Jahre. Mit einem Betonsockel, auf den das Haus gestellt wird, kann man Schäden vermeiden.