Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 25.05.2019


Lifestyle

Tirolerin geht Schuh für Schuh um die Welt

Mit „Schmetterlingsschuhen“ machte Livia Kobayashi gerade bei einem Wettbewerb in Wien von sich reden. In Tirol erlernte die Halbjapanerin das Handwerk, in Sydney arbeitet sie jetzt.

Livia Kobayashi (32) fertigt seit eineinhalb Jahren in Sydney Schuhe für Musicalproduktionen.

© KobayashiLivia Kobayashi (32) fertigt seit eineinhalb Jahren in Sydney Schuhe für Musicalproduktionen.



Von Deborah Darnhofer

Innsbruck, Sydney – Die Gegensätze könnten scheinbar größer nicht sein. In Innsbruck fertigte sie „Gesundheitsschuhe“ mit gutem Fußbett an, in Sydney entwirft sie jetzt hochhackige Kreationen, die in allen Farben leuchten. Einlagen hier, Glitzer, Lack und Leder dort. Livia Kobayashi (32), die Tochter einer Tirolerin und eines Japaners, verbindet Gegensätzliches mühelos – und spielerisch.

„Schöne Schuhe können auch bequem sein“, sagt die kreative Schuhmacherin. In Innsbruck absolvierte sie die Lehre zur Orthopädischen Schuhmacherin. In Australien arbeitet sie nun seit fast eineinhalb Jahren in ihrem Traumberuf als Theaterausstatterin. Und nicht nur das.

Die Schmetterlingsschuhe entwarf Kobayashi für einen Wettbewerb.
Die Schmetterlingsschuhe entwarf Kobayashi für einen Wettbewerb.
- Livia Kobayashi

Vor wenigen Tagen flatterten spektakuläre Schmetterlingsschuhe mit gelben Flügeln in den Maileingang der TT. Mit den besonderen Tretern hat Kobayashi Ende April in Wien den zweiten Platz beim europaweiten Wettbewerb „Crazy Shoe Award 2019“ geholt. Es war nicht ihr erstes erfolgreiches Antreten, 2013 auf dem dritten Platz gelandet, hat sie noch zweimal teilgenommen (2014, 2016). Verrückte, bunte Schuhe haben es der 32-Jährigen angetan.

„Es macht so viel Spaß. Ich lasse mich dabei gerne von der Natur inspirieren und liebe Insekten“, erzählt Kobayashi in charmantem, leicht gebrochenem Deutsch. Per Internettelefonie erreichte sie die TT am anderen Ende der Welt. In Innsbruck, früh am Morgen, hatte die Schuhmacherin in Sydney gerade ihren Arbeitstag beendet.

Beim Erzählen über ihr zufällig entdecktes Handwerk und die folgende weltumspannende Reise kichert Kobayashi immer wieder verlegen. „Ich bin schüchtern und mag nicht vor vielen Leuten reden oder auf einer Bühne stehen“, gesteht die junge Frau mit dem gewinnenden Lächeln. Ihre zurückhaltende Art dürfte sie wohl von ihrem japanischen Vater haben. Ihre Mutter kommt hingegen aus Schwaz und ist nach Asien gezogen. Kobayashi verbrachte ihre Kindheit mit ihren zwei Brüdern in Tochigi, nördlich von Tokio. „Ich bin in einer kreativen Umgebung aufgewachsen. Meine Eltern sind Alt-Hippies“, scherzt die 32-Jährige, um gleich von ihrem Vater zu schwärmen. Talentierter Töpfer sei er, das Haus habe er gebaut und Tischlerarbeiten mache er.

Bequem und schön verbinden sich die Ideen beim Schuhwerk der 32-Jährigen.
Bequem und schön verbinden sich die Ideen beim Schuhwerk der 32-Jährigen.
- Livia Kobayashi

Ihre Mutter, gelernte Vergoldermeisterin und Kirchenrestauratorin, verwirklichte sich ebenfalls beim Töpfern. Derzeit produziert sie jedoch Biomarmelade und -säfte. Kobayashis jüngerer Bruder ist Zimmerer und Holzkünstler. Den Älteren hat es als Möbeldesigner nach London verschlagen. Auch die 32-Jährige zieht es 2009 in die weite Welt hinaus, um ein Handwerk für sich zu entdecken. Ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, reist die neugierige junge Frau zu Oma Helga nach Schwaz. „Anfangs konnte ich mich nicht mit ihr unterhalten und wurde traurig.“ Sechs Monate widmet sie sich der Sprache, dann bestreitet sie durch Zufall die ersten Schritte ihrer Karriere. „Ich wusste schon immer, dass ich etwas mit den Händen machen will. Ich wusste bis dahin nur nicht was.“

Bei einem Besuch von Eltern und Freunden kam die Eingebung auf leisen Schritten. „Sie wollten Waldviertler Schuhe kaufen. Im Geschäft ist mir ein Licht aufgegangen. Genau das möchte ich machen.“ Die Mutter schrieb sogleich einen Brief an Heini Staudinger und der lud Kobayashi zum Schnuppern nach Schrems ein. Eine Lehre als Schuhmacherin hätte sie im Waldviertel beginnen können. Die 32-Jährige entschied sich vor neun Jahren aber für Innsbruck und die Nähe zur Familie. Außerdem wählte sie Orthopädische Schuhmacherin, „damit ich breiter aufgestellt bin“.

Anfangs hatte Kobayashi jedoch jeden Tag mit Tränen zu kämpfen. „Die Lehre war so schwierig.“ Die neue Sprache entpuppte sich als größter Stolperstein. „Meine Familie hat mich viel unterstützt und beim Lernen geholfen“, verrät sie, „und ich wollte es unbedingt schaffen.“ Gesagt, getan. Von ihrem Ehrgeiz weiß auch ihr ehemaliger Chef, Toni Schuster, zu berichten. „Sie ist kreativ sehr begabt und hat alles mit einer solchen Begeisterung gemacht, war aber auch selbstkritisch. Sie hat immer geglaubt, es geht noch besser, dabei war es ohnehin perfekt.“ Kein Wunder also, dass Kobayashi 2014 – nach dreieinhalb Jahren – die Lehre mit Auszeichnung abgeschlossen hat. Nach drei weiteren Jahren in Schusters Orthopädie-Werkstatt in der Innsbrucker Müllerstraße folgte 2017 der Schritt über den großen Teich. Durch den „Crazy Show Award“ stieß Kobayashi auf ihren jetzigen Arbeitgeber.

Bei „Steppin’ Out by Jodie E. Morrison“ in Sydney stellt sie mit ihren Kollegen extravagante Modelle für internationale Theaterproduktionen her. Gerade haben sie glitzernde und glänzende Absatzschuhe für das Musical „Kinky Boots“ (dt. „Man(n) trägt Stiefel“) gefertigt. Jetzt beginnen die Vorbereitungen für eine Disney-Produktion, die Details sind geheim. Die Ideen gehen der Schuhmacherin aber sicher nicht so schnell aus.