Letztes Update am So, 21.07.2019 06:48

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Die Postkarte schickt sich auch nach 150 Jahren noch

Vom nüchternen Geschäftstext zum emotionalen Urlaubsgruß: Die Postkarte feiert heuer ihr 150-Jahr-Jubiläum. Wie es scheint, „schickt es sich“ auch im digitalen Zeitalter noch.

Das Goldene Dachl wird in alle Welt verschickt.

© Thomas Boehm / TTDas Goldene Dachl wird in alle Welt verschickt.



Von Judith Sam

Die meisten Unternehmer träumen davon, wenigstens annähernd so viel Erfolg zu haben wie Emanuel Herrmann. Die Erfindung des Klagenfurters wurde bereits in den ersten Tagen nach der Markteinführung 1,4 Millionen Mal verkauft.

„Damals, im Jahr 1869, hinterfragte Herrmann, warum man für die Übermittlung weniger Worte ebenso viel zahlen muss wie für die eines mehrseitigen Briefs. Kurzum schlug er der Postverwaltung vor, die so genannte Correspondenzkarte ins Sortiment aufzunehmen. Eine Karte mit aufgedruckter Zwei-Kreuzer-Marke, deren Inhalt jedermann lesen konnte“, sagt Michael Homola, Pressesprecher der Österreichischen Post.

Was für ein dreister Vorschlag! War es doch Tradition, Nachrichten nur gut verborgen vor fremden Blicken in verschlossenen Kuverts zu verschicken. Am besten noch mit Wachssiegel geschützt.

„Doch Herrmann ging es darum, lediglich Informationen wie ,Ware eingelangt. Danke‘ zu übermitteln“, sagt Homola. Ähnlich unspektakulär war die Design­idee des Ökonomen für seine Correspondenzkarte: Auf der Vorderseite gab es Platz für die Anschrift, auf der Rückseite für den Text. Von Grafiken, Farben oder gar Fotos keine Spur. Nur eines durfte nicht fehlen: Ein Schriftzug, der besagte, dass die Postanstalt keine Verantwortung für den geschriebenen Inhalt übernimmt. Außerdem stand die Überlegung im Raum, man dürfe nur 20 Wörter pro Karte schreiben. Der wurde jedoch verworfen, weil die Beamten mit dem Zählen nicht nachgekommen wären.

Während sich die Post mit der Erfindung erst anfreunden musste, kam sie bei den Österreichern – und wenig später in aller Welt – umso besser an. Um das Jahr 1900 wandelte sich die Postkarte vom nüchternen, geschäftlichen Zweck hin zum bunten, emotionalen Gruß. Neue Druckverfahren ließen eine ungeahnte Farben- und Formenvielfalt zu. Auch mit Materialien wurde experimentiert. Ob Herzformat, 360-Grad-Aufnahme, gestanzt, parfümiert oder gar versehen mit Technikspielerei, sodass die Karte singt, sobald man sie berührt.

Heuer feiert die Postkarte ihr 150-Jahr-Jubiläum. Da stellt sich die Frage, ob sie im Zeitalter digitaler Konkurrenz wie WhatsApp überhaupt noch eine Daseinsberechtigung hat. Die Zahlen sprechen jedenfalls dafür: „In den Sommermonaten treffen täglich 20.000 bis 25.000 Karten aus aller Herren Länder in Österreich ein.“ Diese Zahl kann Homola allerdings nur schätzen: „Zu Herrmanns Zeiten waren Karten billiger als Briefe. Doch vor 20 Jahren wurden die Tarife angeglichen. Darum unterscheiden unsere Postsortiermaschinen heute nicht, ob es sich um einen Brief oder eine Postkarte handelt.“

Die Zahl der Karten, die innerhalb Österreichs verschickt werden, ist deutlich geringer. Christina Zimmermann-Purner – Geschäftsführerin des Rumer Kunstverlags TKV Chizzali, der rund 3000 Karten-Motive im Angebot hat, geht davon aus, dass hierzulande jährlich sechs Millionen Postkarten gekauft werden: „Ein wenig mehr als früher. Wobei längst nicht jede davon aufgegeben wird. Manche dienen als Souvenir, andere hängen an Pinwänden, um das Büro zu verschönern.“ Besonders gefragt sind Kartenmotive, die der Tourist so selbst gesehen hat. Das Goldene Dachl ist am beliebtesten – aus einer Perspektive, als würde man davorstehen. Kreative Blickwinkel, wie etwa vom Stadtturm auf das Dachl, sind Ladenhüter.

Es „schickt sich“ also noch. Auch in Zeiten vom SMS und Mails. Die Post hat auf die modernen Einflüsse reagiert und Tradition mit Moderne verschmolzen: „Daraus entstand eine Postkarten-Handy-App. Für 1,99 Euro pro Karte kann man unterwegs Bilder am Smartphone schießen, in eine virtuelle Postkarte einbauen, Text ergänzen und an unsere Server schicken. Anschließend drucken wir dieses Werk in Standardgröße aus und stellen es zu.“ Postmoderne Aktion quasi.

Ob Ansichtskarte mit Goldenem Dachl oder individuellem Selfie – der Adressat dürfte sich über beide Varianten freuen. Hauptsache, er findet einen bunten Akzent im Briefkasten – wo sich sonst ohnehin nur Rechnungen und unpersönliche Reklame tummeln.