Letztes Update am So, 10.03.2019 07:07

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Fasten-Selbstversuch: Ein Frühjahrsputz speziell für die Zellen

Fasten hat wieder Hochsaison, sei es aus religiösen Gründen oder mit vorausschauendem Blick auf die Bikinisaison. Laut Forschern hilft Fasten auch, alt zu werden, ohne sich alt zu fühlen. Zeit für einen Selbstversuch.

Keine Weltreligion, in der nicht gefastet wird. Die kichliche Fastenzeit hat am Aschermittwoch begonnen und dauert 40 Tage. Heute steht beim Fasten meist das Abnehmen im Vordergrund.

© iStockKeine Weltreligion, in der nicht gefastet wird. Die kichliche Fastenzeit hat am Aschermittwoch begonnen und dauert 40 Tage. Heute steht beim Fasten meist das Abnehmen im Vordergrund.



Von Silvana Resch

Wenn der Magen knurrt, freut sich der Molekularbiologe Slaven Stekovic. Daran versuche ich mich am Aschermittwoch wieder aufzurichten. Von früh bis spät nur Wasser und Kaffee beziehungsweise grüner Tee, freilich ohne Zucker und Süßstoff.Der richtige Tag für einen Fasten-Selbstversuch, schließlich bin ich heute mit meinem Vorhaben nicht allein, die kirchliche Fastenzeit hat begonnen.

„Ewig jung bleiben ist auch mit Fasten nicht möglich. Aber es hilft, gesund älter zu werden.“
Slaven Stekovic (Molekularbiologe, Autor)

Stekovic fastet aber nicht aus religiösen Gründen oder weil er überschüssige Kilos loswerden will. Er hofft vielmehr auf den „Jungzelleneffekt“. Unter diesem Titel hat der Forscher, der sich dem Thema „Langlebigkeit“ verschrieben hat, gerade ein Buch herausgebracht. Ein Risiko birgt der Selbstversuch nicht: Ein, zwei Tage Fasten können einem „gesunden Erwachsenen nicht schaden“, so Alexander Höller, Diätologe an der Klinik Innsbruck.

110 Jahre altes Vorbild

Stekovic hat Vorbilder in der Verwandtschaft: Seine kroatische Urgroßmutter wurde 110 Jahre alt. Für gläubige Christen galt früher nicht nur die 40-tägige Fastenzeit. Traditionell war am Mittwoch, der Tag, an dem Jesus von Judas verraten wurde, und am Freitag, der Tag der Kreuzigung, Essen tabu.

Die Uroma musste diese Fasttage wohl oder übel einhalten, es gab schlicht nicht genug Essen für alle. Die Männer benötigten Kalorien für die harte Feldarbeit, Kinder und Jugendliche waren grundsätzlich vom Fas­ten ausgeschlossen – so viel war bereits damals klar. Das gilt ebenso für Schwangere und meist auch für kranke Menschen. Diese sollten zuvor einen Arzt konsultieren, so Höller.

Göttliches Gebot: Der heilige Fastenmonat Ramadan verschiebt sich nach dem islamischen Mondkalender jedes Jahr um ca. zwei Wochen. Bis Sonnenuntergang wird auf Essen, Trinken, Rauchen und Sex verzichtet. Kranke, Schwangere und Kinder sind ausgenommen.
Göttliches Gebot: Der heilige Fastenmonat Ramadan verschiebt sich nach dem islamischen Mondkalender jedes Jahr um ca. zwei Wochen. Bis Sonnenuntergang wird auf Essen, Trinken, Rauchen und Sex verzichtet. Kranke, Schwangere und Kinder sind ausgenommen.
- AFP

Zellulären Müll loswerden

Für die Ahnin habe sich der Verzicht ausgezahlt, glaubt Stekovic. Unser Körper verfügt nämlich über eine „Müllabfuhr“: Autophagie, vom Forscher „Jungzelleneffekt“ genannt, lässt sich als Zellreinigung beschreiben. Der Mechanismus setzt unter anderem dann ein, wenn der Körper für eine gewisse Zeit keine Nahrung kriegt. „Autophagie wird nach ca. 16 bis 20 Stunden aktiviert“, so der Forscher. Beschädigte oder nicht mehr benötigte Zellbestandteile werden abgebaut und verwertet. Autophagie heißt so viel wie „sich selbst fressen“. Ist dieser Recyclingprozess gestört, kann die Funktionsweise der Zellen beeinträchtigt werden. Was mit Demenz, Diabetes oder Krebs in Verbindung gebracht wird.

Stekovic selbst verzichtet schon seit einigen Jahren einen Tag pro Woche auf Nahrung: „Ich habe zu Forschungszwecken damit begonnen, mittlerweile ist es für mich zum wichtigen Ritual geworden.“ In der „Eingewöhnungsphase“ könnten Kopfschmerzen auftreten, die positiven Effekte würden es wieder wettmachen: „Bei manchen Personen kommt es zu einer Blutdrucksenkung, es wirkt sich auch auf die Herzgesundheit positiv aus. Mehrere Studien zeigen zudem eine positive Veränderung von verschiedenen Blut- und Fettwerten, insbesondere eine Senkung des Cholesteringehalts.“ Neben einer Gewichtsreduktion würde auch die Schlafqualität steigen. „Ich habe generell bessere Laune“, schwärmt Stekovic.

Schwarzer Kaffee statt essen

Davon bemerke ich, zwei Liter grünen Tee später, definitiv nichts. Ab 13 Uhr macht sich eine gewisse „Ungeduld“ mit meinen Mitmenschen breit. Immerhin kein Kopfschmerz.

Ein schwarzer Kaffee, wie von Stekovic empfohlen, hebt die Stimmung. Ich werde nicht zur Fastenbrecherin. Richtig gute Laune wird sich aber erst wieder am nächsten Morgen beim Frühstück einstellen. Da ist es dann auch egal, dass offensichtlich nicht jeder mit leerem Magen (gut) schlafen kann.

Fasten am Feiertag: Im Judentum wird an mehreren religiösen Feiertagen gefastet, das heißt kein Essen, Trinken, Rauchen und Sex. Wichtigster Feiertag ist Jom Kippur, der „Tag der Versöhnung“. Auch auf Arbeit und Körperwäsche wird an diesem Tag verzichtet.
Fasten am Feiertag: Im Judentum wird an mehreren religiösen Feiertagen gefastet, das heißt kein Essen, Trinken, Rauchen und Sex. Wichtigster Feiertag ist Jom Kippur, der „Tag der Versöhnung“. Auch auf Arbeit und Körperwäsche wird an diesem Tag verzichtet.
- APA (AFP)

Fasten als Modeerscheinung

Stekovics Methode wird als „Intervallfasten“ bezeichnet. Es ist der Ernährungs-Modetrend der Stunde, bestätigt Diätologe Höller. „Fasten ist ein Thema, das alle Jahre wieder in die Zeitungen kommt. Einmal steht die Low-Carb-Diät hoch im Kurs, einmal heißt es, wenig Fett essen.“

Weg der Mitte: Enthaltsamkeit, das heißt auch weniger Nahrung, dient im Buddhismus als Meditationsvorbereitung. Mönche fasten,
 indem sie ab Mittag nichts mehr essen.
Weg der Mitte: Enthaltsamkeit, das heißt auch weniger Nahrung, dient im Buddhismus als Meditationsvorbereitung. Mönche fasten,
 indem sie ab Mittag nichts mehr essen.
- APA

Im Gegensatz etwa zum so genannten Basen-Fas­ten, das jeder wissenschaftlichen Grundlage entbehre, gebe es aber tatsächlich Hinweise auf positive Auswirkungen des Intervallfastens aus dem Bereich der Grundlagenforschung. „Um die Methode generell zu empfehlen, ist es aber zu wenig“, so Höller. Das Problem sei, dass die Abbruchrate bei etwa 40 Prozent liege. „In der Praxis lässt sich Intervallfasten nur schwer durchhalten, der Fastende hat aber schon bald seinen Grundumsatz reduziert und so kann es zu einem Jo-Jo-Effekt kommen.“ Auch Stekovic rät zu Achtsamkeit: „Man sollte beobachten, wie der Körper reagiert und im Fall die Fastenzeit verkürzen oder seltener auf Essen verzichten.“

Für das Intervallfasten gibt es mehrere Rezepte. Der Verein für Konsumenteninformation setzt sich im aktuellen Konsument ausführlich mit dieser „Alternative zur Diät“ auseinander. Die hier beschriebene Variante – einen Tag normal zu essen und ab dem Abendessen bis zum Frühstück am übernächsten Tag zu fasten, ist indes weniger schwierig als gedacht. Aber doch auch strapaziös: leichter Schwindel, Müdigkeit, Raubtier-ähnlich aufbrandende Hungergefühle. Dafür aber später am Tag auch ein Gefühl der Leichtigkeit, eine Art euphorisches Kribbeln. Kein Wunder, dass Moses das Wort Gottes empfing, als er fastete, ebenso wie Mohammed, dem fas­tend der Koran offenbart wurde.

Einfacher, als einen ganzen Tag lang nichts zu essen, ist die 16:8-Variante des Intervallfastens: Auf eine 16-stündige Fastenphase folgen acht Stunden, in denen normal gegessen wird. Das heißt, Frühstück oder Abendessen fallen aus.

Egal aber, ob Fasten oder Diät, Höller sieht einen möglichen Vorteil darin, dass es „der Einstieg in eine gesunde Lebensweise sein kann“. Körperliche Bewegung sei dafür ebenso wichtig wie eine abwechslungsreiche Kost, „am besten eine mediterrane Ernährungsweise, hochwertige Fette und Öle, z. B. gutes Olivenöl und Nüsse, fünfmal am Tag Obst und Gemüse, aber nur zweimal die Woche Fleisch“. Industriell verarbeitete Produkte sollte man meiden, je ursprünglicher, umso besser.

Länger leben durch Essen

Nicht nur Fasten, auch bestimmte Lebensmittel können Autophagie aktivieren, betont Stekovic. Das natürliche Polyamin Spermidin hält länger jung, das bestätigten unlängst auch Innsbrucker Forscher. Spermidin-reiche Lebensmittel sind zum Beispiel Nüsse, Äpfel, Weizenkeime, Broccoli, Karfiol, Pilze, Polenta oder gereifter Käse. Wer viel davon zu sich nehme, könne möglicherweise seine gesunde Lebensspanne verlängern. Da steigt doch gleich die Vorfreude aufs Mittagessen.