Letztes Update am Mo, 25.02.2019 08:58

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Mode gegen Tierleid: Dem Pelz wird auf den Pelz gerückt

Victoria Beckham setzte als nächste Designerin ein Zeichen und verzichtet künftig auf Pelz und exotische Tiermode. Die Liste prominenter Modeschöpfer, die sich bereits zu diesem Schritt entschieden haben, ist lang. Über die Sinnhaftigkeit dieser Maßnahme wird gestritten. Kunstpelz sei keine Alternative.

Demonstrationen gegen den Einsatz von Pelz.

© AFPDemonstrationen gegen den Einsatz von Pelz.



Von Manuel Lutz

Eine haarige Angelegenheit, diese Pelzdiskussion. Immer mehr Designer verbannen die Tierhaare aus ihrem Sortiment. Was Umweltschützer jubeln lässt, bringt andere Designer sowie Kürschner zum Haare-Raufen. Zuletzt verkündete etwa Victoria Beckham, künftig auf Pelz und Tiermode zu verzichten. Damit entspreche sie den Wünschen ihrer Kunden nach tierfreundlichem Konsum. Die Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“ sieht in dem Verzicht eine „wichtige Botschaft“. Sind die Alternativen wie zum Beispiel Kunstpelz jedoch so viel besser?

„Es war mir immer sehr wichtig, keinen echten Pelz zu verwenden. Es gibt qualitativ sehr gute Fellimitationen.“ Rebekka Ruétz , 
Tiroler Designerin
„Es war mir immer sehr wichtig, keinen echten Pelz zu verwenden. Es gibt qualitativ sehr gute Fellimitationen.“ Rebekka Ruétz , 
Tiroler Designerin
- dpa-Zentralbild

Nerz ist nicht mehr im Trend

Beckham folgt mit ihrer Entscheidung einigen anderen Kollegen der Luxusklasse wie etwa Chanel, Burberry, Jean-Paul Gaultier, Armani, Versace, Ralph Lauren, Vivienne Westwood oder Stella McCartney.

Ob der Hintergrund eine Marketingstrategie ist, der Druck generell zu groß wurde oder Tierliebe dahintersteckt, kann „Vier-Pfoten“-Wildtierexperte Thomas Pietsch zwar nicht pauschal beantworten, dennoch ist der Trend erfreulich: „Mit Sicherheit gibt es viele Unternehmen, die wirklich umweltfreundlich sein wollen. Diese sind dann oft in vielen Bereichen Vorreiter wie bei Biobaumwolle oder strikten Schadstoffgrenzwerten. Ein Beispiel ist die deutsche Otto Group. Mehr Nachhaltigkeit ist aber auch ein Megatrend bei vielen Konsumenten.“ Dieser Wunsch wiederum erhöhe den Druck auf die Unternehmen.“

Ein wenig anders sieht das Ganze der Innsbrucker Kürschnermeister Reinhard Rauter: „Wir alle essen Fleisch, auch unsere Haustiere. Leder und Pelz sind dabei ein Nebenprodukt, das man entsorgen oder verwerten kann.“

Den Geschäftsmann aus Pradl ärgern aber auch die Kampagnen von Tierschützern und Tierschutzorganisationen – und die nicht ganz ehrlich geführte Diskussion: „Jeder von uns trägt doch Lederschuhe, Lederjacken, Gürtel und Lederhosen. Dann dürften wir auch kein Leder mehr dafür verwenden.“

„Jeder trägt Lederschuhe und Lederjacken. Dann dürften wir auch kein Leder dafür verwenden.“ Reinhard Rauter, Kürschner
„Jeder trägt Lederschuhe und Lederjacken. Dann dürften wir auch kein Leder dafür verwenden.“ Reinhard Rauter, Kürschner
- Foto TT / Rudy De Moor

Den Tierschützern stößt vor allem die Zucht der Wildtiere auf Pelzfarmen sauer auf. „Die Haltung ist für die Tiere eine Tortur und schon ewig gleich. Im Jahr 1999 gab es eine empfohlene Größe für Käfige, seither wurden die nicht größer. Es ist eine Legebatterie für Nerze und Füchse“, spricht Pietsch die Problematik an.

Dabei sei Nerz am heimischen Markt schon lange nicht mehr so gefragt wie einst. Bei Reinhard Rauter etwa bestehen lediglich fünf Prozent der verkauften Produkte aus Nerz – um einen Nerzmantel in seinem Geschäft zu zeigen, musste Rauter sogar kurz auf die Suche gehen. Den Rückgang bestätigt auch Pietsch: „In den letzten fünf Jahren hat sich die Anzahl der Nerze in Mittel- und Nordeuropa verringert, dafür sieht man mehr Fuchs- und Marderpelze. Dennoch ist der Nerz bei Fellen immer noch die häufigste Tierart.“

Rauter bringt allerdings noch ein weiteres Argument ins Spiel: „Auch im Alpenzoo sitzen ein Adler oder ein Otter in einem viel zu kleinen Gehege. Und reden wir nicht von den Hühnern. Das ist ebenfalls ,Massenproduktion‘ – das Kilo kostet oft nur 1,90 Euro – müssen wir das essen? Bei den Eiern interessiert das Tierwohl auch nur wenige Konsumenten.“

Jean Paul Gaultier: Der französischer Modeschöpfer entschied sich im November gegen Echtpelz.
Jean Paul Gaultier: Der französischer Modeschöpfer entschied sich im November gegen Echtpelz.
- AFP

Die Modewelt ist gespalten – setzt ein Teil der Firmen schon auf Kunstpelz, greifen andere Designer vermehrt zu Kaninchen, Waschbär und Fuchs. Tirols derzeitiges Aushängeschild im Fashionsektor, Rebekka Ruétz, hat sich von der ersten Stunde an gegen Tierhaare entschieden: „Es war mir immer schon sehr wichtig, keinen echten Pelz zu verwenden, vor allem, da es heutzutage so viele Angebote für qualitativ sehr gute Fellimitationen gibt. Meiner Meinung nach ist es vom Design und der Haptik her nicht mehr notwendig, auf echten Pelz zurückzugreifen.“

Wenn Rauter das Wort Kunstpelz hört, stellt es ihm hingegen die Haare auf. „Kunstpelz ist Plastik und daher nicht verrottbar. Warum gehen wir denn vom Plastiksack weg? Sollen wir nun statt Leder nur noch Plastik tragen?“, liefert der seit 40 Jahren im Geschäft tätige Unternehmer Argumente gegen das künstliche Pendant des Fells.

Giorgio Armani: Der Italiener verzichtet seit fast drei Jahren auf echten Pelz in seinen Kollektionen.
Giorgio Armani: Der Italiener verzichtet seit fast drei Jahren auf echten Pelz in seinen Kollektionen.
- Reuters

Tiroler mögen Fellbommel

Tiere, die in Käfigen für die Pelzproduktion gezüchtet werden, sind das eine. Allerdings werden in vielen Teilen der Welt auch noch Tiere aus der freien Wildbahn für die Pelzgewinnung gejagt. Zum Entsetzen der Experten: „Eine bekannte Firma nützt Kojotenfell für ihre Jacken. Die Tiere werden oft mit grausamen Fallen gejagt. Darin gefangen sterben sie nicht sofort, sondern quälen sich über Stunden oder sogar Tage bis zum Tod. Andere verlieren eine Pfote, entkommen zwar, aber sterben später. Zudem gehen auch nicht gejagte Lebewesen in die Falle.“

Giorgio Armani: Der Italiener verzichtet seit fast drei Jahren auf echten Pelz in seinen Kollektionen.
Giorgio Armani: Der Italiener verzichtet seit fast drei Jahren auf echten Pelz in seinen Kollektionen.
- imago stock&people

Dass es sich bei den auf vielen Mützen befindlichen Bommeln und Pelzen an Jacken auch oft um Echtpelz handelt, ist vielen Personen jedoch nicht bewusst: „Aus Tierschutzsicht hat Kunstpelz neben der Umweltwirkung noch den Nachteil, dass er echtem Pelz inzwischen manchmal zum Verwechseln ähnlich sieht“, sagt Pietsch. Doch wie erkennt man den Unterschied? Ein Tipp: Wird leicht über den Pelz gepustet, legt sich das dicke Deckhaar bei echtem Fell zur Seite. Kunsthaar ist hingegen starrer und unbeweglicher.

In Innsbruck sind die Fellbommel dennoch ein beliebtes Accessoire, allein in Rauters Pelzsalon werden jährlich 600 Stück verkauft. Aus einem Waschbären können zwölf bis 13 Bommel erzeugt werden.

Einigkeit herrscht jedoch in einem Punkt. Wenn ein Nutztier, wie z. B. ein Lamm, artgerecht gehalten wird und Leder sowie Fell verwendet werden, herrscht Akzeptanz. „Das ist noch am ehesten vertretbar“, äußert sich Pietsch. Ruétz holt noch weiter aus: „Wenn das Tier schon gestorben ist, wäre es sinnlos, das Nebenprodukt nicht zu verwenden. Das sollte aber kein Freibrief für Massentierhaltung sein.“

Victoria Beckham setzte als nächste Designerin ein Zeichen und verzichtet künftig auf Pelz und exotische Tiermode. Die Liste prominenter Modeschöpfer, die sich bereits zu diesem Schritt entschieden haben, ist lang.
Victoria Beckham setzte als nächste Designerin ein Zeichen und verzichtet künftig auf Pelz und exotische Tiermode. Die Liste prominenter Modeschöpfer, die sich bereits zu diesem Schritt entschieden haben, ist lang.
- istock

Die Nachfrage nach Pelz wird es wohl immer geben. Aus Tierschützersicht sei ein schrumpfendes Angebot wichtig. Eine Tatsache stört: „Pelz ist in der EU sehr schlecht gekennzeichnet und viele Verbraucher wissen nicht, was sie kaufen“, sagt Pietsch. Von Verhältnissen wie in San Francisco kann er daher nur träumen. Dort ist seit Anfang des Jahres der Handel mit Pelz verboten. „Klar wäre so ein Verbot auch in Österreich super. In Amsterdam gibt es immerhin eine pelzfreie Einkaufstraße, die Stadt Wien hat den Verkauf von Echtpelz auf vielen Wochenmärkten untersagt“, freut sich Pietsch.

Auch im Falle eines Verbots sollen dennoch die Pelze nicht zerstört werden, wie Ruétz findet: „Die sollten mit Respekt gegenüber den Tieren, die dafür gestorben sind, behandelt werden.“ Reinhard Rauter geht zumindest vorerst die Arbeit nicht aus: „Wir haben fast 3000 Kunden.“ Mäntel würden z. B. laufend umgearbeitet und beispielsweise zu Decken gefertigt.

Uneinigkeit herrscht bei der Verarbeitung von Pelz: Während laut Pietsch giftige Chemikalien verwendet werden, stellt Rauter klar: „Die Gerberei hat so hohe Auflagen, es ist noch nie ein Gerber gestorben. Die Herstellung von Jeans ist für die Gesundheit allerdings wirklich gefährlich.“




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