Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 20.03.2019


Lifestyle

Wenn Ziegen für den Pullover frieren

Zu viele Tiere, dazu schlechte Haltung: Die hohe Nachfrage nach Kaschmir sehen Tierschützer, aber auch Händler kritisch.

Die Kaschmirziegen leiden oft, wenn sie von Menschen gekämmt oder geschoren werden.

© Getty Images/iStockphotoDie Kaschmirziegen leiden oft, wenn sie von Menschen gekämmt oder geschoren werden.



Von Manuel Lutz

Innsbruck – Der Tragekomfort ist angenehm, das weiche Kaschmir schmiegt sich der Haut an. Das Jucken wie bei einem anderen Wollpullover gibt es nicht. Aus diesem Grund ist Kaschmirwolle seit Jahren eines der beliebtesten Materialien, hat sie neben dem angenehmen Gefühl am Körper doch noch viele andere Vorzüge vorzuweisen.

„Sie ist wärmeregulierend, Gerüche werden an der frischen Luft reguliert. Zudem ist Kaschmir viel feiner als Merinowolle“, schwärmt Jungunternehmer Matthias Gebauer. Seit knapp zwei Jahren ist der Tiroler der geschäftsführende Gesellschafter von Direct Cashmere. Die Liebe zur Luxuswolle hat der 27-Jährige seit seiner Kindheit: „Mich haben Wollpullover immer gejuckt. Die feinen Haare von Kaschmir hingegen rollen sich auf der Haut ab, daher sticht es nicht. Zudem hatte mein Vater schon einen Handel mit Tiroler Loden aus Kaschmir.“

Kaschmir ist also nicht umsonst so beliebt. Einst war es die Bekleidung der Reichen, ein Pullover kostete bis zu 600 Euro, wie sich Gebauer erinnert: „Die Unternehmen haben da ihre Margen draufgehaut und viele waren bereit, für dieses Luxusprodukt tief in die Tasche zu greifen.“

Dies änderte sich jedoch, als Kaschmir auch für die breite Masse „leistbar“ wurde. „Wir haben uns die Preise in Österreich angeschaut. Bei Peek & Cloppenburg kostet ein Cardigan aus Kaschmir zwischen 100 und 300 Euro. Wenn mit Merinowolle oder anderen Materialien gemischt wird, ist der Preis natürlich niedriger“, erklärt Nina Jamal von der Organisation „Vier Pfoten“.

Die Nachfrage geht bei niederen Preisen bekanntlich in die Höhe, die natürlichen Ressourcen bleiben jedoch die gleichen, wie Gebauer weiß: „Jedes Jahr können weltweit 15 Millionen Kaschmir-Pullover hergestellt werden. Alles, was darüber hinausgeht, ist mit Kaschmir gemixt und auch chemisch behandelt. Es werden wohl viermal so viele Kaschmirteile verkauft, wie von den Rohstoffen her eigentlich möglich wäre.“

Ein Punkt, der bei den Tierschützern für Stirnfalten sorgt. „Immer mehr Ziegen nehmen den Platz anderer Wildtiere ein und verdrängen die heimischen Lebewesen“, erläutert Jamal. Auch die Vorgehensweise, wie die Ziegen geschoren bzw. gekämmt werden, ist in den meisten Fällen nicht akzeptabel: „Die Kaschmirziege ist noch nicht lange domestiziert. Die Tiere sind gestresst, wenn man sie befestigt und sie geschoren werden“, weiß Jamal. Auch die Tatsache, dass in China und der Mongolei die Arbeit nicht nach Stunden bezahlt wird, kritisiert die „Vier Pfoten“-Expertin: „Die Mitarbeiter werden pro Kilo bezahlt, daher sind sie nur auf Schnelligkeit bedacht. Dabei können Tiere verletzt werden.“

Da Kunden mittlerweile Produkte aus fairer Haltung kaufen wollen, würden Firmen bereits reagieren. „Der Online-Händler ASOS war von den Tierschutzproblemen schockiert und hat 2018 öffentlich kommuniziert, kein Kaschmir mehr zu kaufen“, sagt Jamal.

Gebauer versteht dies: „Ich bin immer wieder mit Kunden konfrontiert, die wissen wollen, wie die Ziegen gehalten werden. In China z. B. werden die Ziegen oft mitten im Winter geschoren.“ Bei seinen Lieferanten schaut der Tiroler daher genau auf die Bedingungen. „Wir beziehen alles von Nomaden aus der Mongolei und wissen genau um die Verhältnisse Bescheid.“

Ein Rezept, das aufzugehen scheint. Gebauer: „Wir haben bislang 1700 Teile verkauft.“

Informationen und Zahlen zum weltweiten Kaschmir-Markt

Welches Tier liefert Kaschmirwolle? Eigentlich wird Wolle streng genommen dem Schaf zugeordnet. Kaschmir wird jedoch von Ziegen gewonnen. Dabei werden die feinen Unterhaare ausgekämmt.

Die Hauptproduzenten: China produzierte 2018 rund 60 % des Weltanteils an Kaschmir. So wurden 15.000 Tonnen hergestellt. Der Export von dehaired Kaschmir (reine Unterwolle getrennt vom Oberhaar) war 2000 Tonnen. Die Mongolei folgt mit 9400 Tonnen (509 Tonnen dehaired). Wie ent­wi­ckelt sich der Preis? Nach einem Tief 2016/17 steigen die Preise seit 2018 wieder.