Letztes Update am So, 11.08.2019 07:27

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Tattoos: Die Zeichen der Zeit lassen sich nicht mehr verstecken

Hier ein Spruch, dort ein Motiv: Gerade im Sommer sind Tattoos unübersehbar.Und es werden immer mehr. Sind sie in vielen Berufen kein Problem, müssen sie in anderen nach wie vor verdeckt werden. Zeit, die Ärmel hochzukrempeln.

Oberstleutnant Manfred Prantl, „Food-& Beverage“-Manager Thomas Lenzi, Radiologe David Ostoverschnig und Croupier Marco Skorjanc.

© Thomas Böhm/Vanessa Rachle/TTOberstleutnant Manfred Prantl, „Food-& Beverage“-Manager Thomas Lenzi, Radiologe David Ostoverschnig und Croupier Marco Skorjanc.



Von Deborah Darnhofer

Seefahrer und Häftlinge. Früher war die Gruppe der tätowierten Menschen eine kleine, die Vorbehalte gegen sie aber umso größer. Mittlerweile hat es sich — fast — in das komplette Gegenteil gekehrt. Unter vielen Hemden, Blusen und T-Shirts lugen Tattoos hervor. Jeder vierte Österreicher soll nach einer Umfrage des Linzer Marktforschungsinstituts Imas bereits tätowiert sein.

Seinen Rettungshund Gamba ließ sich Oberstleutnant Manfred Prantl auf den linken Unterarm stechen.
Seinen Rettungshund Gamba ließ sich Oberstleutnant Manfred Prantl auf den linken Unterarm stechen.
- Thomas Boehm / TT

Tendenz steigend. Die Umfrage stammt aus dem Jahr 2016. Tattoos halten sich seit Längerem als Trend zu mehr Individualität. Schon könnte man sie als Zeichen der Zeit betrachten. Zahlreiche neue Studios im Land beweisen es. Deren Besitzer verkünden, Tattoos seien längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Dazu passt eine aktuelle Umfrage des Jobportals karriere.at: 62 Prozent der befragten Arbeitgeber und sogar 70 Prozent der Führungskräfte und Personalmanager sind der Meinung, dass jeder auf seiner Haut tragen kann, was er will.

So weit, so gut — und doch komplizierter. Meine erklärte Mission der letzten Wochen war es, Menschen, deren Tattoos unter der Arbeitskleidung bislang versteckt blieben, vor den Vorhang zu holen. Ein leichtes Spiel, dachte ich, selbst Trägerin zahlreicher gestochener Zeichen. Während meine tätowierten Finger über die Tasten flogen, Mails verschickten und zum Telefonhörer griffen, musste ich aber überraschend viele Absagen entgegennehmen.

Römische Gottheiten und Motive der Maori-Kultur (r.) zieren die Oberarme von Hotel-Gastronomieleiter Thomas Lenzi.
Römische Gottheiten und Motive der Maori-Kultur (r.) zieren die Oberarme von Hotel-Gastronomieleiter Thomas Lenzi.
- Thomas Boehm / TT

Der Schein vom akzeptierten Dasein trügt offenbar.

Bei näherem Hinsehen zeichnet sich nämlich ein anderes Bild. Die äußere Erscheinung ist nach wie vor in vielen Berufen entscheidend. Aufkeimende Individualität soll das Bild der Uniformität nicht trüben. Tattoos sind z. B. bei der Polizei und bei Flugunternehmen zwar seit einigen Jahren erlaubt. Im Dienst dürfen sie aber nicht ersichtlich sein. Sie müssen durch lange Hemdärmel oder Uniformen abgedeckt sein — und vor der Fotokamera sollten sie ebenfalls nicht gezeigt werden. Bei besagter Job-Umfrage gab jeder fünfte Unternehmensvertreter an, so lange kein Problem mit Tätowierungen zu haben, solange man sie nicht sieht.

Auch das kann ein Zeichen der Zeit sein: Individualität gerade so zulassen, öffentlich zur Schau stellen aber bitte nicht. Farbe bekennen, aber hinter vorgehaltener Hand. Zugegeben: Das Wortspiel führt wohl zu weit. Es ist außerdem immer eine persönliche Entscheidung, seinen Körperschmuck allen zu zeigen. Trotzdem: Tattoos taugen offensichtlich immer noch als Aufreger und Abgrenzung, zumindest in gewissem (beruflichem) Rahmen. Tatsache ist aber ebenso: Kleidervorschriften bzw. -gepflogenheiten bestehen, daran ändern Tätowierungen nichts.

Der lateinische Spruch „Den Mutigen (Tapferen) hilft das Glück“ und u. a. zwei Sternzeichen schmücken Arzt David Ostoverschnigg.
Der lateinische Spruch „Den Mutigen (Tapferen) hilft das Glück“ und u. a. zwei Sternzeichen schmücken Arzt David Ostoverschnigg.
- Vanessa Rachle/TT

In vielen Berufen erlaubt

So sind sie in vielen Berufsgruppen mittlerweile erlaubt, z. B. im Gastgewerbe, dem Gesundheitssektor, der Glücksspielbranche. Hemd oder Kittel verhindern aber, dass irgendetwas durchscheint. Selbst das österreichische Bundesheer hat seit Jahren kein Problem mehr mit den gestochenen Zeichen, solange nichts Menschenunwürdiges, Sexistisches oder Strafrechtlich-Relevantes unter die Haut geht.

Meine Mission musste ich aus Mangel an Fotomodellen jedenfalls nicht abschreiben, wie hier unschwer zu erkennen ist. Es meldeten sich zumindest einige wenige mutige Männer. (Die Geschlechterfrage sei kurz ausgeklammert.) Ihre Tattoos sind so verschieden wie ihre Beweggründe. Eines eint sie aber alle: Noch nie hätten sie ein Problem damit gehabt, weder im Beruf noch im Privaten.

Vier Männer, vier Berufe, eine Gemeinsamkeit:

Oberstleutnant Manfred Prantl ist Mitglied der 6. Gebirgsbrigade und Bezirksleiter der Bergrettung in Imst:
„Tattoos sind gesellschaftlich akzeptiert. Sie sind Teil meines Aussehens."
„Food-& Beverage"-Manager Thomas Lenzi leitet im Hotel Ramada in Innsbruck u. a. das Personal in Küche und Service:
„Kleinere Motive sind kein Problem. Tattoos sind modern geworden in unserer Gesellschaft."
Radiologe David Ostoverschnigg ist in der Abteilung Diagnostische und Interventionelle Radiologie am Landeskrankenhaus in Hall tätig:
„Die Leute sind weniger kritisch. Ich wurde auf meine Tattoos noch nie angesprochen."
Croupier Marco Skorjanc arbeitet im Casino Innsbruck u. a. am Roulette-, Black-Jack- und Pokertisch:
„Weder privat noch beruflich gab es schlechte Reaktionen auf meine Tätowierungen."

„Tattoos sind gesellschaft akzeptiert. Früher wurde man noch in eine bestimmte Richtung gedrängt", erklärt Oberstleutnant Manfred Prantl der 6. Gebirgsbrigade. Der Imster ist zugleich Bezirksstellenleiter der Bergrettung und ließ sich ein gestochen scharfes Porträt seines Rettungshundes Gamba auf den linken Unterarm tätowieren. „Wir haben so viel erlebt. Er hat ein Leben gerettet. Das schweißt zusammen."

Einen frei Hand gezeichneten Drachen am rechten Oberarm, der sich durch so genannte Tribals schlängelt, würde er sich im Nachhinein aber lieber sparen. Da wären wir wieder bei den Zeichen der Zeit. Erst im letzten Jahr ist Thomas Lenzi, Gastronomiemanager im Hotel Ramada in Inns­bruck, mit seinem linken Arm „fertig geworden", wie es unter Tätowierten salopp heißt.

Comic-Motive in bunten Farben hat Croupier Marco Skorjanc am rechten Arm und linken Bein tätowiert.
Comic-Motive in bunten Farben hat Croupier Marco Skorjanc am rechten Arm und linken Bein tätowiert.
- Vanessa Rachle/TT

„Ich wollte immer schon meine Arme voll haben. Mein Rücken ist leer, schreit aber nach Farbe", sagt der 32-Jährige. Stellen so großflächige Motive wie seine nach wie vor etwas Besonderes dar, seien kleine Tattoos „längst akzeptiert", findet er. Lenzis Vater, ein Manager bei einer Versicherung, trägt selbst ein solches. Genau hinschauen gilt es hingegen beim Radiologen David Ostoverschnigg vom Landeskrankenhaus Hall. Seine permanenten Andenken sind filigran und am Oberkörper verteilt. „Auf meine Tattoos wurde ich von Patienten noch nie angesprochen. Die Leute sind weniger kritisch als gedacht", berichtet der 34-Jährige. Er muss aber zugeben, dass er gegen Marco Skorjanc, den er vom Fitnessstudio kennt, ein „Waserl" sei. Der 43-jährige Croupier vom Casino Innsbruck ließ sich einen Arm und ein Bein mit kunterbunten Comic-Motiven schmücken. Durch die Dienstkleidung schimmert davon nichts durch. „Tattoos sind in der Gesellschaft angekommen", gibt auch er zu Protokoll. An Seefahrer oder Häftlinge denkt dabei sicher längst keiner mehr.

Warum Tattoos unter die Haut gehen

Fest steht bereits länger, dass fast die gesamte Tinte durch die oberste Hautschicht (Epidermis) hindurchgeht und sich in der darunterliegenden Lederschicht (Dermis) festsetzt. Dort sitzende Fresszellen (Makrophagen) nehmen die Farbpigmente auf. Bis zu 100 Tinten-Partikel können sich in einer einzigen Zelle befinden. Warum die Farbe trotz ständiger Erneuerung der Haut dauerhaft dort bleibt, hat Biologin Helen Strandt von der Universität Salzburg jüngst entdeckt. „Nach dem Tod eines mit Tinte gefüllten Makrophagen nimmt genau an derselben Stelle ein neuer Makrophage die Tinte auf. Da der Prozess ziemlich schnell, ungefähr innerhalb von 10 Tagen, vonstatten geht, können sich die Pigmente nicht im Körper verteilen und z. B. durch Lymphflüssigkeit abtransportiert werden.“ Zusätzlich würden Bindegewebszellen (Fibroblasten) weitere Tinte lange Zeit in sich tragen. (deda)