Letztes Update am Fr, 26.08.2016 15:43

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Südafrika

Im Tuk-Tuk durch die Townships

Vor fast 40 Jahren war Soweto Schauplatz blutiger Befreiungskämpfe der schwarzen Mehrheit gegen das weiße Apartheid-Regime, heute ist es ein Open-Air-Museum. Jedenfalls, wenn man mit Lungi durchfährt, der damals hautnah dabei war.

Lungi (l.) führt eine Touristin durch Soweto. Mit dem Tuk-Tuk geht es über die Schlaglochpisten.

© BrünjesLungi (l.) führt eine Touristin durch Soweto. Mit dem Tuk-Tuk geht es über die Schlaglochpisten.



Mit 13 sieht Lungi aus wie 16. Darum stoppen Polizisten ihn 1978 in Johannesburg, verlangen sein Pass-Book – die von Farbigen ab 16 Jahren bei sich zu tragende Eintrittskarte in die „weiße“ Stadt, wo Schwarze als billige Arbeitskräfte gefragt, als Bewohner hingegen unerwünscht sind. Hausen muss Lungis Familie damals – wie Millionen andere – vor den Toren von Südafrikas größter Metropole in so genannten Townships. „Von dort hasteten meine Eltern in die City, konnten den Polizisten schließlich klarmachen, dass ich noch kein Pass-Book führen und also nicht für drei Monate ins Gefängnis muss – die übliche Strafe für alle, die es nicht dabei hatten“, erzählt Lungi, heute 49, beim ersten Stopp unserer Tour auf einer Anhöhe.

Von hier blicken wir auf ein scheckiges, rot-graues Panorama: Dächer Abertausender geduckter Hütten. „Nur ein Teil der South Western Townships, kurz Soweto, einst Zusammenschluss von 30 solcher Schwarzen-Siedlungen“, erklärt Lungi, „heute eine Stadt mit geschätzt fünf Millionen Einwohnern, davon etwa zehn Weiße.“ Vom Leben der Schwarzen unterm Willkür-Regime der Apartheid sollen wir hier erfahren – buchstäblich, denn nun fährt Lungi mit uns los im quietschgelben Tuk-Tuk, einem indischen Zweitakter-Dreirad, schmal und wendig genug für Sowetos enge Gassen und so auffällig, dass es ganz nebenbei ein rollender Werbespot ist für diese außergewöhnliche Stadtrundfahrt.

Mais-Zucker-Brot-Drink statt Bier

Auf lehmig-roten Schlaglochpisten geht’s in ein Barackenviertel. Milchige Rinnsale aus Abwasch und Altöl versickern im Gras – Kanalisation gibt’s nicht, Klos sind Gemeinschafts-Dixis zwischen Baracken. Unbehagliche Déjà-vu-Eindrücke für uns, denn genauso ist Soweto abgespeichert im Kopf-Archiv aus den Siebzigern. Quasi in diese Nachrichten-Schnipsel steigen wir nun hautnah ein, betreten unter Lungis Führung die dunkelste aller Wellblechbuden, murmeln verunsichert „sani bonani“, den zuvor gelernten Morgengruß. Eher unpassend für die „Shebeen“, eine von Sowetos einst illegalen Kneipen. Dunkle Gestalten dämmern auf Holzbänken vor sich hin, ein Holzkelch mit schäumender, rosafarbener Brühe macht die Runde. „Umqombothi“ – ein Gebräu aus Mais, braunem Zucker und Brot. „Bier hatten die Weißen uns verboten“, erklärt Lungi, das hier war der Ersatz – bis heute die Nummer 1 in Soweto, längst kommerziell abgefüllt in Tetrapacks. Schmeckt schal und ist gemäß altem Ritual mit Bullenfell auf dem Kopf zu schlürfen. Die Sättigungsbeilage dazu: „Butu“ – per Finger gerollte, weiße Maisbällchen mit fettigen Fleischfetzen vom Rinderkopf: Wange, Zunge, Ohr ...

Ein Wandbild zeigt das große Idol der Südafrikaner, vor allem von den Einwohnern der Townships.
Ein Wandbild zeigt das große Idol der Südafrikaner, vor allem von den Einwohnern der Townships.
- Brünjes

Wieder auf der Straße zeigt Lungi auf karge Steinhütten, frühere Hostels: Darin mussten alleinstehende Schwarze vegetieren – zu acht auf neun Quadratmetern: Liege-Batterien aus Matratzen, Männer und Frauen streng getrennt – Beziehungen oder Familiengründung unerwünscht. Fast mehr als die Stimme des Guides erzählt sein Gesicht solche Geschichten – es spiegelt erlebte und erlittene Qualen, verknittert dabei. In diesem Moment aber auch wegen des Fußballplatz-großen Müllhaufens zwischen den Hütten. „Corruption“, zischt Lungi und beteuert, Mandela hätte so was nicht zugelassen, aber seine Nachfolger seien unfähig und raffgierig, das vom Staat bereitgestellte Geld für die Müllabfuhr verschwände in dunklen Kanälen. Mehr noch: Ein paar Meter weiter neben brüchigen, Gartenlauben-artigen Soweto-Einheitshäuschen mit Asbest-Dächern stehen moderne, dreistöckige Mehrfamilienhäuser für etwa 5000 Menschen. Nelson Mandela habe sie bauen lassen und den Bewohnern Sowetos versprochen, sie könnten dort mietfrei wohnen. Nun aber wolle die Regierung doch Miete. Keiner könne sie zahlen bei 25 Prozent Arbeitslosigkeit, darum stehe alles leer.

Hector Pieterson war 1976 das erste Opfer bei Schüler-Protesten gegen die Regierung. Ein Mahnmal erinnert daran.
Hector Pieterson war 1976 das erste Opfer bei Schüler-Protesten gegen die Regierung. Ein Mahnmal erinnert daran.
- Brünjes

Das Tuk-Tuk knattert weiter in bessere Gegenden Sowetos, mit breiteren, geteerten Straßen und gemähtem, eingezäunten Rasen. Doch auch diese Idylle hat Horror-Historie. Hierher wurden viele Schwarze aus Sophiatown umgesiedelt – vertrieben aus ihren Häusern, bekamen sie nur einen Zettel in die Hand mit neuer Meldeadresse in Meadowlands. Oft genug eine Fehlinformation, ganze Familien standen so zunächst ohne neues Heim da, während ihr altes vom Bulldozer plattgewalzt worden war. Untergebracht wurden die Menschen dann meist in „The Train“, erzählt Lungi und zeigt auf Hunderte Meter lange Häuserreihen, die mit ihren Wellblechdächern aussehen wie Eisenbahnwaggons. „Fast täglich klingelte die Polizei, checkte, wie viele Menschen im Hause sind, warf Besucher oder nicht gemeldete Personen raus“, erinnert sich der Guide und lächelt erstmals: „Wir drehten den Spieß um, übermalten sämtliche Straßennamen an Hauswänden; so fehlte der Polizei die Orientierung, sie konnte keine Razzien mehr machen.“ Spricht’s und zeigt auf ein konserviertes Beispiel dieses Pinsel-Protests in der Mpulo-Street.

Regierung gegen Schüler

Sowetos Bewohner taxieren uns abwartend, teils mürrisch – offenbar unsicher, was zu halten ist von diesen neugierigen Weißen im gelben Knattermobil. Doch auf jedes Lächeln oder Winken reagieren sie sofort offen und freundlich. Ja, skeptisch seien viele noch, hätten Weiße eben als Feinde kennen gelernt, meint Lungi. Besonders ab 1974, also vor 40 Jahren. Da verschärfte Südafrikas Regierung die Benachteiligung schwarzer Schüler: Erst vier Jahre Unterricht in Stammessprache, ab Klasse 5 dann einige Fächer in Englisch, einige in Afrikaans, der auf Niederländisch basierenden Burensprache. Kein Schwarzer konnte sie, auch viele Lehrer nicht. Um ein Jahr wird die Schulzeit für Schwarze verkürzt, Bücher mussten sie bezahlen, die durchweg reicheren weißen Familien nicht. Sie durften zudem zwischen Afrikaans und Englisch wählen. Das Ziel: Schwarze von Bildung und Aufstiegschancen fernhalten. Am 16. Juni 1976 streiken und protestieren 15.000 Schüler in Soweto dagegen. Die Polizei greift hart durch, schießt scharf, fast 600 Menschen sterben an diesem und den nächsten Tagen, überwiegend Demonstranten.

Das Tuk-Tuk fährt durch die besseren Gegenden Sowetos, mit geteerten Straßen.
Das Tuk-Tuk fährt durch die besseren Gegenden Sowetos, mit geteerten Straßen.
- Brünjes

Einer der ersten: Hector Pieterson, ein 13-Jähriger. Vergeblich schleppt ein Mann den verwundeten Jungen noch zur Klinik, begleitet von Hectors entsetzter Schwester. Dieses Foto steht in Plakatgröße unweit des Tatorts, ist Blickfang der Hector-Pieterson-Gedenkstätte und eingefrorener Wendepunkt südafrikanischer Geschichte. „Einmal um die Welt gegangen, löste es so heftige internationale Proteste aus, dass das weiße Regime seine Apartheidpolitik lockern musste – der Anfang vom Ende“, sagt Lungi sehr nachdenklich. Als Elfjähriger war er bei den Protesten dabei, heute glücklich, lebend davongekommen zu sein.

Tuk-Tuk-Fahrer Lungi war als 11-Jähriger bei den Protesten 1976 dabei. Er ist froh, lebend davongekommen zu sein.
Tuk-Tuk-Fahrer Lungi war als 11-Jähriger bei den Protesten 1976 dabei. Er ist froh, lebend davongekommen zu sein.
- Brünjes

Ein paar hundert Meter weiter biegen wir ein in die weltweit einzige Straße mit Häusern zweier Friedensnobelpreisträger: Bischof Tutu und Nelson Mandela. Auf den Bürgersteigen eine Sitzblockade der Souvenirhöker, vor allem mit Mandela-Shirts, -Sprüchen und -Fotos. Im Mandela-Haus, einer Erinnerungsstätte, sind wir rasch weit weg vom rauen Alltag Sowetos: akkurat drapierte Ehrendoktor-Urkunden statt schmuddeliger Wäsche auf der Leine, Winnie Mandelas weißes Bett statt durchgelegener Pritschen. Doch kaum wieder draußen, hat Lungi noch ein Stück Township zum Anbeißen: „Kota“, eine Weißbrottasche mit Bohnen, gekochter Mango und Karotten drin – der typische Soweto-Burger. (Stephan Brünjes)




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